Im Ecomobil durch Südtirol (Archivversion)

Unter die Haube gekommen

Eine Reise durch Südtirol und die Dolomiten, landschaftlich und kulturell bereits auf einem normalen Motorrad äußerst lohnenswert, gerät im Schweizer Kabinenmotorrad Ecomobil zum Nervenkitzel.

Sonor brummt der BMW-Vierzylinder im Heck, stetig zieht die sanft hügelige Landschaft von Graubünden vorbei, der Blick durch die gewölbte Frontscheibe gleicht dem eines Piloten aus der Flugzeugkanzel bei der Landung. Ein kurzes Zucken wie auf einer welligen Landebahn geht durch die Karosse. Gute 100 km/h sind eine ganze Menge für die Landstraße mittlerer Ordnung, die parallel zum dünnen Rinnsal des Rheins westlich von Vaduz verläuft. Doch der Ecomobilist spürt die Geschwindigkeit kaum. Kein lästiger Fahrtwind umweht die Nase, statt dessen herrscht ein wohliges Klima unter der Glashaube, und ein bequemer Ledersitz läßt fast ein bißchen Gemütlichkeit aufkommen. Die Touristengruppe, die sich im Spätsommer zusammengetan hat, um ab Winterthur quer durch die Schweiz und Südtirol zum Kreuzbergpaß zu fahren, gehört zur Fangemeinde des Schweizer Ex-Piloten Arnold Wagner, Konstrukteur und Erbauer des Kabinenmotorrads Ecomobil. Darunter ein ehemaliger Hubschrauberflieger, ein Hotelier, ein Jungunternehmer. Und allesamt Eigentümer der seltsamen rollenden Eier, mehr als nur Motorräder mit Dach überm Kopf.18. Alpensymposium für Ecomobile heißt die viertägige Veranstaltung. Symposium, so heißen eigentlich wissenschaftliche Tagungen - vielleicht die Wissenschaft des Eco-Fahrens. Der minutiös ausgearbeitete Reiseplan, der für heute 460 Kilometer vorsieht, läßt indes keinerlei Luft für wissenschaftliche Betrachtungen. Vorbei an der Rohanschanze in Graubünden, wo der Duc de Rohan zu Zeiten des 30jährigen Kriegs die Blauburgunderrebe einführte. »Der beste Wein der Schweiz«, weiß Wagner. Doch es bleibt keine Zeit, den guten Tropfen etwa in den Weinstuben des Dorfes Maienfeld zu kosten. Die Formation durchquert im Tiefflug den einzigen und letzten Eichenwald der Schweiz, gerät zur Hatz, denn ein zerbröseltes Kardankreuzgelenk an Uelis grünem Eco wirft den Zeitplan über den Haufen. 10.50 Uhr an Flüela-Paßhöhe? Unmöglich. Wagner, der mittlerweile 80 Kabinenmotorräder in Handarbeit hergestellt hat und sie aus dem Effeff kennt, packt ein Ersatzgelenk aus dem Ölpapier. So was kommt wohl öfters vor. »Ab 80000 Kilometern Laufleistung muß man damit rechnen. Die BMW-K-Antriebsteile sind ja nicht unbedingt für das Gewicht des Eco ausgelegt.« Sprach`s, holt Schraubenschlüssel und -dreher aus dem kleinen Gepäckfach hinter dem Beifahrersitz und schickt die restlichen vier Kabinencrews voraus zum Flüela. »Dort warten, ich komme in einer dreiviertel Stunde nach.« Jawohl.Nun geht die Fahrt etwas beschaulicher voran. Rollt die Fuhre erst einmal, ist der Streß schnell vergessen, der beim Start entsteht, wenn es gilt, das Stützfahrwerk per Knopfdruck einzufahren. Schwierig wird’s erst wieder beim Anhalten, wenn das Fahrwerk wieder ausgeklappt werden muß. Da tritt selbst Fortgeschrittenen gelegentlich der Schweiß auf die Stirn. Nervositätsfördernde Momente stellen sich zuhauf innerorts ein, etwa vor Ampeln, wenn es blitzschnell zu entscheiden gilt, anhalten und ausklappen oder weiterfahren. Da braucht es schon einige tausend Kilometer Übung im Eco-Cockpit, bis die Coolneß des routinierten Bikers allmählich zurückkehrt. Erst dann läßt sich das einmalige Fahrfeeling genießen. Völlig von der Karosse eingehüllt, kauert der Eco-Pilot, die Hände locker auf dem ganz normalen Motorradlenker ruhend, tief unten in einem Schalensitz, der Beifahrer flugzeuggleich dahinter. Das Gefährt mit seiner selbsttragenden Glasfaserverbundkarosse reagiert trotz seiner Ellenlänge von 3,7 Metern auf kleinste Lenkbewegungen höchst sensibel; weswegen der Anfänger dazu neigt, zuviel zu lenken, was das Ei mit unangenehmen Schaukelbewegungen beantwortet. Ungewohnt auch die Pedalerie: Bremse und Kupplung wie beim Auto, das Gas sitzt rechts am Lenker, die Schaltung, elektrisch per Knopfdruck betätigt, links. Wenn Serpentinen und Paßfahrten für normale Biker zum Salz in der Suppe werden, adeln sie erst recht den Eco-Lenker. Jaufenpaß. Verdammt enge Spitzkehren. Im ersten Gang ganz außen anrollen, im Schritttempo abwinkeln, dabei seitlich aus dem Fenster die Linie peilen. Aus den Ecken zieht das mit zwei Mann beladene, 600 Kilo schwere Eco mühsam, weil der erste Gang des BMW-Getriebes wegen des auf 250 km/h ausgelegten Kardans zu lang ist. Doch erstmal auf Drehzahl gebracht, rennt das vom 90 PS starken BMW K 100-Motor befeuerte Ei erstaunlich vehement die hochprozentigen Steigungen hoch. Der Abend sieht die Ecomobil-Mannschaft um einige Biker und weitere Ecos, die unterwegs dazugestoßen sind, vermehrt, in der Gaststube des Kreuzberghotels. Bei Bier, Wein und Grappa diskutiert die Runde nicht nur, warum das Ecofahren eine höhere Entwicklungsstufe in der Evolution des Motorrads darstellt, sondern auch die morgige Route in die Karnischen Alpen.Die Motorradfahrer haben am frühen Morgen ihre liebe Mühe, dem Marschtempo der Ecomobile zu folgen. Mit üppigen Schräglagen und Geschwindigkeiten, die den Tiroler Gendarmen schöne Einnahmen beschert hätten, geht es durchs Antholzer Tal zum Staller Sattel rauf. Sobald die Straße etwas breiter baut, sind die Ecos in ihrem Element. In langgezogenen Kurven mit gutem Vorausblick nähert sich das kurveninnere Stützrad bedenklich dem Asphalt, den Doohanschen Kniepads gleich.Über Lienz vorbei am Iselsberg führt die Route hinauf zum Großglockner. Die Eier fliegen die breite Asphalttrasse den Berg hinauf mit Geschwindigkeiten jenseits von Gut und Böse. Weitaufgerissene Augen der entgegenkommenden Automobilisten im Angesicht der vorbeisausenden Kabinen, verschreckte Biker, die sich zügig unterwegs glaubten, aber das eine oder andere Eco ziehen lassen müssen.»Können die Dinger auch fliegen?« sind noch die harmloseren Fragen, mit denen die Touris die Eco-Besitzer auf dem Parkplatz in 2400 Metern Höhe auf dem Großglockner bombadieren. »Die nehmen uns nicht ernst«, vermutet Robert, Hotelier und Ecomobilist. Mag sein. Spätestens wenn der Preis eines Ecos ins Gespräch kommt, wird bei vielen Unbeteiligten aus dem wohlwollenden Staunen schieres Unverständnis: 120 000 Fränkli und mehr, das geht dem normalen Automobilist über die Hutschnur. Auf der Rückfahrt hinterm Felbertauern-Tunnel spukt die Elektrik eines Turbo-Ecos. Selbst der Erbauer braucht eine Stunde, um die Tücke des Objekts, einen Massenschluß am Heizgebläse, zu diagnostizieren und zu beheben. »Im Neupreis inbegriffen ist ein Abholservice«, versichert der Meister sogleich. Wie bei Rolls-Royce. Die höheren Weihen des Ecomobils-Lenkens werden den Symposium-Teilnehmern spätestens am dritten Tag zuteil, als es in die Dolomiten geht. Selbst dem Chef-Fahrlehrer Walter, der angehende Ecomobilisten ausbildet, geht es nun zu hurtig: »Rast doch, wie ihr wollt, ich fahre meinen Stil.« In der Tat brennt die nunmehr fünf Ecos starke Truppe - die »normalen« Motorradfahrer haben sich separiert - so vehement zum Lago di Misurina hoch, daß Fotograf Markus, dem es plötzlich übel wird, um eine kurze Pause bittet. Der herrliche Blick am Fuße der Drei Zinnen weit hinein in die gezackte Kalkfelsenlandschaft der Dolomiten und hernach Spaghetti al ragù machen aus dem Bildkünstler wieder einen Menschen.Leider bleibt keine Zeit mehr, von der Falzarego-Paßhöhe mit der Bergbahn zu den Militärkavernen nach Lagazuoi zu fahren. Dort hätte Arnold Wagner, der Geschichtsbewanderte, gern referiert, was es mit der Sprengung der Bergkuppe im Ersten Weltkrieg auf sich hatte. Doch der Meister muß sich um ein havariertes Eco kümmern, dem ein Audi in die Quere kam. Der Fahrer ist unversehrt.
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INFOS (Archivversion)

