Honda XRV 650 Africa Twin (RD03) (Archivversion)

Beziehungskiste

Liebe auf den ersten Blick – 1988 zog die Honda Africa Twin ganze Scharen von Enduristen, Landstraßenheizern und Abenteurern mit Fernweh in ihren Bann. Viele schworen ihr ewige Treue. Nun, 2003, nimmt Honda das Motorrad vom Markt.
Die meisten XRV sind mit ihren Fahrern glücklich verheiratet – eine Ur-Twin sucht indes immer noch den richtigen Partner.

Nur Ärger mit den Typen. Meine Güte, es kann doch nicht so schwer sein, den Mann fürs Leben zu finden. Andere in meinem Alter sind schon längst unter der Haube, nur ich nicht. Zu dick, zu alt, zu langweilig – frustrierend, mit welchen Begründungen meine Ex-Partner mich abserviert haben. Aber was soll’s, ich hab’s überlebt. Heute ist mein Geburtstag. Ein guter Zeitpunkt, auf mein bisheriges Leben zurückzublicken. Pardon, wie unhöflich, ich habe mich noch nicht vorgestellt: XRV 650 RD03 ist mein Name. Geboren 1988 im japanischen Hamamatsu. Ich bestehe auf die korrekte Anrede, schließlich bin ich die älteste aller Geschwister, die auf den Namen Honda Africa Twin hören. Mein erster Partner verliebte sich in mich auf den ersten Blick. Ein netter Kerl, der die 10750 Mark mühevoll zusammenkratzte und dem Händler stolz auf den Tresen legte. Er nahm mich mit zu Geländeausflügen über Wald- und Feldwege, und wir verreisten viel. Nichts und niemand könne uns trennen, dachten wir damals. Wir waren jung und wollten abhauen: Afrika, Asien, Australien, Amerika, egal, Hauptsache nicht Augsburg. Doch seine Eltern waren dagegen. Sein Geldbeutel auch. Als Student hatte er sich mit mir finanziell übernommen und ließ mich einfach stehen, als ihm selbst für das Benzin die Kohle ausging. Nach drei Jahren – klar, Schluss.Der nächste war ein Ekelpaket. Weiß gar nicht, wie ich an den geraten konnte: übergewichtig, faul, ein notorischer Besserwisser. Fuhr mit mir auf langweiligen Autobahnen zu noch langweiligeren Tourertreffen. Und erzählte jedem, dass er den Sportlern meine Rückleuchten zeige. Weil ich so agil die Spitzkehren umzirkele. Weil 57 PS dank Leistungs-Kit für eine verwinkelte Landstraße mit geflicktem Asphalt mehr als genug seien. Stimmt, so stand es auch in der Fach-presse. Mit meinem Fahrer erlebte ich allerdings nie mehr als 15 Grad Schräglage. Ein schmieriger Blender, der sich nur im mittleren Drehzahlbe-reich vergnügen wollte, um Benzin zu sparen. Statt zusammen exstatisch bei 7000 Touren höchste Wonnen zu erleben. Mit Plastikkoffern, Topcase und Tou-renscheibe verschandelte er mich, setzte sich mit seinem dicken Popo auf meine Sitzbank und beschwerte sich dauernd über den mangelnden Komfort. Tja, das Dickerchen mit Klapphelm und modisch unvorteilhaf-ter Textilkombination hätte sich doch besser für einen Straßentourer mit Griffheizung entschieden. Abseits befestigter Wege lief mit diesem Typen sowieso nichts. Ich bin lieber mit aktiven Menschen zusam-men. Schließlich stamme ich von der Dakar-Sieger-maschine von 1986 bis 1989 ab, der NXR 750. Rallye-Piloten mokieren sich jedenfalls nicht über zu schmale Sitzgelegenheiten. Obwohl ich zugeben muss, dass die Bank wirklich nicht bequem ist. Kritik über den Sitzplatz hört man allerorts von XRV-Fahren, die sonst an Lob nicht sparen. Gibt ja auch nicht viel auszusetzen an mir, behaupte ich mal. Als zuverlässige Partnerin empfehle ich mich hauptsächlich Vielfahrern – Sportfahrer nähern sich eher vorsichtig an. Serienmäßig 50 Pferdchen kommen denen wohl etwas mickrig vor. Nebenbei bemerkt, ich stehe auf furchtlose und durchtrainierte Abenteurer mit sexy Dreitagebart. Doch zurück zum Thema: 1994 war ein einschneidendes Jahr. Da kam so eine neue Kuh aus Bayern. Mann, räumte die ab! Hubraum, Leistung und Drehmoment satt. Zwei dicke Dinger am Motorblock – richtig was zum Hingucken. Und wir Africa Twin mussten die Krone der beliebtesten Reiseenduro abtreten. Bis dato hatten wir eine sehr gute Figur gemacht, diverse Vergleichstests gewonnen, waren Everybody’s Darling. Super Ténéré, Paris-Dakar, Elefant, Tiger, Quota – große Namen, aber keine konnte uns das Wasser reichen. Ich war stolz, eine Africa Twin zu sein. Doch der blöde Tourenfahrer? Brauste auf der BMW R 1100 GS glatt davon. Nicht wirklich schade. Das Schicksal eines Ladenhüters blieb mir zum Glück erspart. Kaum vier Wochen, nachdem er mich beim Händler in Zahlung gegeben hatte, bändelte wieder jemand mit mir an. Eine Frau! Anfangs stand ich der homoerotischen Beziehung skeptisch gegenüber, aber diese Frau liebte mich wirklich. Jeden Morgen