Intermot: Was ist cool? (Archivversion)

Cooltour

Wichtige und der Trendforschung kundige Menschen diskutierten auf der Intermot die Frage aller Fragen. Die da lautet:
»Was ist cool?« Cool nämlich müsse die »Lebenswelt Motorrad« werden, damit eine coole Generation sie für sich entdeckt.

Von einer Herausforderung war die Rede, von der größten der Nachkriegszeit sogar. »Waren 1984 noch 106213 Motorräder auf Halter zwischen 18 und 20 Jahren zugelassen, sind es 2004 noch 24565. Dies entspricht
einem Rückgang von 77 Prozent.« Weil also das Motorrad so was von uncool geworden ist bei den Youngstern, lud das Branchenblatt Bike und Business den führenden Trendforscher Professor Dr. Peter Wippermann nebst
seinem nichtuniversitären Kollegen Michael T. Schröder zum Symposium »Was ist heute cool?« Woselbst Wippermann das Motorrad für so uncool erklärte, »dass es völlig neu interpretiert werden muss, um bei der Jugend wieder attraktiv zu werden«.
Hätte der Professor sich etwas gründlicher auf der Intermot umgesehen, so wäre ihm nicht entgangen, wie zahlreich doch die Jugend von heute, »Netzwerkkinder« nennt er sie, auf der Messe vertreten war. Die weibliche zumal. Derart crazy fuhr die »cool femininity« – nicht nur mit diesem Begriff faszinierte Trend- und Kommunikationsguru Michael T. Schröder das Symposium – auf die »Lebenswelt Motorrad« ab, dass die Mädels ihre coolsten Klamotten aus dem Kleiderschrank rissen. Und cool heißt in dem Fall hot. Richtig hot. Blondinen gab’s, die kamen sogar fast ohne. Ohne Klamotten. Das ging dann doch zu weit, statuierte die Messepolizei, schickte die Girlies darob zu Yamaha, zur fetten Bodypainterei.
Ganz genau hätte Wippermann da
hingucken müssen, dann wäre ihm sofort
aufgefallen, dass er mit fast allen seinen Thesen zur Uncoolness des Motorrads grandios daneben schoss. Etwa mit der, wonach die Jugend von heute, die Netzwerkkinder also, sich von der »Easy-Rider-Generation«, den Baby Boomern, wie
sie die Trendforschung nennt, vor allem dadurch unterscheide, dass sie statt auf Ausbruch (aus Konvention, Gesellschaft) auf Anschluss setze. In einem Punkt hatte er sicherlich Recht. Anschluss hätten die
coolen Freundinnen des Motorrads auf
der Intermot jederzeit finden können, mit Freunden des Motorrads beispielsweise. Aber Wippermann versteht »Anschluss« anders, als Anschluss an die Welt der Kommunikation, an Computer und Mobiltelefon. Doch dass die Mädels kein Handy mit sich führten, war leichthin zu sehen.
Einen Hersteller gab’s, der hat Wippermanns Trendberichterstattung anscheinend ganz genau gelesen. Und das war Sachs. Die Nürnberger erteilten ausschließlich Netzwerkkindern mit ebensolchem Strumpfwerk das Privileg, Anschluss an ihre
Maschinen zu finden. Ultracool sah das aus, dieses Netzwerk aus Netzstrumpf
und Mechanik. Vor allem auf der 500er
mit dem Grobripp-Enfield-Single. Mad Ass heißt die Kreation. So wie die 50er, die man schon kennt, und die 125er, die man jetzt kennen lernen wird. Und die 500er? »Ich bin sicher, dass die kommt«, sagt Ingo Kasten vom Designstudio Target, das den Prototyp auf die Räder stellte, »die Resonanz auf der Messe war sehr gut.«
Kasten glaubt, dass die 500er-Mad Ass eine neue Epoche einleiten könnte – die Epoche des Wegwerfmotorrads. »Das kann man auch einfach mal in die Ecke feuern.« Kleine Dellen, Kratzer und andere Macken machen das Gefährt noch fetter, noch
stylisher. Cooler Auftritt vor Disco oder Strandcafé garantiert. Wie das Edelpunkertum, insbesondere unter der weiblichen Jugend verbreitet, zeigt, geht der Trend mitunter hin zur kultivierten Anarchie. Zu einer, die man sich leisten können wird. Unter 4000 Euro soll die 500er-Mad Ass kosten. Haben Kasten und Sachs also,
wie Wippermann fordert, für die Jugend »das Motorrad neu definiert?«
Zwei Mitarbeiter eines Sachs-Händlers aus Bietigheim-Bissingen, trendforschersprachlich beide durchaus als der »cool masculinity« zugehörig zu rubrizieren, haben da ihre Bedenken. »Bei uns fahren die Jungen eher auf die Roller ab.« Wieso? »Weil die in der Clique auch welche
haben.« Aha. Und wer kauft dann die Mad Ass? »Das sind die um die 30.«
Sollten die 30-Jährigen sich jetzt verstärkt auf die Mad Ass stürzen, insbesondere auf die 500er mit ihrem grandiosen
juvenil-brachialen Charme, der jeder Midlife-Crisis, sofern es die überhaupt und das heißt in der Trendforschung: marktrelevant noch gibt, den Garaus macht, so wäre dies gut für Sachs und, wippermannsch betrachtet, nicht schlecht für die
Motorradbranche. Weil 30-Jährige in den seltensten Fällen Väter von Netzwerkkindern sind, davon kann man wohl
ausgehen, und diese, die Netzwerkkinder, folglich nicht gegen sie, die 30-Jährigen rebellieren, und deshalb nicht nicht Motorrad fahren müssen.
Trendforschung muss nicht immer so simpel sein, wohl aber simple Ergebnisse liefern. Weil Trends prinzipiell
simpel sind, sonst wären es keine Trends. So folgte auf den Trend zur Aktie der zum Zweittattoo. Das Motorrad war nie trendy, und als es als trendy galt, war es das, trendy halt, weil viele glaubten, dass es nicht trendy sei. Trend war, gegen den Trend zu sein. Insofern hat Trendforschung was Gutes. Ihre Ergebnisse zeigen der Branche, in welche Richtung sie vielleicht besser nicht gehen sollte. So besehen, war das Symposium auf der Intermot ein voller Erfolg. Wer Motorräder für eine Jugend bauen möchte, die, über den trendforscherlichen Kamm geschoren, als »pragmatisch« charakterisiert wird, als eine, die nicht mehr von »Mobilität, sondern von Interaktivität sich leiten lässt«, täte besser daran, Computerspiele auf Rädern zu fabrizieren.
Einst, in seinen heroischen, rebellischen Zeiten, referierte Wippermann, habe das Motorrad auf alles Marketing verzichten können. Das habe Hollywood erledigt. Mit »Easy Rider«. Da irrt Wippermann: Hollywood wollte »Easy Rider« nicht haben, der Film war eine freie, spontane Produktion. So weit müsste es das Motorrad wieder bringen. Auf der Intermot war übrigens die Ducati aus »Cat Woman« und auch sonst ziemlich viel Hollywood zu sehen.
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MDA-Designpreis für Atsushi Ishiyama (Archivversion) - Der Weise

