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Impression Ducati Monster "Du bist il Mostro?"

Die Ducati Monster hatte es diesen High-End-Supersportlern ­gezeigt, war zu einem Topmodel aufgestiegen und hat die Firma gerettet. Und wie sähe ein Zusammentreffen von ihr, Fabio Taglioni, Lino Tonti, Mike Hailwood und einer Aprilia RSV4 im Jenseits aus?

Vor 1993 war es eigentlich so, dass man mit einem Motorrad dieses oder jenes anstellen wollte und deshalb jenes oder dieses Modell wählte. Der eine also fragte, ob 600 oder 1000 Kubik seinem Sportsgeist entsprechen, der andere, ob zur Sahara ein oder zwei Zylinder passen. Sparfüchse fanden ihr Glück bei japanischen, Showtalente bei amerikanischen Twins. Dann kam die Ducati Monster. Niemand fragte mehr, und ein besseres Glück gab es nicht. Technisch betrachtet repräsentierte sie mit quer eingebautem 90-Grad-V2, je zwei desmodromisch gesteuerten Ventilen sowie Gitterrohrrahmen eine Ansammlung interessanter Merkwürdigkeiten, doch bei ihrem Anblick vergaßen selbst diplomierte Ingenieure, wie alt diese Bologneser Dreifaltigkeit damals schon war.

Erster L-Twin in der 750 GT von 1970, Desmo-Debüt 1956 beim GP von Schweden mit der Trialbero 125, Gitterrohr in Serie 1979 mit der SL 500 Pantah. Normalerweise wird so was mit „Alter Wein in neuen Schläuchen“ begrüßt, aber im Frühling 1993 kniete alle Welt nieder und dankte den Brüdern Castiglioni – damals Eigner von Cagiva und Ducati – für die verabreichten Wohl­taten. Güldene Upside-down-Gabel und ovale Endschalldämpfer wurden verehrt wie Reliquien, selbst der fehlende Drehzahlmesser fand Bewunderer, und am verrücktesten ist: Alle, wirklich alle hatten recht. Die Ducati Monster war der optische Befreiungsschlag gegen Vollverschalung und Biedersinn, sie war: der Motorrad-Beitrag zur Formensprache einer spätindustriellen Gesellschaft.

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Die Ducati Monster und der Föhnwellen-Ducatista

Logisch, dass so viel Design nicht nur Motorradfahrer ansprach. Und auch Carsten Ludwig S. war direkt von einer 125er-Vespa zur Ducati Monster emporgestiegen, als sein Berliner Architekturbüro 1994 den ersten nennenswerten Auftrag zog. Exakt 20 Jahre später hatte seine 900er gut und gerne 31.000 Großstadtkilometer plus drei Rundfahrten durchs Brandenburgische abgerissen, Regen fast nie, die neuen Sekretärinnen dagegen immer gesehen. Beim Vino plauderte CLS gern übers Sistema desmodromico, begriffen hatte er es nie. Eines lauen Abends im letzten Spätsommer – die Sekretärin war gerade nicht so neu – fuhr der Föhnwellen-Ducatista vom Office direkt zum Prenzlauer Berg. Doch während und weil er noch nachdachte, welche Bar seiner Stimmung entspräche, ging ihm bei echten 50, später kolportierten 90 Sachen urplötzlich die Straße aus. Eine Gehsteigkante trennte Mann und Maschine, der Schöngeist überlebte unverletzt, seine Ducati Monster zerschellte an einer Mauer. „Ausgerechnet in Berlin“, hauchte die rassige Italienerin, ihre Kurbelwelle drehte noch, als sie spürte, CLS werde sich bald mit etwas anderem trösten.

Kurz darauf wich ihre Enttäuschung allerdings einer warmen, ­sicheren Leichtigkeit, die unablässig anschwoll und sie schließlich auf eine himmlische Passstraße trug. Ganz von selbst schoss die Ducati Monster bergan, in engen Kurven hobelte sie ihren Schalldämpfern das Ovale weg, die doppelten Brembos ließen den Vorderreifen vor Spitzkehren lustvoll wimmern, und beim Rausbeschleunigen im Zweiten brüllte der V2 in nie gehörter Entschlossenheit. Es gab hier kein hakendes Getriebe mehr und niemanden, der damit nicht umgehen konnte – sogar die Federelemente funktionierten perfekt. Jubilierend begriff sie, warum ihr Urban Biking immer den Nerv gezogen hatte und rollte auf der Passhöhe höchst zufrieden aus. Der Ausblick vereinte Zukunft und Vergangenheit; just als sie sich darin zu verlieren drohte, erklang ein aufmunternder Pfiff. Sie drehte sich um, sie blickte auf die Terrasse einer kleinen Bar, sie erkannte ihn.

