Interview (Archivversion) Mathew Levatich, Geschäftsführer MV Agusta

? Kurz nachdem Harley-Davidson MV Agusta gekauft hat, sind die Gewinne von Harley wegen der Wirtschaftkrise drastisch eingebrochen. Wie wirkt sich dies auf die Entwicklung neuer MV-Modelle wie die Einzylindermaschine, den 675er-Dreizylinder und die Nachfolgerin der F4 aus?
! Entwicklung ist der Wachstumsmotor für Motorradhersteller. Sicherlich macht die aktuelle Marktsituation das Geschäft zu einer größeren Herausforderung als zuvor, doch einer der größten Vorteile der Zugehörigkeit zu Harley-Davidson liegt für MV darin, dass Harley nicht irgendein Finanzinvestor ist, sondern versteht, wie wichtig neue Produkte für den geschäftlichen Erfolg sind. Produktentwicklung bleibt also das wichtigste Anliegen, und diese Arbeit wird an vielen verschiedenen Fronten vorangetrieben. Es wurde schon viel berichtet über zukünftige MV, und entscheidende Gründe für den Kauf der Marke waren der Erfindungsreichtum und die gestalterische Kraft ihrer Entwicklungsabteilung. Harley indessen hält seit Langem an der Praxis fest, kein Wort über künftige Produkte zu verlieren, bevor sie marktreif sind. MV hat diese Praxis übernommen und wird nicht über Zukunftspläne reden, auch wenn die diesbezüglichen Fragen sich aus früheren Verlautbarungen herleiten.

? Wie viele Motorräder wird MV pro Jahr produzieren, wenn die nicht kommentierten neuen Modelle erst einmal präsentiert sind?
! Wir wollen profitabel wachsen. Neue Produkte sind erst der Anfang und Produktionszahlen nur ein Teil der dafür nötigen Strategie. Es gilt, überwältigende Produkte auf eine Weise anzubieten, die es unseren Kunden leichter macht, sie zu kaufen, und danach einen guten Service zu genießen. Der Wert, den der Kunde daraus für sich ableiten kann, muss höher sein als die Kosten, und dafür sind viele Faktoren ausschlaggebend. An all diesen Faktoren müssen wir arbeiten.

? Welche Pläne hat Harley mit MV in den USA?
! Der US-amerikanische Markt bietet große Verdienstmöglichkeiten, doch MV hat dort bisher nur wenig verkauft. Das hat viele Gründe, und alle werden nach und nach ausgeräumt. Wenn wir das geschafft haben, werden alle glücklich sein: Kunden, Händler und die Firma.

? Was würden Sie davon halten, wenn Harley und MV dasselbe Vertriebssystem teilen würden?
! Im Allgemeinen sehen wir nicht viel Überschneidung bei den Kunden beider Marken und nicht viele Händler, die Harley und MV gleich gut vertreten können. Das ist sogar einer der Gründe, warum der Kauf von MV sinnvoll ist: Wir können neue Kunden anlocken, die an einer Harley womöglich gar nicht interessiert sind. Wenn es darum geht, einen Wert für die Kunden zu schaffen, spielt der Händler eine Hauptolle; er muss für seine Marke stehen mit allem, was er hat. Dabei werden wir um einiger netter Synergien willen keine Kompromisse zulassen.

? Welche andere synergetischen Effekte könnten durch den Kauf von MV entstehen?
! Es gibt viele Möglichkeiten für Harley und MV, voneinander zu profitieren, aber es ist unser Ziel, nur diejenigen zu nutzen, von denen der Kunde profitiert.

? Was passiert mit Cagiva? Gerüchteweise war zu hören, dass eine Nachfolgerin der Elefant mit dem Rotax-Motor der Buell 1125 entwickelt wird. Besonders kühne Spekulationen sprechen gar von einem Cagiva-Sportler.
! Cagiva ist eine stolze Marke; wir prüfen viele Möglichkeiten, auf ihrer Tradition aufzubauen.

? Es gab Gerüchte, nach denen Massimo Tamburini das CRC (Cagiva Research Center, Anmerkung d. Red.) und damit MV verlassen hat, weil er nicht an Buell-Motorrädern arbeiten und keine Terminvorgaben für seine Entwicklungen akzeptieren wollte. Welche Gründe hatte sein Rücktritt?
! Es war Herr Tamburini, der diese Entscheidung getroffen hat, und ich respektiere sie. Solche Entscheidungen sind für Außenstehende oft schwer nachzuvollziehen; es ist nicht an mir, darüber zu spekulieren. Während seiner einzigartigen Karriere hatte er enormen Einfluss auf die Motorradindustrie. Vor allem beeindruckt mich, welchen Geist er bei seinen Mitarbeitern hinterlassen und welche Fähigkeiten er beim CRC herangebildet hat.

? Wer wird das CRC in Zukunft leiten?
! Die Mitarbeiter und Fähigkeiten des CRC sind so fest etabliert, dass wir guter Dinge sind, die Tradition herausragender Produkte fortführen zu können. In gewisser Weise wird diese Tradition selbst die künftige Leitung sein.

? Wo wird über das Design künftiger MVs entschieden? In Varese oder in Milwaukee?
! MV wird die Tradition als Hersteller großartiger italienischer Motorräder fortsetzen.

? In der Vergangenheit gab es Probleme mit der Zuverlässigkeit der MV-Motoren – MOTORRAD hatte bei Tests zwei schwere Motorschäden. Was wurde unternommen, um diese Probleme zu lösen und ganz allgemein die Zuverlässigkeit der MV-Motorräder zu verbessern?
! Erstklassige Qualität und Zuverlässigkeit machen ein Motorrad in den Augen eines Kunden außergewöhnlich wertvoll. Darauf wird MV Agusta immer ein besonderes Augenmerk legen.

? MV in der Superbike-WM – für Sie ein Traum oder eine realistische Zukunftsperspektive?
! Wir haben große Pläne mit dieser Firma. Und große Erwartungen an sie.

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