Intermot/IVM-Design-Preis (Archivversion)

Trends her

Dass beim Motorradler der Trend verschärft Richtung Oldie geht, ist bekannt. Jetzt will der IVM neue Zielgruppen locken. Qua Design-Wettbewerb.

Der Tag ist vielleicht nicht mehr fern, da Motorradklamotten ähnliche Empfindungen provozieren, wie
das heutzutage Krachlederne, rote Kniestrümpfe und ebenso karierte Hemden tun. Trachten eben, für eine skurrile Spezies Mensch, die einem seltsamen Hobby frönt: schwer vermummt auf zwei Rädern durch die Lande düsen, schwitzend im Sommer, frierend im Winter. Und das, obwohl sie sich ein Auto leisten könnten, mit Klimaanlage und CD-Wechsler. Das verstehe, wer will. Die Kids jedenfalls nicht. Die kapieren auch nicht, was für
ein Brimbramborium die älteren Herrschaften um ihre komischen
Maschinen veranstalten. Haben nichts Besseres zu tun, als darüber zu quatschen, was sie gern an eigens dafür ausgewählten, meist auch bewirtschafteten Plätzen tun. Dazu läuft Musik aus verstaubten Zeiten, in diesen Kreisen als »Hardrock« bekannt. Ein Fall für die Brauchtumsforschung.
Das ist freilich nur ein Szenario unter vielen, das die Jungen mehr und mehr vom Motorrad trennt: dass man sich von »gängigen Biker-Klischees« verabschieden müsse. Meint Bert Poensgen, Suzuki-Vertriebschef und Vorsitzender des Industrie-Verbands Motorrad (IVM), der zusammen mit der Intermot, der weltgrößten Motorradmesse, einen Design-Wettbewerb ausgeschrieben hat. Für
jugendliche Profis, Jungdesigner oder »Studenten« (1. Preis: 3000 Euro), in einer »offenen Kategorie« für alle Motorradinteressierten bis 25 Jahre (1000 Euro; Ausschreibung: www.intermotdesignpreis.de).
Ein Anfang, immerhin. Denn herzlich wenig hat sie sich bislang um die Bedürfnisse potenzieller Einsteiger gekümmert, die Industrie. Noch vor einem Jahr war von einem wichtigen Manager auf die obligatorische MOTORRAD-Frage, was sich bei seiner Firma im Segment der Einsteigermotorräder tue, die lapidare Antwort zu hören: nichts. Weil mit diesen Maschinen, anders als bei Supersportlern und Edeltourern, kein Geld zu verdienen sei. Außerdem fehle es an der Nachfrage. Auf die Idee, dass das geringe Interesse auf ein langweiliges Angebot zurückzuführen sein könne, kam er damals noch nicht.
Und jetzt also der Wandel? Die Einsicht, dass einem die Klientel wegstirbt? »Die beiden Partner IVM e.V. und Messe München GmbH haben Design als
bedeutendes Kaufargument der jungen Kundengeneration in einem emotional geprägten Motorrad- und Rollermarkt erkannt.« BMW wohl als erster Hersteller, mit der Scarver. Dass Motorradler der alten Garde sich über diese Maschine lustig machen, ist alles andere als ein Handicap. Im Gegenteil. Da stört schon eher, dass die angepeilte Käuferschar, die Jugendlichen, sich als äußerst reserviert
erweist. Weil die Scarver nun mal so aussieht wie ein Motorrad, das Vatern seinem Filius zum Abi schenkt. »Weißt du, ich war auch mal jung.« Und dann der C1, dieser Roller mit Dach. Im Grunde genommen eine brillante Idee. Aber im Grunde genommen hätte man auch wissen müssen, dass so ein Ding als Einsitzer nicht funktioniert. Da hat man schon mal die Chance, ohne Schutzkleidung eine Disko zu visitieren, aber die Dame, die auf einen abfährt, bleibt im Regen stehen.
Und jetzt Honda! Brandneues Einsteigermodell, heißt CBF 500 und kommt nicht unhübsch daher. Klassisch und
dennoch, o là là, ein klein bisschen gewagt – wie Jil-Sander-Klamotten. Doch darauf steht Mama und nicht die Kleine. MOTORRAD-Zeichner Stefan Kraft – übrigens Juror beim Design-Preis – hat sich schon vor zwei Jahren überlegt, wie Hondas 500er die Kids fesseln könnte – als Scrambler mit Speichenrädern. Und dass Suzuki die GS supersportlich verkleiden solle. Für die Saison 2004 hat
sie sich tatsächlich in Schale geworfen. Aber in was für eine. Erinnert verschärft an ein Umstandskleid.
»In unserer postpostmodernen Gesellschaft mit ihren vielen Gruppierungen und Subszenen kann schon ein Mitdreißiger wie ich kaum noch sicher sagen, was
Jugendliche wirklich bewegt«, sinniert
Oliver Neuland, Organisator des Design-Wettbewerbs. Deshalb freut er sich auf Entwürfe, die das Motorrad zwar nicht neu erfinden, es aber so modifizieren, »dass man absteigen und einen Club besuchen kann«. In der Ausschreibung geht es deshalb nicht nur um Motorräder und Roller, sondern um alles, was mit einem gekräderten Leben zu tun hat, also auch um Klamotten, Helme.
Die großen Hersteller, dieser Eindruck drängt sich auf, sind angesichts der Vergeblichkeit ihrer eigenen Anstrengungen bereit, diese Ideen ernst zu nehmen.
Dafür spricht auch, dass der Wettbewerb regelmäßig durchgeführt werden soll. Alle zwei Jahre, die besten Arbeiten werden dann auf der Intermot präsentiert. Und in MOTORRAD.
Weil es zwar stimmen mag, dass man mit Kampagnen die Jugendlichen nicht zum Motorrad bringt – sie müssen es schon selbst wollen –, man ihnen aber gerade deswegen ein Angebot machen sollte, das sie so leichthin nicht ablehnen können.
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Poensgen, Bert: Interview (Archivversion)

