Impression Kawasaki KH 400 (Archivversion) Spiel mir das Lied vom Herbst

Die letzte Ausfahrt heuer. Und dazu braucht’s zwingend ein altes Motorrad mit Zweitaktmotor. Eine giftgrüne Dreizylinder-Kawasaki mit Namen KH 400 aus dem Jahre 1977 zum Beispiel ist bestens dafür geeignet.

Herbst. Das ist ein Fest für die Sinne. Im Speziellen für die Nase. Denn was könnte es Schöneres geben, als aus einem dunklen, nach Moder, Sumpf, Tannennadeln und Pilzen riechenden Wald in ein Tal zu gelangen, wo es während des Jahres stinkt, im Herbst aber erstaunlicherweise nur duftet. Im zweiten Tal meiner Sonntagsstrecke hat nämlich ein Schweinezüchter seinen Hof.
Sicher, im Sommer an der gleichen Stelle würde es einen fast würgen, wäre die Geruchszone nicht so schmal. Weil es ja oft hurtig vorangeht – mit der aktuellsten Werksreplika der Marke XYZ. Und weil es gilt, vor den Freunden die letzte Rille am Slick zu finden. Zum allfälligen Schnüffeln des Schweineparfüms bleibt da keine Tausendstelsekunde Zeit.
Womit jetzt klar wird, warum die Herbstausfahrt nicht mit einem neuen Motorrad gelingt, wenn die Betonung
auf Herbst und nicht auf Ausfahrt liegen soll. Denn so moralisch gefestigt ist niemand, dass er auf einer dieser modernen Raketen langsam fährt, um das Riechorgan zu beschäftigen. Spätestens jetzt sollte ebenso klar sein, warum eigentlich nur ein Zweitakter in Frage kommt: der Geruchsnote wegen. Ein Fingerhut voll Castrol R – R wie Rizinus (vor allem) und Racing – zum Benzin, und das Aroma ist perfekt.
Herbst also und eine Kawasaki KH 400. Das Jahr neigt sich langsam dem Ende entgegen, die Zeit des Zweitakters ist schon lange vorbei. Leider. Säuft, stinkt, lärmt – stimmt alles. Aber: Ja und? Ein solcher Motor klingt sogar wie Herbst. Irgendwie klasse, irgendwie kaputt, irgendwie am Ende, am Herbst eben.
Die grüne alte Dame scharrt erwartungsvoll mit den Gummihufen. Es ist kalt und neblig zu Beginn der Tour. Bedingungen, die dem Zweitakter entgegenkommen. Wenn er denn erst mal läuft. Nun, die Kickstarter-Übersetzung ist schlicht ein Witz, der Fuß braucht ziemlich Kraft und kann trotzdem den Motor nicht in Schwung bringen. Ein Unding: Eine (meine) 750er-Dreizylinder geht mit der Hand zu starten...
Die blaue Fahne nach dem Kaltstart wird gnädig vom Nebel verschluckt. Wobei, ordentlich eingestellt und modernes Öl verfüttert, dies ziemlich schnell aufhört. Wie der Nebel, der bald einer blassen Sonne weicht, die den Hof der Schweine in ein milderes Licht stellt, als er es verdient hätte.

Der eisige Fahrtwind, der dem Fahrer ins Gesicht schlägt, tut der Kawasaki besonders gut. Die kalte Luft sorgt für mindestens vier zusätzliche Pferdestärken. Nicht zu verachten, dieser Leistungszuwachs, denn die angegebenen 36 PS bei 7000/min fallen unter die Rubrik: Schön wär’s ja. Sagen wir mal so: Es sind echte 32. Wenn’s heiß ist, im Sommer, gerade noch 28. Jetzt im Herbst dürfte jedoch wieder die komplette Mannschaft angetreten sein. Sattes Grün statt welker Herbst also in Sachen Leistung, so satt grün wie die Hausfarbe der Firma.
Aber waren diese Kawa-Baureihen eigentlich nicht stärker, giftiger und gemeiner? Stimmt. Allerdings, und das gilt für alle Zweitakt-Geräte des Hauses, lediglich in ihren jeweils ersten Produktionsjahren. Die Modellreihe der hier fahrenden 400er rollte anfangs mit 350 cm3 und knackigen 44 PS bei 8000 Touren über die Straßen. 1972 war das. Zwei Jahre später tauchte die 400er-Variante mit »nur« noch 42 PS bei den Händlern auf, 1976 fehlten weitere sechs Pferdchen, und dabei blieb es bis zum Ende. Das war offiziell 1978, inoffiziell 1979, denn so lange standen noch einige in den Läden herum. 4500 Mark musste man zuletzt laut Preisliste für eine 400er abdrücken, mancher Händler ließ jedoch gut und gerne mit sich handeln. Hauptsache, er hatte das Ding los.
Mehr Hubraum und trotzdem weniger Leistung? Laufkultur, Drehmoment, geringerer Spritverbrauch und weniger Qualm waren die Entwicklungsziele. Mit den genannten Folgen. Kastanie ist hierzu das passende Herbststichwort. Am Anfang grün und stachelig, zum Schluss rund und handschmiegsam, in der Farbe
eines gut abgehangenen ältlichen Brauns.
Für die Herbstausfahrt ist jedoch der gezähmte Zweitakter gerade richtig. Drehmoment und Kraft von unten, gepaart mit kontinuierlicher Leistungsentfaltung machen das Fahren zum Kinderspiel. Und von wegen alt und langsam. Der Antritt aus niedrigen Drehzahlen ist aller Ehren wert. Kernig scheppernd kommt die Fuhre bei 4000/min
in Fahrt, bei sechsfünf ist der Spaß am größten, und dennoch spielt die Musik bis etwa 8000 Kurbelwellenumdrehungen weiter. Danach wird es zäh. Gefühlte 160 Spitze sind drin, fünf Gänge reichen für alle Jahreszeiten.

