Impression JvB-Ducati Scrambler (Archivversion) Fluchtpunkt Hamburg

Es gibt da eine Geschichte, die ich irgendwo mal aufgeschnappt habe: Ein Mann fährt zur Arbeit, morgens um sechs. Doch er kommt nicht an. Die Freundin wartet nach Feierabend vergeblich, glaubt an Überstunden. Seine Arbeitskollegen rufen zwei Tage später an, denn sie vermissen den Firmenwagen. Der Mann ist an einer Kreuzung einfach links abgebogen, an der er normalerweise rechts gefahren wäre. Man hat ihn aufgespürt. Nach fünf Wochen. An der Grenze zu Kurdistan. Ich hätte nie gedacht, dass mir etwas Ähnliches passieren könnte ...

Es ist ein Morgen, an dem der Himmel die Farbe von Paul Newmans Augen hat. Ich stehe in Dormagen bei Köln in einer schmalen Straße mit Vorgärten wie aus »Schöner Wohnen«. Vor einem Backsteinhaus parkt ein Motorrad. Dahinter steht ein schlaksiger Mann, der den dazugehörigen Zündschlüssel auf seiner Handfläche präsentiert. »Sie ist ein Designerstück«, sagt er. »Es gibt nur diese eine hier. So sauber wie sie ist, soll sie bleiben. Also pass auf, fahr höchstens zwei Mal um den Ort und bring sie heil wieder.« Kein Problem. Das ist mein Job.
Als Testredakteur bin ich in acht Jahren schätzungsweise 300 verschiedene Motorräder gefahren. Vom Billigeimer über Hightech-Raketen bis zu superteuren Unikaten. Diese hier, so denke ich, ist schlicht Nummer 301.
Aber irgendwas ist anders. Als meine Hand den Zündschlüssel umschließt schlägt mein Herz plötzlich unregelmäßig. Leicht nachdenklich er­­­­wacht der luftgekühlte italienische Zweizylinder auf Knopfdruck. Es ist ein 1000er-Ducati-V2, der 84 PS mobilisiert und von einem Gitterrohrrahmen gehalten wird. Ein Motor, der fünf Ducati-Modelle antreibt, die ich alle schon gefahren bin. Doch die Welt scheint plötzlich surreal. Ängste rieseln wie Pulverschnee von meiner Seele. Rente? 67 ist noch verdammt lang hin... Mahnbrief der Bank? Schulden verursachen keine Schmerzen! Arge Probleme? Gibt’s im Irak!
»Ich geh’ rein und gieß mir ’nen ­Kaffee auf«, sagt der Besitzer, »wenn du zurück bist, klingle einfach.« Ich nicke. Auskuppeln! 30er-Zone, erster Gang. ­Die Umgebung verschwindet aus meiner Wahrnehmung. Wie schnell sich das Leben ändert. Man sich nach einem Morgen mit drei neuen Pickeln im Gesicht, zwei beim Fahren verschluckten Fliegen, Dutzenden roter Ampeln plus zwei langen Staus durchgeschwitzt, durstig und müde quasi aus dem Nichts heraus neu geboren fühlt. Dieses Motorrad von Designer Jens vom Brauck lässt Flugzeuge in meinem Bauch starten, die ich mir bislang für die Sichtung meiner Traumfrau aufbewahrt hatte.
Rote Ampel. Mein Herz schlägt wild. Wie oft schon habe ich in der S-Bahn einer schönen Frau gegenüber gesessen. Und sie nicht angesprochen. Es ist doch so einfach. Wie oft habe ich vor meinem Vorgesetzten gestanden und ihm nicht gesagt, dass er die Entscheidung besser noch mal überdenken soll. Wie oft habe ich mir abends vor dem Einschlafen gewünscht, einfach aus dem Bauch heraus leben zu können...
Die Ampel springt um. Grün!
Ich muss nach links.
Und fahre nach rechts.
Bring sie heil wieder, schießt es mir durch den Kopf. Ich werde aufpassen, versprochen! Aber wann, ist meine Sache. Ortsausgang, nördliche Richtung, Freiheit als Ziel. Technisch ist meine Verführerin schnell beschrieben: Jens vom Brauck rückte einer Multistrada gnadenlos mit der Flex zu Leibe. Alles, was ihm für puristisches Fahrvergnügen überflüssig er­schien, musste weichen: Verkleidung, Heck, ausladender Auspuff. Teile wie Tank, Lampe, Lenker, Fußrastenanlage oder Schalldämpfer wurden durch leichtere ersetzt. Die Fette könnte nach dieser Diät glatt als magersüchtig beklagt werden und nennt sich nun Scrambler. 221 Kilogramm hat sie mal gewogen. Jetzt fühlt sie sich leichtfüßig an wie eine Yamaha XT 500... aber, kann das sein?
