Im Blickpunkt: Deutschlands Bestseller

And the winner is...

Ja wer denn? Kommt ganz drauf an, welcher Statistik die Jury Glauben schenkt.

Es bleibt spannend. Die Computer beim Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg laufen auf Hochtouren: »Suzuki GSF 600, plus 18. BMW R 1200 C, plus 23. Kawasaki ER-5, plus 32...« Akribisch werden die letzten Neuzulassungen des vergangenen Jahres notiert. Quasi stündlich rechnet der Industrie-Verband Motorrad (IVM) mit dem Endergebnis, um die »Top ten 1998«, sprich: die zehn bestverkauften Modelle, ausrufen zu können. Eine Statistik, die ihre Tücken hat. Wie jede andere. Ungeniert wandern da BMW R 1100 R und GS in einen Topf, brauen sich zu 5700 Stück zusammen und landen – zack – auf dem ersten Platz. Andererseits tauchen so nahe Verwandte wie die Geschwister Drag Star 650 getrennt auf. Würden sie im Verein gewertet, ginge die Krone mit rund 6000 Einheiten an Yamaha.
Ergo lernen wir daraus? Genau: Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Die Importeure sind natürlich ebenso schlau. In letzter Minute werden da die un- und durchsichtigsten Aktionen gestartet, um noch ganz nach vorn zu rutschen. Eine mausgraue Zone, in der wir uns da bewegen. Aber interessant. Und behaupte jetzt ja keiner, er würde nicht zumindest heimlich auf dem Klo irgendwelche Bestenlisten studieren. Bücher, Filme, Autos – was auch immer. Aus purer Neugier. Klar. Manipulieren lassen sich nur die anderen.
Freilich ist das so eine Sache mit Topsellern. Nur weil er Millionen Bücher verkauft, wird Konsalik kein Goethe. Aber die Leute mögen ihn, weil sie ihn verstehen. Ähnlich verhält es sich mit Motorrädern: Eine Yamaha Drag Star ist keine besonders gute Maschine, aber sie sieht blendend aus. Und darum geht’s. Nicht nur bei Cruisern. In jeder Klasse. Alle in der Branche, die mit Verkauf zu tun haben, bestätigen das: An erster Stelle steht das Design. Erst dann kommt die Technik. Kein Wunder, daß Motorrad-Tester bei der Lektüre der »Top ten« auf den Gedanken kommen, ihren Beruf verfehlt zu haben.
Stimmt nicht ganz, beruhigen Händler und Importeure: Natürlich müsse auch das Preis-/Leistungs-Verhältnis stimmen. Und darüber informiere sich der Kunde häufig in Fachzeitschriften. Auch wenn die Kaufentscheidung letztlich über den Bauch getroffen wird, wolle er wissen, wo das geliebte Bike steht, ob es sein Geld wert ist.
Okay. Schauen wir uns die »Top ten« unter diesen Gesichtspunkten genauer an: Yamaha XVS 650 Drag Star. Das meistverkaufte Motorrad in Deutschland überhaupt. Nur schön. In der etwas teureren A-Version mit Beinamen Custom, mit dickem Vorderreifen und mächtigen Schutzblechen, noch schöner. Und sogar ein kleines bißchen besser, was das Fahrverhalten anbelangt. Mit der Drag Star hat Yamaha voll ins Schwarze getroffen. Den Zeitgeist richtig interpretiert. Wie damals, vor zwölf Jahren, mit der XV 535, die bis heute zu den Bestsellern zählt. Ein für Chopper-Verhältnisse richtig gutes Motorrad übrigens.
Zweiter Platz: GSF 600 Bandit. Nicht nur bildhübsch, sondern auch konkurrenzlos günstig. Für 10690 Mark gab es im vergangenen Jahr kein besseres Motorrad zu kaufen. Trotzdem schade, daß Suzuki bis dato nicht auf die Kritik an Gabel und Federbein reagiert hat: Die Komponenten sind so schwach ausgelegt, daß bei zügiger Gangart die Fahrstabilität darunter leidet.
»Was’n Quatsch«, empört sich der katholische Teil der Bandit-Fangemeinde. Ist ja schließlich kein Supersportler. Und die Evangelischen sagen: »Na und. Eine Yamaha XJ 600 Diversion kommt noch viel schlapper daher. Ganz zu schweigen vom Motor.« Nichtsdestotrotz gehört auch sie zu den »Top ten« 1998. Mit 1800 Zählern Rückstand auf die Bandit zwar, aber immerhin. Ein nahezu unglaublicher Erfolg – für eine Maschine, die in keiner Disziplin richtig Punkte macht. »Dafür ist sie in allen vertreten«, kontern ihre Bewunderer. Recht haben sie. Tatsächlich macht so eine XJ alles mit: bummeln, rasen, reisen – auch zu zweit mit Sack und Pack. Daß sie dabei enorm in die Knie geht, stört die meisten Touristen gar nicht so sehr. Wird eben das Gas ein bißchen rausgenommen. Hauptsache, man sitzt bequem und hat kein Theater beim Rangieren.
