IDM-Honda CBR 1000 RR Fireblade von Alpha-Technik Meister im Detail

Vorspann

Foto: Künstle
Es ist ein lauter, heller Ton, als ob ihn eine extrem kräftig geblasene Trompete ausstößt – jedes Mal, wenn Michael Schulten seine Honda Fireblade mit Vollgas eine Gerade entlangscheucht. Ein
klarer Ton, ohne Nebengeräusche. Was so gut klingt, muss gut funktionieren, der Schluss drängt sich dem Zuhörer unwillkürlich auf. Zu Recht: Schulten wurde mit dieser Honda 2004 deutscher Superbike-Meister. Mit diesem Vierzylinder, dessen Klang in den Ohren von Thomas Franz reinste Blasmusik ist. Sein Werk, dass Schultens Motorrad so perfekt ist.
Wäre Franz ein Misston zu Ohren gekommen, hätte sich das Bewusstsein des 41-jährigen Tuning-Spezialisten quasi direkt in den Motor gebeamt. Im Geist hätte er noch während des Rennens versucht, zwischen Einspritzelektronik, Nockenwellen, Ventilfedern und Steuerkette den Störenfried zu ermitteln. Jedes Teil kennt
Thomas Franz persönlich – er hat sie alle in der Hand gehabt, bevor sie an ihren Platz in dem Triebwerk montiert wurden. Das
ist aufwendig. Aber Josef Hofmann und Josef Meier, die Chefs der Firma Alpha-Technik, für deren Rennteam Schulten fährt und Franz schraubt, produzieren und verkaufen Hightech-Zubehör für Motorräder – da muss alles picobello sein, darf lieber ein bisschen zu viel als zu wenig
getüftelt werden.
Kaum anzunehmen, dass sich die Alpha-Techniker in die Karten schauen lassen. Doch Hofmann winkt ab: »Es gibt kein Geheimnis. Das technische Reglement der IDM ist dafür zu eng.« Tatsächlich müssen praktisch alle leistungsrelevanten Teile eines Superbike-Motors im Originalzustand bleiben, eine Maßnahme, um die Kosten für ein IDM-Bike im Rahmen zu halten. »Genau das«, sagt Hofmann, »macht die Sache teuer.« Weil eben nur Feinsttuning erlaubt ist. Entscheidend ist die richtige Idee. Eine Spezialität von Thomas Franz – und den hat nur Alpha-Technik.
Bei allen Einschränkungen: Das Regelwerk lässt Spielraum für Tüftler. Etliche
Teile des Serienmotorrads dürfen ausgetauscht werden. »98 Prozent davon er-
setzen wir auch«, sagt Franz. Entdeckt
werden Verbesserungsmöglichkeiten beim
ersten Schritt auf dem Weg von der Großserien- zur IDM-Fireblade: der vollständigen Demontage der Maschine.
Danach wird definiert, welche geänderten Teile dem Rennmotorrad spendiert
werden: Auspuff von Arrow, Kohlefaserteile von BBT, Federbein von Bitubo, Bremsscheiben von Braking – Produkte dieser Hersteller hat Alpha-Technik auch für gewöhnliche Kunden im Programm. Hinzu kommen jedoch Spezialteile. Beispielsweise die Steuerungselektronik der Honda-Rennabteilung HRC, mittels der sich
Einspritzung, Zündung, die Zündunterbrechung für Gangwechsel und der spezielle Lenkungsdämpfer der Fireblade im Detail programmieren lassen, sowie ein Highspeed-Rechner, der Thomas Franz viel mehr Material aus dem Datarecording-System liefert als übliche Geräte. Franz: »Daraus lernen wir und passen die Motorsteuerung an – nach jedem einzelnen Training.«
Die piekfeine Abstimmung der Motorelektronik ist eine der legalen Maßnahmen zur Leistungssteigerung in der Superbike-IDM. Zusammen mit einer von Franz entwickelten Airbox und besonders geformten Ansaugtrichtern mobilisiert die Alpha-Technik-Fireblade rund 20 PS mehr Leistung
als eine Serien-CBR 1000 RR. Wichtiger
als Spitzenpower ist Pilot Schulten jedoch ein üppiger Drehmoment-Vorrat, der seinem runden Fahrstil entgegenkommt. Der Vergleich zur Serie zeigt: Auch hier leistete Franz ganze Arbeit (siehe Diagramm).
Dabei hat Thomas Franz nie eine Ausbildung in Sachen Motortechnik genossen. »Ich habe eine Metallfachschule besucht, lernte drehen, feilen, bohren, sägen.« Weil er danach keine passende Lehrstelle fand, machte sich der Mann aus Hasslach im Schwarzwald früh selbständig und handelte mit Motorradzubehör. In den 90er Jahren war er als Rennfahrer aktiv, brachte es zu zwei Starts in der Superbike-WM, ehe er sich 1997 dem Motortuning zuwandte. Was er von Triebwerken versteht, hat er sich im Alleingang erarbeitet.
»Tuning ist keine Sache, die in der Schule erlernt werden kann«, sagt Franz. »Nur wer viel probiert, lernt auch viel.« Eine ordentliche Portion Ausdauer kann dabei nicht schaden. Beispiel Kolbenringe: »Bearbeiten darf ich die nicht«, sagt Franz, »aber ich kann solche mit optimaler Vorspannung wählen, die den Brennraum dicht halten und gleichzeitig möglichst wenig Reibung erzeugen.« Wie stark ein Kolbenring vorgespannt ist, lässt sich mit dem bloßem Auge nicht erkennen. Deshalb hat er eine Vorrichtung konstruiert, mit der er die Vorspannung messen kann.
Nur ein winziges Detail. Doch es lässt ahnen, dass Michael Schulten es schwer haben würde, eine verpatzte Titelverteidigung auf seinen Techniker zu schieben.

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