70 km/h, geschätzte 40 Grad Schräglage, rechts rauscht ein Schild vorbei: Annahme. Vor einem Tor warten beladene Lkw. Die haben bestimmt eine Waage, schießt es mir durch den Kopf. Zwei Minuten später auf dem Hof des Containerumschlagplatzes: Ein Mann mit Bauhelm kommt auf mich zu. Er misst zirka 1,90 Meter. Und hätte 10000 Flugmeilen weiter östlich garantiert als Sumo-Ringer Karriere gemacht.
»Watt jibb’s?«
»Ich würde das Motorrad hier gern wiegen. Geht das?«
»Ne Duc, wa? Für die mach ich datt.«
Detlev F. fühlt sich wie 49 und ist es auch. Neben ihm wirkt der Scrambler wie ein Kinderfahrrad. 50 Meter sind es bis zur riesigen Waage. Er schiebt. Und berichtet aus seinem Leben. Vor 21 Jahren hat der Motorradfan seine Frau kennen gelernt. Die stellte ihn vor die Wahl: entweder sie oder seine 500er-Four. Herr F. fährt seitdem Auto. Der Wunsch nach einem Bike ist allerdings noch immer lebendig. »Aber nitt so eens, wo mer kein Deo mehr braucht«, sagt er und hebt dabei die Arme. Er meint Chopper. Die Waage zeigt 190 Kilogramm. Ich bin leicht verwirrt. »Die jeht uff 25 Kilo exakt«, raunt Herr F. stolz. Für Vierzigtonner mag das reichen. Ein Versuch war’s trotzdem wert.
Was ist so anders als die 300 Male zuvor, wie kann ein Motorrad alle meine Werte über Bord werfen, mich aus tiefstem Lebensschlaf wachrütteln? Da wäre einerseits die Sitzposition: Sie ist ­so, als würde man einen fremden Raum be­treten, den man liebevoll selbst eingerichtet hat. Im direkten Vergleich zu einer Multistrada sitzt man mit 800 Millimetern exakt 50 niedriger und viel dichter am ideal gekröpften LSL-Lenker. Realisiert wurde dies durch eine Eigenbau-Sitzbank-Tank-Kombination plus LSL-Fußrastenanlage.
Zwar hat der Scrambler nur neun Liter Sprit an Bord, gibt mir jedoch das Gefühl, nach 300 zweirädrigen One-Night-Stands endlich Mrs. Right gefunden zu haben. Und die JvB-Ducati schafft noch etwas: Ihre Reduktion aufs Wesentliche scheint sich auf mich zu übertragen. Auf einmal gibt es nur noch das Fahren. Motorkraft. Bremsen. Bewegung. Leben im Jetzt, nur für diesen Augenblick. Für jeden Zentimeter Weg. Der Scrambler formatiert meine innere Festplatte neu, löscht alle Handynummern und verknüpft meine Vergangenheit mit der Gegenwart. Es kommt ­mir vor, als säße ich tatsächlich auf einer 500er-XT mit gigantischem Druck und allerfeinsten Bremsen. Denn das Motorrad reagiert spielerisch und unglaublich direkt auf jeden Lenkimpuls.
180 Kilometer liegen hinter mir. Das Land wird flacher. Ortsschilder mit malerischen Namen wie Flintrup, Büttrup oder Buddenbaum rauschen mir entgegen. Hier, im deutschen Outback Ostwestfalen, riecht es oft nach Schwein. Es scheint, als hätte sich jeder zweite Aussiedlerhof auf Mast spezialisiert. Nun, Schweine werden bekanntlich vor dem Verkauf gewogen...
Der Scrambler steht keine drei Sekunden tickernd im Innenhof, schon rennt mir ein Kettenhund entgegen. Mit dem Tier stimmt was nicht. Es hat keine Kette mehr. Da stehen wir nun. Der eine möchte am liebsten wieder fahren. Der andere hätte das wahrscheinlich auch gern, blockiert aber die Ausfahrt. »Was’n hier los? Bruno, bei Fuß!«
»Haben Sie vielleicht eine Waage und könnten mein Motorrad wiegen?« Ein charmantes Lächeln soll meiner Bitte Nachdruck verleihen. Der Landwirt trägt eine Prinz-Heinrich-Mütze. Sein Oberkörper ist unbekleidet und völlig behaart. Seine viel zu weite Latzhose, die fast hörbar nach einem 90-Grad-Waschgang fleht, endet in kniehohen Gummistiefeln. Er schaut wie ein Uhu, den man auf seine Mauser an­spricht.
