Honda VFR: 20 Jahre Modellchronik und Gebrauchtcheck (Archivversion) Hü oder hott? Flotter Sportler oder robustes Reisemobil? Ähhhh, mhhhh, na ja, so halbe-halbe vielleicht? Ein Touren-Renner also? Oder gar nix von beidem? Eines stand für mich 1986 fest: Die Antwort, mein Freund, kennt wirklich nur der Wind. Honda jedenfalls nicht. Alu-<br /><br /> Brückenrahmen, Zentralfederbein, bissige Bremsen und mittendrin eine Maschine, die jeden gestandenen Motorrad-Freak aus den Stiefeln reißt: der V4-Motor. Kehlig knurrend, kompakt geschnürt und jede Schraube, jedes Detail ein mechanisch und technischer Vollrausch. Und mit nominell 100 PS zeigte die VFR 750 in Sachen Motorleistung zu jener Zeit selbst der <br /><br /> giftigen Suzuki GSX-R die Stirn, die diesbezüglich auch nicht mehr zu bieten hatte. Beim Gewicht lag die Honda mit fahr-<br /><br /> fertigen 230 Kilogramm allerdings deutlich über dem 201-Kilo-Fliegengewicht. <br /><br /> Da sich die Superbike-Szene 1986 im Rennsport auszubreiten begann, schob Honda für die VFR 750 F kurzerhand noch einen HRC-Renn-Kit nach. Ergo doch ein Racer, der Tourer? So richtig gerafft habe ich es damals nicht, als mich Tuning-Künstler Kurt Stückle zu einer Probe-<br /><br /> fahrt in den Sattel der Racing-VFR von <br /><br /> Honda Kraft in Kißlegg im Allgäu bittet. <br /><br /> Was&#146;n jetzt los? Tourensemmel mit Slicks? <br /><br /> Fühlte sich aber rattenscharf an, das Teil, und schlug mit knalligem V4-Sound eine akustische Schneise ins damals schon mono-tone Reihenviertakt-Revier, die sich gewaschen hatte. Schade, schade, ich <br /><br /> kann&#146;s akustisch nicht nachmachen &#150; und wenn, könnte man&#146;s beim Lesen ja leider eh nicht hören.<br /><br /> Wochen später kommt die Erleuchtung. Mitten auf einer Vogesen-Tour, zwischen Ballon d&#146;Alsace und Moselquelle beim knisternden Lagerfeuer mit frisch <br /><br /> gefangenen Forellen, bröseligem Baguette und einer Flasche spritzigem Edelzwicker, hat&#146;s gefunkt. Wie die VFR 750 F so <br /><br /> dasteht &#150; angespannt, gedrungen, richtig-<br /><br /> gehend gepresst. Das kann nur der Anfang sein. Wer so einen hammermäßigen Motor baut, hat mehr vor, als neugierige Motorrad-Touristen gemütlich durch die L

Nicht genug, dass sich der V4 bereits in seiner Grundkonstruktion aufwendiger gestaltete als die Reihen-vierzylinder, steuerten beim VFR-Motor statt der üblichen Ketten zwei Zahnradkaskaden insgesamt vier Nockenwellen und Einzel-Schlepphebel die Ventile. Mit 100 PS bei 10500/min war Hondas Newcomer der supersportlichen Konkurrenz ebenbürtig, in Sachen Laufkultur und Leistungsentfaltung sogar überlegen. Trotz der 230 Kilogramm Gewicht attestierte die Testmannschaft der VFR ein brillantes Handling bei bester Fahrstabilität. Was ihr unterm Strich zum klaren Testsieg verhalf, vor Suzuki GSX-R 750 und Yamaha FZ 750.

Die Klassische

Bauzeit: 1986 bis 1989
Neupreis (1986): 12243 Mark
Bestand: zirka 3100 Stück

Marktsituation/Preise: Nach massiven technischen Problemen, die sich Honda mit den ersten V4-Motoren (VF 500, VF 750 F und VF 1000 F) einfuhr, sollte die neue VFR 750 F alles auf den Kopf stellen. Zuverlässigkeit und Langlebigkeit machen Hondas zweiten Anlauf zur ersten Wahl für viele Kilometerfresser. Von den einst rund 4600 offiziell zugelassenen 750ern der Baureihe RC 24 sind noch rund 3100 Maschinen im Bestand des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) gelistet. Die knapp zwei Jahrzehnte alten Youngtimer werden von ihren Besitzern jedoch gut gehütet, das Angebot ist äußerst überschaubar. Der Einstieg beginnt bei rund 1500 Euro für top gewartete Maschinen, exzellent gepflegte Exemplare kosten rund 2500 Euro.

Besichtigung: Der erste Blick auf den Tacho sollte nicht abschrecken. Die VFR ist viel gefahren worden, Kilometerstände unter 50000 sind auf dem Gebrauchtmarkt die absolute Ausnahme. Doch motorenseitig tauchen selbst bis weit in den sechsstelligen Bereich kaum Probleme auf. Wichtig ist die regelmäßige Wartung. Besonders bei
Maschinen mit sehr hohen Kilometerleistungen sollte ein genauer Blick auf die Lager (Lenkkopf, Schwinge, Räder) gerichtet werden.

Fazit: Klare Sache, der Biedermann-Look im klassischen Honda-Kleid ist mittlerweile reine Fan-Sache. Pragmatisch veranlagte Nostalgiker sollten nach der modellgepflegten RC 24 ab 1988 Ausschau halten, die mit 17-Zoll-Bereifung an Sportlichkeit wie Tourentauglichkeit zugelegt hat.

Tests in MOTORRAD: 5/1986 (FB), 7 und 8/1986 (VT), 1/1988 (LT), 18/2005 (GK)

FB=Fahrbericht, VT=Ver-gleichstest, LT=Langstreckentest, GK=Gebrauchtkauf

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