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"Ich hab dich kommen hören, Kleine."

Doktor T. saß am hintersten Tisch, steckte sich eine Zigarette in den Mund und winkte sie herbei. „Ich hab dich kommen hören, Kleine.“ Sie wollte rasch noch mehr Rouge auflegen, doch er knurrte: „Lass diese Aufdringlichkeiten!“ Zwei-, dreimal hatte die Ducati Monster ihn im Werk erlebt und nie vergessen, welchen Respekt er dort genoss: Dott. Ingegnere Fabio Taglioni, *1920, †2001. Genie, Konstrukteur, Herrscher über die technische Seele aller wichtigen Ducatis. Auch ihrer Seele? Taglioni musterte sie eindringlich und griff ihr an die Lenkerenden: „Oben rum immer noch so ausladend, he?“ Sein Lächeln schwankte zwischen Verachten und Zwinkern, die Ducati Monster stotterte verblüfft: „Nun ja, Dottore, so wie es Galluzzi gefallen hat.“ Mit leiser Aufregung zupfte Taglioni seine Krawatte, nahm einen Schluck Espresso und blickte in die Ewigkeit: „Weißt du, Kleine, dieser Miguel Galluzzi ist ein guter Junge. Aber er kommt aus Buenos Aires, verstehst du?“ Die Monster zuckte mit den Tankflanken. Dann erfuhr sie, dass die Gauchos ihre Post mit Indians ausfahren – „jedenfalls zu meiner Zeit“ – und nicht eine einzige Motorradfirma besitzen. „Ecco. Du musst dieses Geweih nicht lebenslang tragen.“

Das war nun mehr Kritik, als sie ertragen wollte. „Aber ich bin das Erfolgsmodell“, wandte sie sich ab und schaute über die pla­tanengesäumte Piazza. An deren Ende trat ein elegant gekleideter Mann aus dem Baumschatten und kam auf sie zu. Grauer Haarkranz, perfekt gestutztes Oberlippenbärtchen, lebhafte Augen. „Ciao Fabio“, grüßte er den Dottore, nickte der Monster ein Ciao ­Bella zu und orderte Chianti. Dann umrundete er die Ducati Monster, prüfte mit geübter Hand deren Tank-Sitzbank-Linie und säuselte: „Gut gemacht. Wirklich gut gemacht, Fabio.“ Taglioni räusperte sich irritiert. „Lino, sie wird gerade mal 22.“ Der Angesprochene lächelte viel­sagend. „Na eben. Willst du mich nicht vorstellen?“ Die Monster erfuhr, wer ihr Gegenüber war. Ingegnere Lino Tonti, *1920, †2002. Genie, Konstrukteur, Herrscher über die technische Seele der schöns­ten Moto Guzzi. Er konnte seine Augen nicht von ihr lassen. „Che Bella, Fabio, aber sie sieht dir…“ Der Dottore rutschte auf seinem Stuhl herum, die Monster griff nun doch zur Puderdose, Tonti verstand nicht. „Accidenti, Lino, sie ist nicht…“, hob Taglioni an, die Ducati Monster schnitt ihm das Wort ab: „Ich stamme von Galluzzi.“

Irgendein Holzkopf hat "il Mostro!" geschrien

Jetzt fiel es Tonti wie Schuppen von den Augen. „Il Mostro“, wisperte er und schüttelte den Kopf, „du bist il Mostro?“ Er wich einen Meter zurück, um sie noch besser betrachten zu können, die 900er schaute ihn fragend an. „Scusi, Bella, irgendein Holzkopf bei Ducati soll damals ,il Mostro‘ – ‚das Monster‘ – geschrien haben, als Galluzzi sein Konzept präsentierte. Warst du das, Fabio?“ Der Dottore hüllte sich in weißen Rauch, nuschelte was von „nur noch Berater“ und „1992 längst in Rente“. Tonti legte nach: „Zuerst wollten sie das Projekt zu Cagiva schieben, und als Castiglioni ablehnte, ganze 1000 Stück davon bauen. Stimmt’s, Fabio?“ In der Qualmwolke herrschte trotziges Schweigen, aber Tonti gab weiter Gas: „Und schließlich, bei der IFMA 1992 in Colonia, jubelt die ganze Welt, und ihr erhöht auf 5000.“ Die Wolke grummelte: „Mehr als von deiner V7 Sport.“ Aber Tonti sah schon die Zielflagge und zog durch: „Ja, ein wenig, aber fünfmal mehr als von deiner 750 SS, und wahrscheinlich wolltet ihr sie wieder in der Rennabteilung bauen, damit man bloß nicht dran verdient.“

