Impression Harley-Davidson FXSTB Night Train (Archivversion)

Ganz oder gar nicht

Du hattest einen Traum. Sahst dich aus der Hitze des Nachmittags in die Kühle des Abends gleiten, spürtest noch den Staub des Tages und schon die aufsteigenden Nebel der Nacht. Untergehende Sonne blitzt in blankem Metall, rhythmisches Wummern treibt das Band der Straße unter dir weg. Das Rattenrennen im Job, Ansprüche und Pflichten lösen sich im Rückspiegel auf. Du hast den Schlüssel zu deinem Traum gefunden. Er heißt Night Train.

Eigentlich habe ich keine Probleme mit Klapphelmen. Saupraktisch sind die Dinger, vor allem für Brillenträger wie mich. Erfüllen alle denkbaren Anforderungen. Es gibt keine vernünftigere Entscheidung.Genau das ist das Problem mit Klapphelmen. Schlimmer noch, es ist das Problem mit Reiseenduros, Sporttourern und all den anderen eierlegenden Wollmilchsäuen. Sie sind so verdammt vernünftig wie der Beruf, zu dem dir dein Vater und die Frau, zu der dir deine Mutter rät. So vernünftig, dass kein Argument dagegen sticht außer einem: Emotion.Na und, sagt ihr jetzt, Motorradfahren kommt immer aus dem Bauch. Ist doch kalter Kaffee. Bei einer Harley nicht anders als bei einer Duc oder einer GS, jedem das Seine halt. Zugegeben: Dachte ich auch, bevor ich ein paar Tage mit der Night Train spielen durfte. Noch als ich vor ihr stand: gereckte Gabel, niedriger Sattel, vorverlegte Fußrasten, hoher Lenker – fürchtete ich mich, zum tausendsten Mal die glorreichen Erinnerungen der 68er aufleben zu lassen, wie ferngesteuert in die ruhmreichen Tage von Allen Ginsberg, Jerry Rubin und »Do it!«, von Peter Fonda, Dennis Hopper und »Easy Rider« abzutauchen. Gähn. Ich werd euch die Klischees ersparen. Die Night Train hat mich mit ihrem widerspenstigen Wesen etwas gelehrt, und sie hat mich überzeugt: Du brauchst keine Historie auszugraben, um sie zu verstehen. Brauchst sie nur mit offenen Sinnen zu fahren und zu nehmen, was sie dir anbietet.Und das ist pures Gefühl. Das Leben spüren, jetzt. Eine Präsenz, die nur eine Rolle kennt: die Hauptrolle. Kompromisse? Nicht mit ihr. In ihrem niedrigen Badlander-Sattel fährst du sie auf ihre Art oder gar nicht. Mit Zwang geht bei ihr nichts. Schon beim Rausbugsieren aus der Garage macht dir ihr kurzer Lenker klar, wer hier am längeren Hebel sitzt: Es ist das 21-Zoll-Vorderrad in seiner langen Gabel. Solltest du erwägen, dich morgens mit ihr durch den Stau ins Büro zu schlängeln – vergiss es. Und vor einem Supermarkt hat eine Night Train so wenig zu suchen wie der Terminator auf einem Kindergeburttag. Zu groß das Zerstörungspotenzial durch zersplitterte Weinflaschen und zerlaufene Butter im Rucksack.Nicht, dass Alltag eine bei Harleys völlig undenkbare Kategorie wäre. Tief in seiner Erbmasse verfügt der Stamm derer aus Milwaukee auch über ein Nützlichkeits-Gen. Es kam in Servicars und Polizeimotorrädern zum Tragen, sogar eine Electra Glide hat was davon. Immerhin schleppt sie zwei Touristen und deren Gepäck. Bei der Night Train ist dieses Gen aber klar rezessiv. Sie will nicht praktisch sein, sonst hieße sie vielleicht Topper wie der eckige Roller, den Harley in einem Anfall von Geschmacksverirrung Anfang der Sechziger mal gebaut hat. Die Night Train dagegen haben sie im Vollbesitz ihrer magischen Kräfte entworfen: Lang und schmal und mit dieser nach hinten abfallenden Silhouette, die auf zehn Meilen eine Harley signalisiert. Die dich