Impression Velosolex (Archivversion)

Basic Instinct

250 Mark Gebraucht- und 1500 Mark Neupreis – billiger als das Velosolex ist kein anderer Klassiker. Und einfacher und langsamer auch nicht: Per Reibrolle eine dreiviertel Pferdestärke direkt von der Kurbelwelle aufs Vorderrad zu drücken, ist echt basic. Das Fahrgefühl auch. Ohne Kondition und gesunden Überlebensinstinkt ist Solexfahren nicht drin. Das Protokoll eines Nachmittags: 30 Kilometer in fünf Stunden, 25 km/h maximal, 5 minimal und drei Mal fast tot.

Entschlossen packe ich Stadtplan, Straßen- und Wanderkarten zusammen. Die Route steht. Vielleicht nicht die schönste, aber die realistischste. Eine, die die Kleine packt. Denn ein Velosolex fährt man nicht einfach so. Zumindest nicht in Stuttgart. Und schon gar nicht nach Leonberg. Runde 10 Kilometer einfache Wegstrecke, aber mit 0,78 PS navigatorisch aufwendig wie die Umrundung von Kap Horn. Denn zwischen dem Zentrum und den westlichen Außenbezirken liegen die anspruchsvollsten Strecken der Stadt. Verspurt, vertunnelt und steil bis in zweistellige Prozenthöhen. Mittendrin: der Botnanger Sattel, das Stilfser Joch Stuttgarts quasi. Rund 150 Meter über der Innenstadt gelegen und für das Velo vermutlich dramatischer Höhepunkt der Reise. Spielte es beim Fototermin im heimatlich-französischen Strassbourg noch locker alle Charme-Trümpfe aus, befürchte ich in der Stadt der Hanglagen und PS-Boliden das Schlimmste. Tauglich für 25 km/h Topspeed und maximal acht Steigungsprozente, wie bereits in den 50er Jahren die internen Verkaufsempfehlungen warnten. Viel geändert hat sich seither nicht. Also noch ein paar traktionsstarke Boots suchen, und dann kann’s losgehen. Schon die Startprozedur weckt Erinnerungen an unvergessliche Mofazeiten. Motor auf’s Vorderrad drücken, Deko-Hebel ziehen und dann feste losdriebeln. Ja genau, so war’s! Ich muss grinsen, als es pötternd langsam Fahrt aufnimmt. Schneckenlangsam, aber unvergleichlich. Schlingernd und mit dem Gefühl, zwei reife Kürbisse am Lenker zu balancieren, schwanke ich die Kurven der Tiefgarage hinauf. Haarscharf an zwei Betonpfosten und einem parkenden Porsche vorbei, doch dann sind wir oben. Das Velo zieht gar nicht mal so schlecht. Schwierig ist eher die Bedienung des stets in Vollgas arretierten Gasgriffs. Beim Verzögern muss gleichzeitig dieser zurückgedreht als auch die Bremse gezogen werden. Feinmotorisch nicht ohne. Am Rolltor kommen mir erste Bedenken. Egal. Tapfer eiere ich hinaus. Hui, die Schlossstraße! Breit und schnell wie die Autobahn. Im Rückspiegel zittern auflaufende Kühlergrills - bei 25 Sachen hält selbst die Pole-Position nicht lange vor. Schon bald senkt sich die Straße zur Charlottenplatz-Unterführung. Für dieses Winzteil verboten und bei der Ausfahrt obendrein steil wie das Penser Joch. Ein überfordertes Velosolex wäre da drin ungefähr so witzig wie ein verrauchter Büssingbus in Kehre sechs. Also rechts ab zur Theodor-Heuss-Straße. Hier wird zwar auf vier Spuren scharfgeschossen, aber wenigstens ist es eben. Mit kräftigen Tritten arbeite ich mich an den mehr als doppelt so schnell tosenden Verkehr heran. Die rechte Spur läuft ein, also muss ich in die Mitte. Trau dich! Die Solex gibt es seit mehr als einem halben Jahrhundert, wurde mehrere Millionen mal gebaut und es sind keinerlei einschlägige Unfälle bekannt. Also los! An der ersten Kreuzung wartet der Verkehr in fünf Richtungsspuren. Allmählich kapiere ich, wie’s geht. Ich dränge mich in der Geradeausbahn hinter das zweite Auto von vorne, halte das linke Pedal traktionsgünstig in Ein-Uhr-Stellung und sobald die rechte Fußgängerampel auf Grün springt, gebe ich Vollgas und steige beim Anrollen der Autos voll in die Pedale. Dann packen wir ungefähr die Spurstärke einer 17-PS-Ente. Am Kreuzungsausgang sind wir zwar schon wieder um Fahrzeuglängen abgeschlagen, aber der Konvoistart hat geklappt. Hinter dem Finanzamt beginnt die Steigung. Über vier Spuren und drei Kilometer. Ich weiche auf die kleine Herzogstraße aus, die mich quasi quer zur Falllinie via Silberburg- und Gutenbergstraße nach Westen bringt. Gegen die Einbahnstraße holpern wir über altes Kopfsteinpflaster direkt zur Fußgängerampel an der Schwabstraße. Einmal drücken und schon ist der brandende Verkehr gestoppt. Ich lerne, die Solex-Kerndisziplinen nutzen. Auf dem Bürgersteig an der Eisdiele »Rialto« vorbei und hinein in die Herwegstraße. Es wird steiler und wir kreuzen nun. Da! Vor der Paulus Kirche! Winkend saust eine Gestalt mit Streetfighter-Helm und wehendem Ledermantel vorbei – auf einem