Die Ducati Monster bemerkte, dass es hier langsam heiß wurde und verzog sich in den Schatten einer Platane. Die beiden Streithähne sollten ruhig weiter träumen. Was wussten die denn? Als Bastard auf die Welt zu kommen, mit gebrauchtem 900er-Motor und abgespecktem 851-Fahrgestell, war kein Zuckerschlecken. Nie ein Rennen gewinnen können, nicht mal in der Lang­strecken-WM, und dann auch noch Monster heißen. Aber sie und ihre Schwestern hatten es diesen High-End-Supersportlern ­gezeigt, waren zu Topmodels aufgestiegen und hatten die Firma gerettet. Gerade überlegte sie, wie ihre Gesamtverkaufszahl – über 300.000 Einheiten bislang – auf der Bar-Terrasse am wirkungsvollsten zu platzieren sei, als Tonti auf sie zutrat und in versöhnlichem Ton um ein Tänzchen bat. Auch Taglioni hatte sich mit einem „Ja, wir müssen wohl“ erhoben, schlenderte auf eine erschütternd gut erhaltene 350er-Desmo zu, brachte den Einzylinder schwungvoll in Gang und bog von der Piazza ab Richtung Unendlichkeit. Tonti brauchte nur Sekunden, um sich zurechtzufinden, gerade Zeit genug für die Ducati Monster, ihn nach dem Ziel zu fragen. „Es gibt einen Vortrag heute, in der Volkshochschule.“

Mike Hailwood auf seiner "Replica Aprilia RSV4"

Ihr Weg führte über eine weite, leicht gewellte Ebene und glich einer ewigen Kette von Renn­strecken, auf denen sich Tonti famos auszukennen schien. Wie auf Schienen durcheilten sie in irrsinnigem Tempo sämtliche Ra­dien, ihr Motor barst vor Kraft und Drehfreude, die Ducati Monster wunderte sich jedoch, warum Taglionis 350er mithalten konnte. „Weil wir hier alle wie die Götter fahren, Bella.“ Exakt in diesem Moment rasselte, mahlte und trompetete es von hinten, im Rückspiegel gewahrte die Monster eine grün-rote Verkleidung, die sich allmählich an ihnen vorbeischob, zu einer uralten 900er-Königswelle gehörte und mit „Mike Hailwood Replica“ beschriftet war. „Okay“, stöhnte Tonti, „außer Michele. Der ist noch schneller.“ Am Ziel trafen sie die Grün-Rote wieder, ein wenig zerkratzt und ungepflegt lümmelte sie in Erwartung des Vortrags auf dem Seitenständer und flirtete zur Referentin hinüber.

Ihr Fahrer war ein dürrer Rock ’n’ Roller, der am Leib eine bekifft gemusterte Schlaghose und ein grell gestreiftes Hemd trug, an den Füßen lachhaft dünnledrige Slipper, und dessen schütteres Haar der Fahrtwind verwirbelt hatte. Taglioni und Tonti eilten ihm entgegen, frohlockten mit einer Stimme „Michele“ und wirkten dabei wie Eltern, deren Lieblingsspross überraschend an Weihnachten vor der Haustür steht. Fast atemlos, aber mit noch süßerem Schmelz wiederholten sie sich: „Michele, come stai?“ Der Angebetete kniff beiden in die Wangen und grinste breit: „Motorradbau im 21. Jahrhundert. Ich wusste, dass ich euch hier treffe.“ Der Dottore musste ein Tränchen wegwischen, dann fragte er nach dem Namen der Referentin. Mike grinste wieder: „Aprilia RSV4, mein Bester, und jetzt halt dich fest: 65-Grad-V4-Motor mit 999 cm³ und 201 PS, 295 km/h, null auf 100 in drei Sekunden, Brückenrahmen aus Leichtmetall, Superbike-Weltmeisterin 2010, 2012 und…2014…“ Der Dottore verlor angesichts dieser Litanei von Fabelwerten beinahe die Spielübersicht und steckte sich, um Zeit zu gewinnen, eine Zigarette an. Schließlich äußerte er in bemüht beiläufigem Tonfall: „Sieht gut aus. Wer hat sie gemacht?“ Da schob die Ducati Monster ihren sündig-roten Tank ins warme Licht der Abendsonne und hauchte: „Auch das war Galluzzi.“

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