Atsushi Ishiyama bringt Yamaha
in Form. Nicht als hochdotierter Direktor. Ishiyama San ist sein eigner Chef, hat seine eigene Firma, GK
Dynamics. Yamaha-Design, das kommt nicht aus der Firma selbst, das kommt in die Firma hinein. Von Ishiyama eben. Der, befragt, was seine Lieblingskreationen seien, RD 350 und
MT-01 nennt. Und der über Formen und Technik spricht wie ein Philosoph. Etwa wenn er über die Begriffspaare Mensch-Maschine und Seele-Energie meditiert und dabei natürlich das
Motorrad meint, genauer: das Verhältnis Fahrer-Motorrad. Diese Symbiose habe er immer im Kopf, die trage er
in seinem Herzen. Schwärmt er. Um danach von seiner Zusammenarbeit mit den Technikern unwd Marketingleuten von Yamaha zu erzählen, die seine Entwürfe verändern wollten.
Mitunter. Aus Gründen der Ökonomie. »Das ist wie ein Wind, der geht auf und ab, wird stärker und schwächer, aber es ist gut, wenn du dabei Oberwind hast.« Da lacht Ishiyama, der Weise. »Ein Motorrad muss dein Herz bewegen«, sagt er. Auf die Frage,
welche Maschinen auf der Intermot, die seinigen ausgenommen, sein Herz denn bewegt hätten, antwortet Ishiyama kurz und bündig, was selten bei ihm vorkommt: »Keine.«
Die Motorcycle Designers Association (MDA) hat Atsushi Ishiyama
in München mit einem Ehrenpreis
für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Nächstes Jahr wird Yamaha 50, dann bringt MOTORRAD mehr über den Mann, der Yamaha geprägt hat wie vielleicht kein anderer.

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