Impression Suzuki VS 1400 Intruder Big in Japan

Suzukis große Intruder war es, die mit 1360 Kubikzentimeter in der zweiten Hälfte der 80er Jahre als erster Japan-Chopper den Hubraum der dicken 1340er-Harleys knapp überbot. Was noch mehr zählte: Sie wurde selbst von der eingefleischten Harley-Fangemeinde ernst genommen.

Foto: fact
Spät geworden war es an jenem Abend in der Redaktion. Und draußen ganz schön schattig. Schnell den praktischen BMW-Anzug übergezogen, den Klapphelm aufgesetzt und rauf auf die Intruder. Ich wollte einfach nur heim. Unter sonorem Blubbern knapp über Standgas glitt die »Trude« im letzten Gang lässig durch die Stadt. Im Schein der Straßenlaternen floss der Chrom wellenförmig über den weinrot glänzenden Lack dahin. Sanfte Vibrationen massierten mir die letzten hartnäckigen Gedanken an die Arbeit aus dem Kopf. Chill out würde man das heute nennen. Und das ab Ausfahrt Redaktions-Tiefgarage. Langsam rollte die Intruder vor einer
roten Ampel aus.

Plötzlich links neben mir TÜV-loser Harley-Sound. Eine stahlhelmbewehrte Sonnenbrille mit Halstuch darunter blickte zu mir rüber, musterte die Suzi von Kopf bis Fuß. Dann mich. Schließlich Kopfschütteln und eine verständnislose Handbewegung – du hast sie wohl nicht alle, – bevor die Harley bei Grün unter dumpfem Grollen auf und davonstob. Der Typ hatte natürlich recht, mein Outfit passte wirklich nicht zu diesem chromfunkelnden Chopper. Aber das Verblüffende an diesem Erlebnis war: Die VS 1400 Intruder kam an. Ein echter Chopper, made in Japan, bei dem sich selbst hartgesottene Harley-Freaks nicht verächtlich abwandten. Das war exakt vor 20 Jahren. 1986, als Österreich das digitale Telefon-Wählsystem für seine Bürger einführte, das Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Indien und Westdeutschland verabschiedet wurde und erstmals die Flagge der Europäischen Gemeinschaft zu den Klängen der Europahymne vor dem Berlaymond-Gebäude in Brüssel im Wind flatterte. Was für ein ereignisloses Jahr – wäre nicht die Suzuki VS 1400 Intruder mit einem Paukenschlag auf den Plan getreten.

Mit aller Konsequenz wagte sich endlich ein japanischer Hersteller an das von den Amerikanern gepachtete Chopper-Thema heran und verpasste der bis dato dahinsiechenden, kümmerlichen asiatischen Soft-Chopper-Linie mit der Suzuki VS 1400 Intruder einen gewaltigen Tritt in den Hintern. Weg mit den unsäglichen Gussrädern, runter mit den heimelig-kuscheligen Stufensitzbänken und bloß diese Fußrastenanlagen abgeschraubt, deren Position allenfalls einem Tourer zur Ehre gereichen würde. Auf diesen verquollenen Möchtegern-Choppern fuhr immer das Gefühl mit, man säße auf der Gästetoilette eines Altersheims.

Aus der Sicht wahrer Chopper-Freunde hatte Suzuki mit der dicken »Trude« alles richtig gemacht. Weit vorn, Richtung Vorderrad, nicht unweit der Pipeline-dicken Auspuffkrümmer, sind die Rasten montiert und richten die Beine des Fahrers deutlich nach vorn. Wie das Barett eines Soldaten bedeckt der tropfenförmige Tank die kahlen, chromglänzenden Zylinderkopfdeckel nur spärlich. Einem knapp sitzenden Bikini gleich hält das propere Sitzkissen, so scheint’s, die geschwungene Heckpartie zusammen, unter der ein fetter 170er-15-Zöller hervorquillt. Funkelnde Drahtspeichenräder korrespondieren vorn mit einer filigranen Telegabel und chromfunkelnden Gabelbrücken, hinten mit armdicken, kurzgehaltenen Endschalldämpfern und einem hochglanzpolierten Gehäuse für den Winkeltrieb zum Hinterrad. Alles ist mit Bedacht arrangiert, perfekt aufeinander abgestimmt. Weder schwülstige Kotflügel noch sinnfreier Zierrat schmücken die VS 1400 wie einen mit Lametta überfrachteten Weihnachtsbaum. Wie ein schmales Handtuch überdeckt der knappe Kotflügel das Vorderrad aufs Nötigste, leuchtet ein Winzling von Scheinwerfer bei Nacht die Straße notdürftig aus. Verloren hält ein einzelner Tachometer an der oberen Gabelbrücke die Stellung. Drehzahlmesser, Kontrolllämpchen und sonstiger Schnickschack? Fehlanzeige. Die Suzi beschränkt sich aufs Wesentliche, kein Gramm scheint zu viel. Trotzdem wiegt sie vollgetankt noch immer 260 Kilogramm.