Länger unterwegs mit der alten, saugut riechenden Dame fällt auf, dass nach dem Schweinegestank nasenschmeichelnde Kartoffelfeuer die Botschaft an den Himmel sind. Natürlich nur im Herbst und nur bei touristischer Fahrweise. Wenn nämlich du was zu sagen hast und nicht das Motorrad. Denn da gibt es immer wieder Ecken, die mit eigentlich wunderschönen Blättern be-deckt sind. Meist nass und rutschig.
Überhaupt ist es sinnvoll, sich stets den Bremsweg vorzustellen. Den von Schiffen am besten. Obwohl vorne eine Scheibenbremse ihren Dienst versieht, will man nicht so recht an ihre Existenz glauben. Ihr Quietschen ist lauter als das, was ansonsten passiert. Kraft ist gefordert, viel Kraft. Doch das Ergebnis bleibt irgendwo auf der Strecke.
Besonders, wenn es nass ist. Dann beginnt das Abenteuer. Mindestens drei Sekunden verstreichen, bis nach Betätigung des Bremshebels unten an der Scheibe überhaupt eine Reaktion erfolgt. Gut, dass es wenigstens an der Trommel hinten nichts auszusetzen gibt.
Inzwischen hat die Sonne endgültig Oberhand gewonnen. Der Wald leuchtet in sämtlichen Farbtönen zwischen Rot, Braun und Gold. Die 400er besticht durch ein neu-
trales, leichtes Handling und guten Geradeauslauf, Stress am Lenker kommt fast nirgends auf (außer beim Bremsen, aber das hatten wir ja bereits). Lediglich die Schräglagenfreiheit wird von Fußrasten, Seitenständer und Auspuffen eingeengt, wobei die Regenwurmbereifung mit 3.25 S 18 vorn und 3.50 S 18 hinten dafür sorgt, dass selbst bei flotterer Gangart gar nicht so viel Schräglage verlangt wird. Federung und Dämpfung
lassen sich etwa so beschreiben: Vorne arbeitet ein gut feuchter, noch junger und schwammiger Baumpilz, hinten eine Konstruktion aus Weiden-, Birken- und Eichenholz.
Im Prinzip könnte man stundenlang mit dieser Kawa so durch den Wald pfeilen. Die Sitzposition ist kommod und entspannt, die Ergonomie perfekt, die Vibrationen sind erträglich, kaputtgehen kann
an diesem leistungsreduzierten Modell ohnehin nichts. Nur unbedingt frühzeitig ans Tanken denken. Wer weniger als fünf Liter verbrannt hat, muss geschoben haben. Im Höchstfall fackeln dagegen schon mal zehn Liter ab. Bei so einer gemächlichen Tour landet man irgendwo in der Mitte. Zu viel? Jein! Für die Liebhaber der dreizylindrigen Kawasakis ist der Benzinkonsum eh kein Thema. Sie teilen schon seit Jahren und automatisch die Liter- und die Eurozahlen einfach durch zwei. Sonst wären sie schließlich keine Freunde der zwei-
taktenden Dreizylinder und könnten keine bleiben.

Warm ums Herz, kalt an der Nase, die Herbstausfahrt neigt sich dem Ende. Die Blätter decken weich den Tag zu, die alte
Kawasaki entspannt sich knisternd und freut sich auf die Winterruhe. Und auf den nächsten Frühling, der für sie mit Sicherheit wiederkommen wird. Leider wohl nie mehr für neue, moderne Zweitakter. Da
ist es doch schön, dass noch genügend alte mit der bestechenden Technik der Löcher herumfahren. Und das nicht nur im Herbst.

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