»Wiegen? Das Motorrad? Jetzt? Es ist Mittach!«
»Soll ich heut’ abend noch Mal vorbeikommen?«
Eine Minute lange flitzt sein Blick zwischen der Duc und mir hin und her. Dann bedeutet er mir zu folgen. Wir wuchten den Scrambler auf die Schweinewaage. Bruno kläfft, der Landwirt legt kleine Gewichte auf eine tellergroße, baumelnde Plattform. »176,5 Kilo«, nuschelt er, »wurde letzte Woche erst geeicht.«
Ich fühle mich frei, so leicht. Kein Wunder. Zwischen meinen Beinen hämmert der V2 stoisch. Zwar läuft er unter 3000/min rappelig, darüber aber setzt er Gasbefehle direkt in kernigen Schub um. Quicklebendig, ohne nervende Vibrationen. Unzählige Kurbelwellenumdrehungen später erhebt sich der Teutoburger Wald aus der Weite. Kurven! Nun zeigt mir das Einzelstück, was es kann. Schon zaghafteste Schenkeldrücke realisieren Richtungswechsel. Das sehr eigentümliche, kippelige Lenk­verhalten, das die Multistrada mit Unruhm übergoss, ist nur noch ansatzweise spürbar. Doch die Federung, fürs 44,5 Kilogramm schwerere Basisfahrzeug schon recht straff ausgelegt, wirkt jetzt bretthart und spricht darüber hinaus schlecht an.
Viel zu schnell ist der Kurvenrausch vorbei, ich bremse mich an einen Golf-II-Fahrer mit Haaren wie Zuckerwatte heran. Mit 35 km/h durchschleicht er den Ort, 55 km/h erreicht sein Wagen auf der Landstraße. Auf seiner Ablage im Heck: eine Parkscheibe. Das macht Sinn. Durch­ge­zogene Mittellinie, so weit das Auge reicht. Und es reicht weit, so zirka vier ­Kilo­meter. Das muss ich jetzt nicht haben, bin schließlich auf der Flucht, oder?
»Ihre Papiere bitte!«
»Die Sonne stand tief. Die Linie sah unterbrochen aus«, höre ich mich recht­fertigen.
»Schon mal was von Sonnenbrille gehört?«
Der Polizeimeister fährt eine nagelneue Yamaha FJR. Er schürzt die Lippen und umkreist den Scrambler.
»Ne Italienerin also. Auch noch von der Sorte, die sich neu schon kaputt anhören. Dachte zuerst, es wäre die neue Buell.«
Na, da würden die Amis sich aber freuen. »Ist ein Einzelstück«, sage ich und deute auf das rote Kennzeichen, »das Rasseln kommt von der Trockenkupplung. Die Kiste ist mechanisch kerngesund.«
»Starten Sie mal.«
Gemeinsam lauschen wir dem Sound. Im Stand hört sich der V2 konstruktions-bedingt an, als würde ein Duracell-Hase mit Schluckauf im Gehäuse hocken, der mit Nägeln gefüllte Samba-Rasseln schüttelt. Gottlob wird das Geschepper vom sonoren Bollern des Endschalldämpfers übertönt. »Grenzwertig, aber gut«, meint der Ordnungshüter. »Wo wollen Sie denn noch hin?«
Gute Frage, denke ich. »Irgendwie nach Norden.«
»Hamburg, hab’ ich recht? Wer die große Freiheit schon fährt, will sie garantiert auch besuchen, oder?«
Eine durchgezogene Linie zu überfahren ist viel teurer, als selbst eine zu malen. Aber Hamburg klingt gut. Ich muss an meinen Vater denken. 1948 hatte der ein Überfahrtsticket nach Argentinien in der Tasche und wollte drüben ein neues Leben beginnen. Deutschland war in vier Besatzungszonen aufgeteilt, an deren Gren­zen er sein Ticket vorzeigen musste. Dummerweise auch seinen Ausweis. Mein Vater war damals 20, erst ein Jahr später volljährig. Man ließ ihn nicht passieren. Der Traum platzte, denn mein Opa verlangte, dass er den elterlichen Betrieb übernahm. Wie oft hat er mir diese Story wehmütig erzählt, ist seinem versunkenen Traum nachgehängt? Dabei muss es nicht gleich Südamerika sein. Nahe Ziele zu erreichen ist mitunter besser, als von den entfernten nur zu träumen.
Die Dämmerung hat schon eingesetzt, als ich den Hamburger Hafen erreiche. Die würzige Luft riecht nach Ferne, Salz und Abenteuer. Ich blicke auf den Scrambler. 430 Kilometer Fahrt. Der Sitz ist hart und etwas knapp bemessen. Unwichtig. Zahllose Fliegenkadaver kleben an Lampe, Lack und Felgen. Egal, ein nasser Lappen wird das richten. Zögerlich klappe ich mein Handy auf.
»Hat ein bisschen länger gedauert als geplant«, bemerke ich.
»Kann man wohl sagen. Ist die Duc wenigstens noch heil?«
»In tadellosem Zustand.« Ich stocke, ringe um eine Erklärung. Stammele so etwas wie: »Wenn Träume wahr werden und sich der Tag wie ein roter Teppich ­vor einem ausrollt, ist die Zeit gekommen, das zu tun, was der Bauch sagt...« Stille am anderen Ende der Leitung. »Ja, vielleicht hast du recht«, sagt die Stimme. Es klingt nachdenklich.
Wann ich den Scrambler wieder zurückbringe, fragt sie nicht.

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