alten Solex! Mit hinten angeschlagenen Bremshebeln und fetter Fahrradlampe auf dem Motor. Geil! Läuft echt spitze, die Alte! Bis auf die 1960 eingeführte Fliehkraftkupplung und die irgendwann in den 90er barbarisch modernisierten Hebel und Lampen hat sich an Frankreichs Nachkriegsbeitrag zur Massenmotorisierung über die Jahre nicht viel verändert. Außer, dass seit 1995 Impex in Ungarn das gute Stück produziert. Während sich hierzulande in den 50er Jahren das allgegenwärtige Moped mehr und mehr zum erwachsenen Motorrad hinentwickelte, blieb jenseits des Rheins das in gigantischen Stückzahlen gebaute (bis zu 1400 Stück täglich) kleine Velosolex als Fahrrad mit Hilfsmotor eher fundamentalistisch. Und verkörperte wie R 4 und 2 CV französischen Rudimentär-Fahrzeugbau. Mit diesen beiden teilte es sich in den ausgehenden 60ern dann auch einträchtig den Apo-Kultstatus. Sie waren der echte, blechgewordene Konsum-Minimalismus. Am der Fritz-Reuter-Straße hilft nun alles Kreuzen nicht mehr, jetzt liegt er vor mir, der Sattel. Auf der Fahrradspur der Botnangerstraße kriechen wir hinan. Ich pedaliere ein bisschen mit, doch die Velo öttelt wacker mit ungefähr 15 Sachen hinauf. Gar nicht übel, die Kleine. Ich bin fast ein wenig stolz. In den Kehren wird es flacher, wir machen richtig Fahrt. Doch dann kommt das letzte Stück, senkrecht in der Fallinie. Volle Kanne keule ich in die Kurbeln, die Velo braucht jetzt ein Team. Doch Übersetzung, Ergonomie und satte 31 Kilo lechzen nicht gerade nach Bergrennen. Ich kämpfe mit Widerständen wie auf einem Ochsenkarren. Doch wir packen’s. Keuchend und rasselnd tuckern wir über den Sattel und stürzen uns anschließend das Steilstück nach Botnang hinab. Euphorisch vibriert sich das Maschinchen nun in höchste Drehzahlregionen. Ich bezweifle, dass ein Begrenzer hier im Notfall eingreift und nehme lieber etwas Speed raus. Vor der ersten Kehre bremse ich sogar ab, ich gestehe. Kreischend schiebt sich vor der Gabel ein Blechgestänge zusammen, um wie bei einem 20 Jahre alten Rixe-Dreigang-Rad zwei dünne Gummiklötzchen an die Felge zu pressen. Vermutlich verschlingt schon das windige Gestänge die halbe Hebelkraft, aber trotzdem verzögert das kleine Lieschen brav bis zum Stillstand. Kurz vor der Furtwänglerstraße fliegt mir eine Zehner Schraube entgegen. Es ist nur die der oberen Tankhalterung, abvibriert vermutlich. Die untere scheint schon länger weg. Doch der Benzinschlauch hält den Tank offenbar auch, anderhalb Liter Sprit zerren nicht mit Mördermacht. Hinter Botnang klettern wir noch einträchtig die Steigung zum Stadtwald hinauf, dann haben wir unsere Reiseflughöhe von zirka 400 Höhenmetern über dem Meer erreicht und mit 25 Sachen geht’s in Richtung Solitude. Langsam, langsam cruisen wir auf der winzigen Landstraße dahin, irgendwo überholen wir sogar ein Fahrrad und es ist fast wieder so schön wie in Strassbourg. Jetzt könnte es endlos so weitergehen. Ein kleines Stück fahren wir sogar auf einem Wanderweg. Ja, ja, eigentlich bei Todestrafe verboten, so was. Aber da passt es hin, das Velo. Seine Reibrolle quetscht unbeeindruckt den Modder vom Gummi und wir holpern vergnügt der blauen Kreuzmarkierung hinterher, biegen an der »Dicken Eiche« links zum Glemseck ab und eine Viertelstunde später fliegt bereits das Leonberger Ortschild an uns vorbei. Na also. Das Benzin geht erst auf dem Rückweg aus. Gerade als ich schon denke, dass man mit 1,4 Litern verblüffend weit kommt. Ausgerechnet auf der alten Solitude-Rennstrecke. Peinlich! Na ja, strenggenommen ist es ja jetzt eine Landstraße mit Radweg. Ich schwanke gerade zwischen Wut und ergebenen Das-jetzt-auch-noch-Gefühlen, als der Groschen schließlich fällt. Ich arretiere den Motor im Leerbetrieb und strample am roten Punkt wieder auf den Wanderweg. Schließlich ist es ein auch Fahrrad. Und das ist wirklich basic. .
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Technische Daten (Archivversion)

Luftgekühlter Einzylinder-Zweitakt-Motor, Hubraum 49 ccm, 0,58 kW (0,78 PS) bei 4000/min, Eingang-Automatik, Fliehkraftkupplung, Antrieb über Reibrolle (Breite 42 mm) aufs Vorderrad, verschraubter Pressstahlrahmen, ungefederte Gabel vorn, starr verschraubtes Rahmenheck, höhenverstellbarer und gefederter Sitz, Gewicht 31 kg vollgetankt, Tankinhalt 1,4 Liter, Reichweite ca. 65 km, Höchstgeschwindigkeit: 25 km/h, Bauzeit: ab 1946, Preis für aktuelle S 3800: 1561 Mark, Vertrieb: AT Zweirad, Telefon 02505/93050. Kontakt für alte Modelle: Velosolex IG, Telefon 06139/2466.

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