Honda XRV 750 Africa Twin (Archivversion)

Baujahr 1995, aktueller Kilometerstand: 46383, gefahren: 10016 Kilometer

Ja, sie ist ein Traum. Mein ganz persönlicher Traum der idealen Reisemaschine. Außer diversen XTs und GS gibt es kein anderes Motorrad, das den Mythos Fernreise so konsequent transportiert und derart gute Touringqualitäten bietet. Sie gilt, von kleinen Schwächen mal abgesehen, als robuste Konstruktion. Eine Göttin auf zwei Rädern, gutes Fahrwerk, unkaputtbarer Antrieb, komfortabel und –eine adäquate Bereifung vorausgesetzt – auch noch auf üblen Pisten mobil.

Also gab es kein Halten mehr, als unsere XRV 750 damals wie aus dem Ei gepellt beim Händler stand. Hinzu kam, dass sie nur 36367 Kilometer gelaufen war und dem letzten „guten“ RD 07-Jahrgang Ende 1995 entstammte. Umso größer war die Ernüchterung, als die Angebetete mit miesen Bremsen und diffusem Einlenk-verhalten auffiel. Das Lenkkopflager rastete leicht, der dritte Gang sonderte Getriebe-Ärger prophezeiende Heulgeräusche ab, die Tachowelle gab den Geist auf, ein losvibriertes Batteriekabel sorgte für Dienstverweigerung. Ein Blick unter das schicke Kleid offenbarte, dass ihr Inneres nie gepflegt worden war. Hatte man den Kilometerstand manipuliert, litt die XRV an Standschäden?

Es galt zu handeln: Den runtergerittenen Reifensatz tauschten wir genauso aus wie die festhängenden Bremskolben, die maroden Bremsleitungen und -Beläge, das Lenkkopflager und die Tachowelle. Jetzt näherte sich die Twin der Form, für die sie bekannt ist. Was sich auch im Fahrtenbuch niederschlug: Die beißenden Kritiken nahmen ab. Von vertrauenerweckendem Fahrgefühl war die Rede, und selbst Novizen bescheinigten der betagten Dame Wohlfühlpotenzial, Komfort und Sicherheitsreserven. In einem intimen Zwiegespräch erläuterte ich ihr, dass ihr Sympathiebonus jetzt trotzdem endgültig aufgebraucht sei.

Aber meine Autorität war nicht stark genug. Auf der Fahrt Stuttgart–Hamburg im sintflutartigen Dauerregen ließen Zündaussetzer weiteres Unheil erwarten. Mitten im Produktionsstress einer Reisereportage rund um die Lüneburger Heide quittierte der Anlasser seinen Dienst. Immer mühsamer ließ sich die Twin anschieben, die Lichtmaschine lud nicht mehr, keine Bordspannung. Ein verschmorter Stecker am Lichtmaschinen-regler hatte letztlich Regler und Batterie irreparabel beschädigt. Beides tauschten wir aus. Fortan lief die Africa Twin wie am Schnürchen. Es blieben eine rupfende Kupplung und das Heulen im dritten Gang. Die typische Schwachstelle Benzinpumpe trat bis dato nicht auf.

Davon abgesehen konnte ich auf rund 7000 Twin-Kilometern die Stärken der Maschine genießen: Auch mit voll-beladenen Alu-Kisten Geradeauslauf ohne Pendelei, souveräne Kurvenlage und passabler Windschutz. Sehr schön, doch das konnte die Scharten nicht mehr auswetzen. Resümierend muss ich zerknirscht feststellen, dass auch eine Africa Twin zu den gewöhnlichen Sterblichen zählt, dass unser Testexemplar mit Sicherheit kein guter Kauf war und deutlich zu hohe Kosten verursachte. Mein Traum hat schwer gelitten. Aber ganz ausgeträumt ist er noch nicht.

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