Eigentlich hätte schon die VS 750, die ein Jahr zuvor das Licht der Chopperwelt erblickte, verzücken müssen, weil sie fast genauso aussieht wie die große Schwester VS 1400. Aber eben nur fast. Mit ihrem Dreiviertel-Liter-V-Motor wurde sie in einem Atemzug mit Honda VF 750 C oder Kawasaki VN 750 Twin genannt und ging, als chopperigster aller Chopper, in der Mittelmäßigkeit ihres Hubraums unter. Pah, für echte Langhebel-Freaks nichts als Kinderspielzeug.

Die Suzuki VS 1400 bietet dagegen sogar mehr Hubraum als jede Harley. Unglaublich. Der dickste aller Ami-Pötte brachte es bis dato auf 1340 cm3 und einschläfernde 59 PS. Jetzt auf einmal waren 1360 cm3 und 67 PS das Maß der Dinge. Und das auch noch zu einem unschlagbaren Preis: 13999 Mark inklusive Auslieferungspauschale. Eine Softail war selbst für einen Kleinkredit nicht mehr zu haben, 26915 Mark gingen für sie über den Ladentisch – wohlgemerkt zu einem Zeitpunkt, als der Dollarkurs mit 1,79 Mark längst ungebremst auf Talfahrt war.

Bei aller Anlehnung an das amerikanische Original hatten sich die
Japaner Einiges einfallen lassen, den feinrippigen, luftgekühlten
V-Zweizylinder innerlich modern zu gestalten. Damit der E-Starter mit den dicken Pötten leichtes Spiel hat, nimmt eine automatische Dekompressionseinrichtung beim Betätigen des Starterknopfs den Druck in den Brennräumen des Dreiventilers zurück. Zudem spendierte Suzuki dem mächtigen V2 einen hydraulischen Ventilspielausgleich, womit das lästige Einstellen der Ventile beim Kundendienst entfällt und ein optimales Spiel gewährleistet ist. Gleich noch ein Trick, dem sich die Japaner bedienten, um die Zuverlässigkeit des Motors zu garantieren: Sie versahen den hinteren, thermisch höher belasteten Zylinder mit einer Ölkühlung, wie sie die supersportlichen GSX-R-Modelle besaßen. Zum Glück spielte sich das alles im Verborgenen ab, sonst hätte die Fortschrittlichkeit der VS 1400 den ein oder anderen Harley-Freak sicher abgeschreckt.

Dem urigen Charakter der großen Intruder konnten diese Maßnahmen nichts anhaben. Mit 45 Grad Hubzapfenversatz bei 45 Grad Zylinderwinkel kann der Motor locker auf eine Ausgleichswelle zur Vibrationsdämmung verzichten. Beim Beschleunigen stampft und poltert der Gigant unter Zischen und Röcheln wie ein Urvieh, allerdings ein sehr gutmütiges. Gemächlich hebt es sich aus den Federn, macht mit riesigen Schritten voran, um bald in ein sanftes Gleiten überzugehen. Unter hartem Klack und Klonk sind die vier Gänge ratzfatz durchgesteppt. Aber wozu eigentlich vier? Zum Anfahren langt auch der Zweite, und ab 60 km/h ist Reisen ausschließlich in der letzten Fahrstufe angesagt.

Nun darf man nicht glauben, nur weil etwas aus Japan kommt, funktioniert alles perfekt. Mitnichten. Die Vorderradbremse reagiert lediglich unter Gewaltandrohung und beherztem Zug am Hebel manierlich. Vielleicht auch besser so, denn bei dem Vorderrad in weiter Ferne ist das Feingefühl für den Fahrbahnkontakt eh ziemlich mau. Außerdem macht die Hinterradbremse rechtzeitig dicke Backen und bringt die »Trude« standesgemäß zum Stehen.

Letztlich ist die VS zum Schnellfahren so wenig geeignet wie ein Sattelschlepper für die Formel 1. Mangelnde Schräglagenfreiheit und der sture Wille, bei flotter Gangart mahnend mit dem Heck zu wippen, geben den Fahrstil vor: Eile mit Weile.

Dazu bot Suzuki die Intruder auch mit T-Bone-Lenker als VS 1400 GLF an. Das war 1987. Mangels Kaufinteresse verschwand die Variante nach einem Jahr wieder in der Versenkung. Ansonsten war der »Trude« über viele Jahre ein Leben ohne große Veränderungen beschieden. 1991 allerdings musste man ihr zwangsläufig ein Fünfganggetriebe spendieren und Modifikationen am Auspuff und Luftfilter vornehmen, um die schärfer gewordenen Geräuschvorschriften erfüllen zu können. Drei kaum nennenswerte PS verlor sie durch diesen Eingriff und leider auch ein wenig von ihrem schönen Klang.

Dieses Modell hat sich Andreas Feix 1994 neu gekauft, immer gut
gepflegt und weitestgehend in seinem Originalzustand belassen. Zum Glück für uns, denn es ist heute ausgesprochen schwer, noch eine gut
erhaltene, serienmäßige VS 1400 Intruder aufzutreiben. Die meisten wurden von ihren Besitzern von Kopf bis Fuß, besser vom Lenker bis zum Nummernschildhalter umgebaut. Ganze Wolfsrudel und Indianerstämme haben auf dem tropfenförmigen Tank in Airbrush-Technik eine dauerhafte Bleibe gefunden. Alles Indizien, dass die VS 1400 Intruder als erster japanischer Chopper in der einschlägigen Szene wirklich Anerkennung fand.

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