streichelte sie mir liebevoll über den Tank, dann fuhren wir zusammen zur Arbeit, zum Einkaufen oder ins Kino. Alle Wartungsarbeiten erledigte allerdings ihr Mitbewohner. Mal ein neuer Kettensatz – Ketten haben bei mir nur ein kurzes Leben –, mal ein Paar Reifen, Ölwechsel, Luftfilter – das Übliche halt. Der Mitbewohner war Motorrad-Enthusiast. Autoführerschein? Hielt er für Blasphemie. In seinem Fuhrpark standen mehrere Bikes: Klassiker, Sportler, Tourer, Geländemaschinen. Und? Immer häufiger blieben die Garagen-Genossen stehen, weil er heimlich mit mir ausflog. Als meine Frau aus der WG auszog, gelang es dem Mitbewohner, mich ihr auszuspannen. Hätte der Mann meines Lebens werden können. Seine treue Fürsorge beeindruckte mich. Ich revanchierte mich mit absoluter Pannenfreiheit und war seine Liebste für den Alltag – das war gut, aber auf Dauer tödlich für die Beziehung. Uns fehlte das gewisse Knistern. Nach 45758 gemeinsamen Kilometern hat er Schluss gemacht. Ich war komplett am Ende. Dann kam der andere, ein Kumpel aus seiner Motorradclique. Ein wilder Hund, der mich völlig entfesselte.Das Glück währte kurz. Der Kumpel entpuppte sich als Brutalo. Gut, ich bin ein Geländemotorrad und kann einiges wegstecken. Doch er hat es zu weit getrieben. Mit 220 Millimeter Federweg vorn und 210 hinten schlucke ich die meisten Schläge, doch meterweite Sprünge auf einem Motocross-Parcours waren zu viel. Oft musste ich mit Kratzern, Beulen und zerborstenen Verkleidungsteilen in die Notaufnahme der Werkstatt. Es war grausam. Knappe Anbauteile einer KTM sollte ich anziehen! Sähe »rattenscharf« aus, meinte er. An der Liaison mit dem Rüpel bin ich nur deshalb nicht zerbrochen, weil er mir eine große Reise versprach: »Raus aus Deutschland, nur wir beide...« Er machte die große Reise. Ohne mich. Kurz bevor es losgehen sollte, brannte er mit einer Österreicherin durch. Adventure hieß sie, glaube ich. Nicht dass ich eifersüchtig bin, aber was an dieser magersüchtigen Einzylinder-Tussi so attraktiv sein soll, weiß ich bis heute nicht. Ach, sollen die beiden doch ans Ende der Welt fahren – und dann mit Motorschaden liegen bleiben... Ich muss ja zugeben: Bei mir ist der Lack ab. Äußerlich. Im Inneren bin ich so flügge wie am Anfang. Ich gehe jetzt auf die 100000 Kilometer zu und bin kein bisschen müde. Wenn ein Motorradjahr mit vier Menschenjahren gleichzusetzen ist, wäre ich bald Rentnerin. Klar, andere sind stärker, schneller, leichter, bequemer, angesagter. Trotzdem: Ich möchte an meinem Lebensabend nicht alleine versauern. Gibt’s denn niemanden, der ohne Wenn und Aber »Ja« zu mir sagt? In guten wie in schlechten Tagen? Ich kenne viele Africa Twin, die noch mit dem ersten Fahrzeugbriefeintrag liiert sind. Ewige Treue, große Liebe, ist doch schön, oder? Besonders meine jüngere Schwester RD07 bekommt einen idealen Schwiegersohn-Typen nach dem anderen ab. Weil sie klaglos alles mitmacht. Ich etwa nicht? Na ja, die 07 ist schon ein Zuckerstück: tieferer Schwerpunkt, mehr Leistung, rundere Formen. Das macht an. Unsere Mittlere, die RD04, fristet ein Mauerblümchen-Dasein, obwohl sie genau wie die Jüngste 750 cm3 und eine Doppelscheiben-Bremse hat. Dafür bringen beide locker über 230 Kilogramm auf die Waage – trotz Midlife-Crisis hab’ ich mich mit rund 220 Kilo da echt besser gehalten. So, genug Familiengeschichten. Meinen Neuen kenne ich erst seit ein paar Monaten. Gestern Nacht kam er und sagte, ich sei die Richtige für ihn. Die neuen Reiseenduros – viel zu glatt. An mir schätze er die Reife und Zurückhaltung, sprach von einer gemeinsamen Zukunft. Und von Afrika. Wir würden Wüsten und Meere sehen, zusammen durch dick und dünn gehen. Bald werden wir in Casablanca sein, danach geht’s weiter gen Süden. Ich denke, dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.
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Impression: Honda XRV 650 Africa Twin (Archivversion)

Motor: wassergekühlter V2-Viertakt-Motor, drei Ventile pro Zylinder, Hubraum 647 cm3, Bohrung x Hub 79 x 66 mm, 37 kW (50 PS) bei 7000/min, max. Drehmoment 55 Nm bei 5500/min. Fahrwerk: Einrohrstahlrahmen mit geteilten Unterzügen, Showa-Telegabel, Ø 43 mm, 220 mm Federweg, Showa-Zentralfederbein, 210 mm Federweg, verstellbare Federbasis und Zugstufendämpfung, Scheibenbremse vorn und hinten, Ø 296/240 mm, Reifen 90/90-21, 130/90-17, Radstand 1555 mm, Lenkkopfwinkel 62 Grad, Tankinhalt 25 Liter, Gewicht vollgetankt 222 kg. Preis 1988: 10750 Mark.

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