Wer am jährlich stattfindenden Alpensymposium der Ecomobilfahrer oder an anderen Trips teilnehmen will oder an dem Kabinenmotorrad selbst interessiert ist, findet hier einige Informationen.
Das Standard-Ecomobil mit dem 90-PS-Motor der BMW K 100 und G-Kat kostet neu ab 114500 Franken. Teurer kommen Turbo-Versionen und das Super-Eco mit dem K 1200 RS-Motor. Die Karosse besteht aus einer selbsttragenden Schalenkonstruktion aus GFK, das Stützfahrwerk ist elektrisch betätigt. Das Eco verfügt über vier elektrisch geschaltete Vorwärtsgänge und einen Rückwärtsgang. Extras wie ABS, Klima-Automatik, Servobremse sind kaum Grenzen gesetzt. Gebrauchte Ecos gibt’s ab 40000 Franken. Man benötigt den Klasse 1-Führerschein (es wird ohne Helm gefahren) und einen Fahr-Lehrgang vom Werk. Jeden Samstag gibt es in Winterthur/Schweiz Werksführungen und Fahrdemos. Ebenso sind kostenlose Mietfahrmöglichkeiten im Ecomobil möglich nach telefonischer Reservierung unter 0041/52/202 54 24. Wer bei den diversen Ausfahrten mit eigenem Motorrad mitmachen will, wendet sich an Arnold Wagner, Peraves AG, Zürcher Straße 93a, CH-8406 Winterthur, E-Mail: peraves@active.ch, Internet: http//:www.meos.ch/peraves/Letzter Eco-Fahrbericht in MOTORRAD 21/1997.

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