Interview (Archivversion)

Prof. Dr. Maria Limbourg, Universität Duisburg-Essen, Expertin für vorschulische und schulische Mobilitäts- und Verkehrserziehung und -psychologie

? Kind auf dem Motorrad – was rät die Fachfrau?

! Untersuchungen haben ergeben, dass Motorradfahren als Sozius für Kinder extrem anstrengend ist. Ein Mitfahrer darf nicht träumen, das fällt Kindern jedoch schwer. Sie sind spontan und unberechenbar, und Eltern überschätzen ihre Kinder halt doch des Öfteren. Die Frage ist, ob Eltern dieses Risiko tragen können.

? Wenn ich meine Kinder beispielsweise zum Skifahren mitnehme, sind sie doch auch Gefahren ausgesetzt.

! Stimmt zwar, aber hier sind die Kinder selbst aktiv. Beim Mitfahren hat das Gehirn hingegen wenig zu tun, das Kind lässt sich schnell ablenken. Wenn dann zum Beispiel etwas in der Nase kitzelt oder ein Pferd auf der Weide springt, dann ist das für den Moment wichtiger, als sich auf dem Motorrad gut festzuhalten. Selbstfahren mit Mini-Motorrädern auf abgesperrten Strecken ist im Gegensatz dazu hochspannend, die Kinder sind voll bei der Sache und reagieren bei Gefahr angemessen. Mitfahren ist gefährlicher.

? Da werden jetzt aber einige motorradfahrende Eltern enttäuscht sein...

! Berücksichtigen Sie bitte, das Gehirn von Kindern befindet sich im Reifeprozess. Sie sind demzufolge nur bedingt fähig, Gefahren richtig einzuschätzen. Erst ab zirka 14 Jahren ist der Mensch voll konzentrationsfähig, im Einzelfall sind es auch 12-Jährige schon. In diesem Alter sind Heranwachsende in der Lage, Gefahren und Abläufe auch abstrakt zu begreifen. Wenn Fahrer und Mitfahrer sich bereits auf theoretischer Ebene über mögliche Gefahren verständigen können, dann habe ich keine Bedenken.

? Für jüngere Kinder ist das Motorrad also tabu?

! Nein, nicht unbedingt. Im Beiwagen oder auf einem kleiner dimensionierten Moped ist ein kleineres Kind sicher besser aufgehoben, mit Einschränkungen ist eine Mitfahrt auch auf dem Motorrad möglich. Ein sehr großer Entwicklungssprung setzt um das achte Lebensjahr ein, also im Grundschulalter. Die Konzentrationsfähigkeit verbessert sich deutlich, die Gefahreneinschätzung gleichfalls, die Kinder sind insgesamt körperlich fitter. Dann besitzen sie die Reife, dem Geschehen auf dem Motorrad zu folgen und aktiv mitzumachen, etwa, wenn es in die Kurve geht. Passt man die Fahrt so an, dass das Kind bei kurzzeitigem Loslassen nicht gleich runterfällt, sind kurze Touren durchaus ab diesem Alter möglich. Am besten ganz vorsichtig heranführen und beobachten, wie sich das einzelne Kind verhält.

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