Der Zusatz S bezeichnet übrigens sowohl an der XJ als auch bei der GSF 600 eine Halbschalenverkleidung. Ebenso an der großen Bandit, deren Erfolg nichts Mysteriöses hat: 1200 Kubik für weniger als 15000 Mark, ohne Schale, da sagen viele ja und erwarten sowieso kein Stabilitätswunder. Sollen die Federelemente ruhig ein bißchen pumpen, hat ja auch enormen Druck, dieses Teil. Ein Dreh am Gasgriff, und es katapultiert einen in die Umlaufbahn.
Irgendwie nachvollziehbar, auch das gute Abschneiden der BMW R 1100 GS. Ist ja auch gewiß ein sehr brauchbares Reisemotorrad. Für Leute ab 1,80 Meter, wohlgemerkt. Kleinere sollten die Finger von diesem Riesenvieh lassen. In unwegsamen Gefilden scheint es plötzlich doppelt so schwer, und sicherer Bodenkontakt hilft da enorm. Ob die GS heuer ebenfalls so erfolgreich sein wird? Immerhin gibt’s jetzt Varadero. Das neue Potenzmittel aus dem Hause Honda.
Bei der zweiten BMW unter den »Top ten« fällt die Herleitung der hohen Zulassungszahlen nur denen schwer, die immer noch nicht an den Cruiser-Boom glauben. Die Münchner selbst sind längst gläubig, prophezeiten sie doch für die R 1200 C bereits in ihrer ersten Werbekampagne: »Die BMW unter den Cruisern.« Genau so ist es. »A BMW is a BMW is a BMW.« Der weißblaue Propeller auf dem Tank verlieh noch jedem Motorrad Flügel.
Man nehme nur die F 650 – achter Platz in der Rangliste und gewiß kein schlechtes Motorrad. Aber nicht besser als die beinahe baugleiche Aprilia Pegaso 650, die nur knapp 900 Neuzulassungen für sich verbuchen kann, während die bayerische Funduro auf derer 3103 Stück kommt. Deutsche Wertarbeit? Kokolores. Die F 650 wird in Italien gebaut. Bei Aprilia! Sitzhöhe? Ist zumindest ein Argument. Während die Pegaso auf 85 Zentimetern über Null zum Spaß haben einlädt, bietet BMW für die ohnehin niedrigeren F-Modelle noch einen Tieferlegungskit an. Aprilia will’s jetzt übrigens wissen: Für 1999 wurde der Preis der Pegaso um über 1100 Mark gesenkt.
Knapp vor der F 650 fädelt sich die Honda CB 500 ein. Preiswert, bewährt und gut. Aber das Design – so ganz ohne Pfiff. Auch die Hauptkonkurrenten, Kawasakis ER-5 Twister und Suzukis GS 500 E, hätten angesichts ihrer technischen Qualitäten ebenfalls mutigere Linien verdient. Hat nämlich noch nie geschadet. In diesem Jahr wird der Kampf für die CB gewiß härter, da Kawasaki den Preis für die ER-5 um 700 Mark zurückgenommen hat, während Honda um gut 800 erhöhte. Damit kostet eine ordinäre CB jetzt stolze 9790 Mark. Mit Halbschale noch einen Hunderter mehr.
Bei der Fazer gehört die Verkleidung zur Serienausstattung. Und der Fahrspaß auch. Kaum ein Motorrad sammelte im letzten Jahr derart viele Meriten wie die FZS 600. Welch ein gelungenes Gesamtpaket. Motor, Fahrwerk, Handling, Preis, Leistung, Design - alles sehr schön. Alles? Na, nicht ganz. Die Gabel ist ein bißchen zu schlapp, die Sitzbank drückt auf Dauer, und der Komfort für den Sozius tendiert gegen minus zwei. Als Reise-Motorrad fällt die Fazer damit mehr oder weniger flach. Ihre Talente liegen eher auf der sportlichen Seite.
Apropos: Wo sind die Sportler? Immerhin sollen sie mit 29 Prozent den größten Marktanteil haben, während sich Enduros mit 15 und Tourer mit zehn Prozent bescheiden müssen. Den Rest teilen Chopper, Cruiser und Allrounder untereinander auf. Also: Wo seid ihr, Königstiger?
Kommen gleich: Rang 12, 13, 14, 16 und 18. Kawasaki ZX-6R, ZX-9R, Yamaha R1, Honda CBR 900 RR und CBR 600 F. Na, wer sagt’s denn. Lauter Highlights. Ein Testsieger nach dem anderen. Findet doch noch alles ein gutes Ende und jeder seine Berechtigung. Jetzt darf man nur noch gespannt sein, wie viele Neuzulassungen die KBA-Computer für den Dezember 1998 ausspucken. Tausende vermutlich. Tageszulassungen aus Heppenheim, Offenbach, Friedberg, Löhne – wo immer die Importeure um Marktanteile kämpfen.
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Interview Manfred Weihe (Yamaha) - Das Zauberwort heißt: Konsequenz