aber auch wissen lässt, dass sie nicht beabsichtigt, dich samt Schlafsack, Zelt und wer weiß was durch die Alpen zu schleppen, außer du schickst den Krempel per Kurier voraus. Nicht mal die Liebste durch den Sommer tragen mag sie wirklich, präsentiert zur Abschreckung ein Folterbrötchen.Die Night Train will kein Mittel sein. Sie ist ein Zweck, eine Bestimmung. Also löse die sieben Rätsel der Wegfahrsperre, und wenn dich deine Nachbarn bis dahin nicht mit Blumentöpfen massakriert haben, wirst du ihr Geheimnis verstehen.Es heißt Hedonismus, Genuss um seiner selbst willen. Keiner von der handelsüblichen Sorte, die an Sozialstatus und Leistungsdaten hängt. Doch wenn du Beschleunigungswerte und Schräglagenwinkel vergessen hast, bist du auf dem richtigen Weg. Wenn dir völlig wurscht ist, ob das geneigte Publikum in dieser Saison lieber chrombehangenen Wohnküchen oder fußrastenkratzenden Papageien applaudiert, bist du nahe dran. Wenn dein Kopf, deine Knie am Tank und die nächste Biegung der Straße ein und dasselbe werden, wenn du zufrieden mit dem Tag und dem Rumpeln des Schiffsdiesels unter dir durchs Universum gleitest, hast du die Night Train endgültig begriffen. Ihr V-Twin ist immer wieder unglaublich. Er lebt, er poltert, er schüttelt sich bei jeder Drehzahl, und trotzdem gehorcht dieser raubeinige Knecht Ruprecht aufs Wort. Moderne Säuselmotoren mögen Tests gewinnen, die Herzen gewinnen sie nicht. Sie werden langweilig, und schließlich bleibt als einziger Spaß das Ausquetschen der Leistung. Selbst die geschicktesten V-Twin-Nachahmungen wirken leblos gegen das Original.Damit das klar ist: Die Night Train ist kein Fossil, sondern eine Harley des Jubiläumsjahrgangs 2003 und so modern, wie klassische Harleys sein können. Gehört zur Gattung der Softails, hat den 88er-Twin-Cam-Motor. Aber sie ist keine von den weich gespülten, die es allen recht machen wollen. Keine Trittbretter, kein Hirschgeweih-Lenker, keine Tourenscheibe. Keine Fransen am Sattel, kein Chrombehang, nirgends. Das Kurbelgehäuse ist schwarz wie die Nacht. Und der Dragbar-Lenker so schmal, so hoch und so weit weg, dass du sofort begreifst: Wie im Sofa fläzen und sich selbst beim Cruisen zugucken, das gibt’s mit der Night Train nicht.Dann wieder überrascht sie dich mit Grundvernünftigem: mit dem hydraulischen Ventilspielausgleich oder dem geräuschlosen Zahnriemen-antrieb. Logisch, denn wenn du genießen willst, brauchst du kein abendliches Gefummel mit Kettenspray. Willst die Night Train nach dem Ritt nur lässig auf den Ständer lehnen, dich neben sie setzen, den Blick wandern lassen und zuhören. Wie ihr Metall beim Abkühlen knistert, so wie Eiswürfel im Glas knacken. Und wissen: Du bist angekommen.
Anzeige

Harley-Davidson Night Train: Impression (Archivversion)

Motor: Zweizylinder-Viertakt-45-Grad-V-Motor, Hubraum 1449 cm3, Bohrung x Hub 95,3 x 101,6 mm, Keihin-Gleichdruckvergaser, Ø 40 mm, Leistung 46 kW (63 PS) bei 5300/min, Drehmoment 106 Nm bei 3200/min. Fahrwerk: Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Telegabel vorn, Dreiecksschwinge hinten, zwei Federbeine, Einscheibenbremse mit Vierkolben-Festsattel vorn und hinten, Drahtspeichenrad vorn, 21 Zoll, Alu-Scheibenrad hinten, 16 Zoll. Leergewicht 305 kg, Radstand 1695 mm, Sitzhöhe 639 mm. Fahrleistungen: Höchstgeschwindigkeit 163 km/h, 0–100 km/h in 6,4 sek. Preis: 17400 Euro.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote