Honda X-11 (Archivversion) Hopp oder Top?

Technisch hat die Honda X-11 als Naked Bike keine Konkurrenz zu fürchten. Doch der Verzicht auf Retro-Design schreckte Traditionalisten ab. Ideal für Gebrauchtkäufer?

Unter technischen und fahrdynamischen Aspekten kann bei unverkleideten Big Bikes kein anderer Hersteller auf so viel Erfahrung zurückblicken wie Honda. Schließlich erfand der weltweit größte Motorradhersteller einst die CB 750, die als Mutter aller großvolumigen Naked Bikes gilt. Und das bereits 1969, zu einer Zeit, als der Rest der Motorradwelt entwicklungstechnisch quasi noch auf den Bäumen hockte.Doch Design und hoher Verkaufspreis lassen das Kundeninteresse im letzten Jahrzehnt hinter den Erwartungen zurückbleiben, siehe Honda CB 1000 Big One. Auch mit dem nackten Derivat der CBR 1100 XX, der X-11, seit Herbst 1999 auf dem deutschen Markt, hinkt Honda in Sachen Stückzahlen gegenüber der kostengünstigen, erfolgreichen Suzuki Bandit 1200 und auch gegenüber der Kawasaki ZRX 1100/1200 sowie der Yamaha XJ R1200/1300 hinterher. Obendrein macht der X-11 die neu kreierte große Honda Hornet seit Anfang dieser Saison als ästhetisch gefälligerer Wurf die Absatzchancen zusätzlich schwer.Beste Voraussetzungen also, um eine der knapp 2000 hierzulande zugelassenen X-11 gebraucht günstig an Land zu ziehen? Wenn die Zeichen nicht trügen, ist dieser Plan schneller ausgeheckt als realisiert. Denn X-11-Besitzer, die sich mit dem ungewöhnlichen Design ihrer Maschine zusammengerauft haben, sind nur selten bereit, sich von ihr zu trennen. Das liegt zum Großteil an der hohen Zuverlässigkeit der Honda – eklatante Schwächen sind nicht bekannt. Außerdem schätzen X-11-Treiber das außerordentliche motorische und fahrwerksseitige Potenzial ihrer Maschine. Die Mixtur aus modifiziertem CBR 1100 XX-Triebwerk mit zeitgemäßer Saugrohreinspritzung, geregeltem Kat, aufwendigem CBS-Verbundbremssystem sowie einem sportlich straffen, stabilen Fahrwerk findet sich in der Kategorie unverkleideter Big Bikes sonst kaum. Die aerodynamisch anmutenden Mittel wie die spoilerartige Kühler- und Instrumentenverkleidung scheinen dagegen eher Showelemente zu sein; mit der Fahrstabilität im Hochgeschwindigkeitsbereich hat die direkte Konkurrenz auch ohne diese Gimmicks wenig Probleme.Mit dem ideal übersetzten Fünfganggetriebe spurtet der große Vierzylinder so brachial vorwärts, dass die X-11 auch heute noch rekordverdächtige Fahrleistungen zuwege bringt. 60 bis 180 km/h zum Beispiel erledigt sie in 11,7 Sekunden im letzten, dem fünften Gang gegenüber der XX (die allerdings im längeren sechsten) gut drei Sekunden schneller. Mit diesem elastischen Triebwerk könnte die Schaltarbeit des linken Fußes nahezu eingestellt werden, sogar Anfahren im letzten Gang ist möglich.Für kurzarmige Piloten allerdings ist die Sitzposition nicht ganz unbeschwert, zu sehr müssen sie den Oberkörper über den massigen Tank spannen. Ein Superbikelenker sowie eine höhere Gabelbrücke schaffen Erleichterung beim Handling, dafür hängt der Fahrer kräftezehrend im Luftstrom. Vielleicht sollte Honda sich entschließen, bei einer Modellpflege serienmäßig eine kleine Verkleidung à la großer Yamaha Fazer anzubieten.Wer immer noch ästhetische Skrupel hat, dem sei eine Probefahrt empfohlen. Die Qualitäten der X-11 räumen mögliche Zweifel schnell aus dem Weg.

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