Manfred Weihe, Vizepräsident der Yamaha Deutschland GmbH, zum Erfolg der Drag Star und über die verstärkten Aktivitäten im Supersport-Bereich
Herr Weihe, die Drag Star 650 war 1998 das meistverkaufte Motorrad in Deutschland. Worauf führen Sie das zurück?Nicht zuletzt hängt das mit der XV 535 zusammen, die den Trend zum Mittelklasse-Chopper losgetreten hat. Sie zählt seit Jahren zu den bestverkauften Motorrädern in Deutschland. Wenn ein Modell in einer bestimmten Klasse derart gut angekommen ist, wird auch sein Nachfolger gekauft – das zeigt die Erfahrung. So wurde die Drag Star quasi als Fortsetzung der bewährten XV 535 angenommen. Und genau das ist sie: ein konsequent gestyltes, auf den Zeitgeist zugeschnittenes Motorrad mit gutem Preis-/Leistungs-Verhältnis.Mit den Neuheiten 1999 haben Sie zehn Chopper-/Cruiser-Modelle im Programm. Wo soll das enden?Nach unserer Rechnung sind es sogar mehr. Aber das ist nicht so wichtig. Ich denke, damit sind die Möglichkeiten weitestgehend ausgeschöpft. Allerdings sind wir in diesem Segment stark von der Entwicklung in den USA abhängig. Wenn die Amerikaner sagen, »wir brauchen mehr als 1600 Kubik«, wird geprüft, ob so etwas auch in anderen Teilen der Welt Interesse weckt. Wenn ja, wird gebaut.Yamaha investiert derzeit allerdings nicht nur verstärkt in Cruiser, sondern auch in supersportliche Motorräder...Das war bitter nötig. Und damit reagierten die Japaner auf eine unserer Kernforderungen, nämlich im Hardcore-Bereich tätig zu werden. Unser Image lag jenseits einer supersportlichen Motorradmarke. Auf Dauer wirkt sich das nachteilig aus.Glauben Sie, ein Supersportler könnte ähnliche Verkaufserfolge erzielen wie die Drag Star?Wenn er konsequent genug gemacht ist, ja.

Interview Franz Pissinger (Motothek) - «Motorräder müssen billiger werden“

Franz Pissinger, Vertragshändler mehrerer Marken (Motothek Schwäbisch Gmünd), über das Kaufverhalten und die Aufgaben der Importeure
Herr Pissinger, Sie verkaufen mehrere 100 Motorräder im Jahr. Welches ist der häufigste Kaufentscheid Ihrer Kunden?Das Design. Ein Motorrad muß anmachen. Erst an zweiter Stelle kommen technische Dinge wie Leistung oder Gewicht.Hat der Händler großen Einfluß auf die Kaufentscheidung?Da muß man zwischen Einsteigern und Fortgeschrittenen unterscheiden. Einsteiger lassen sich gern durch den Fachmann beraten und überzeugen. Erfahrene Kunden hingegen wissen meist sehr genau, was sie wollen.Wie hoch schätzen Sie den Einfluß von Testberichten in Motorrad-Zeitschriften?Sehr hoch. Vor allem die sportlich orientierte Kundschaft zieht Fachzeitschriften zur Meinungsbildung heran. Was übrigens nicht immer einfach für uns Händler ist.Wie begründen sich Ihrer Meinung nach die Erfolge der 600er Bandit und der Yamaha Drag Star?Die Drag Star lebt von ihrem kompromißlosen Styling. Die Bandit ist ein leicht zu handhabendes Fahrzeug, gefällig für Auge und Geldbeutel.Was müßte unternommen werden, um den Motorradmarkt weiter anzukurbeln?Motorräder müssen billiger werden. Der Einstieg ins Motorradleben ebenfalls. Führerschein, Maschine, Ausrüstung – das läppert sich was zusammen. Mit ein paar Prozent Preisnachlaß seitens des Händlers ist da wenig getan.Das heißt?Daß hier die Importeure gefragt sind. Politisch und finanziell. Ihre Aufgabe besteht nicht allein darin, den Markt zu verwalten, sie müssen ihn vergrößern. Dazu gehört auch das ganze Drumherum wie den Sport wieder attraktiver zu gestalten, Biker-Treffen zu fördern und positiv für unser Hobby zu werben.

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