Robert Poensgen, Vertriebschef von Suzuki und Präsident des Industrie-Verbands Motorrad (IVM) e.V.
Gefallen Ihnen die aktuellen Modelle nicht, weil Sie jetzt einen Design-Wettbewerb ausschreiben?
Das kann man so nicht sagen. Aber wir müssen sehen, was in Zukunft machbar ist, was gefällt und was sich die Leute vorstellen, die nicht permanent mit dem Thema Motorrad beschäftigt sind. Sonst besteht die Gefahr, dass man stets nur in eine Richtung denkt. Das kann man mit so einem Wettbewerb ändern.
Was erhofft sich der IVM konkret von dem Design-Wettbewerb?
Wir erhoffen uns, dass das Thema Motorrad und Roller in den Köpfen immer wieder frisch behandelt wird, und wir erhoffen uns Input von Menschen, die sich nicht hauptberuflich mit dem Motorrad beschäftigen. Bestimmt entstehen auf diesem Weg auch Entwürfe, die zumindest in Details in die Produktion einfließen können.
Warum zwei Teilnehmerkreise? Erwarten Sie sich speziell von den Nonprofessionals auch Aufschlüsse darüber, was die Kundschaft gerne hätte?
Klar. Wir wollen diejenigen ansprechen, die sich in
jungen Jahren professionell mit Design beschäftigen und auch
zukünftig beschäftigen wollen. Andererseits wollen wir mit dem zweiten Teilnehmerkreis diejenigen erreichen, die letztlich der Markt sind.
Der Wettbewerb soll Zeitgeist und Lebensstil der Jugendlichen aufnehmen und damit die Akzeptanz des Motorrads bei jungen Leuten erhöhen, soll wegführen von Motorradklischees. Welchen?
Wenn Sie das Motorrad und heutige Motorradfahrer
betrachten, dann erschließt sich die Problematik, dass der klassische Motorradfahrer immer älter wird. Das Motorrad spielt für die Jugend keine Rolle. Es ist zum einen nicht mehr notwendig, um von A nach B zu kommen, mobil zu sein, frei zu sein von Zwängen, die einem die Eltern auferlegt haben. Vor dreißig
Jahren hatte Motorradfahren noch etwas von anders sein,
von Auflehnung. Das ist heute ebenfalls weg. Heute fahren die
Eltern Motorrad.
Sie denken also, dass viel von dem, was früher Rebellion bedeutete, zum Klischee verkommen ist?
Exakt.
Sehen Sie Trends hin zu einem neuen Motorradbewusstsein der Jugendlichen, an das die Industrie anknüpfen kann?
Das ist ein extrem schwieriges Thema. Denn die Jugendlichen, die heute die Trends kreieren, werden ihrerseits älter und gehen als Zielgruppe verloren.
Glauben Sie, dass man so etwas wie ein Motorradbewusstsein konstruieren kann? Müsste das nicht eher eine spontane Bewegung sein?
Spontan bewegt sich heute leider fast überhaupt nichts mehr. Mit dem nötigen Ehrgeiz, dem nötigen Material und den nötigen finanziellen Mitteln lassen sich die Dinge gleichwohl anschieben. An allen drei Faktoren müssen wir ansetzen.
Kann Anschieben auch heißen, dass Hersteller günstige Einsteigermotorräder zu Preisen anbieten, die sich kaum noch rechnen?
Unsere Liebe zum Nachwuchs geht sehr weit, und ich weiß, dass die Industrie dieses Thema über Jahre sträflich vernachlässigt hat. Es gab andere Dinge, die Priorität hatten – mehr Power, mehr Technik. Dieser Kundenkreis ist groß geworden und zog die Aufmerksamkeit auf sich. Da fiel es lange Zeit nicht auf, dass woanders Kunden wegbleiben. Jetzt schauen wir auf einen vier Jahre lang rückläufigen Markt, da müssen wir umdenken. Das tun wir auch.
Wird jemand, der bei dem Design-Wettbewerb zum Beispiel eine Jacke einreicht, eine Chance haben gegen den Teilnehmer, der mit der Zeichnung eines kompletten Motorrads ankommt?
Mit Sicherheit. Die Jury wird die einzelnen Themen für sich aufzuarbeiten haben. Mit einer frischen und guten Idee hat jeder eine Chance.

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