Interview (Archivversion) »Wir werden schocken müssen“

Professor Lutz Fügener lehrt an der Hochschule Pforzheim Transportation Design. In diesem Sommersemester sollen seine Studenten ein »Motorrad für die Jugend von morgen« entwerfen.

Wie haben Ihre Studenten, selbst alle Anfang 20, die Aufgabe aufgenommen?
Als sie erfuhren, dass sie in Konzept, Technologie und Design ein Motorrad für die Jugend von morgen zu entwerfen haben, waren sie geschockt.

Warum?
Unsere Hochschule wird weltweit hoch gerankt, und wir sind etabliert, was unter anderem das Design von Autos angeht. Die Studenten befassen sich regelmäßig mit Projekten für verschiedene Hersteller, vergangenes Semester etwa für Audi und VW. Aber Motorräder? Die sind ein unbeackertes Thema. Von den sechs Studierenden, die sich jetzt damit auseinandersetzen sollen, hat gerade mal einer den Motorradführerschein. Es fehlt ihnen diese Erlebniswelt.

Wie stehen die Studierenden dem Motorrad gegenüber?
Sie haben schlicht keine Bezie-hung zum Motorrad. Sie nehmen es als Designobjekt wahr, mehr aber nicht. Sicher, das Brachiale und die Ästhetik rührt sie an. Doch ein motorisiertes Zweirad zu entwerfen, das Jugendliche zum Motorradfahren bringen könnte, ist allein schon deshalb ungewohnt und ungewöhnlich, weil 95 Prozent der Designer-Jobs später in der Auto-Industrie warten.

Weshalb trotzdem ein Motorrad?
Mehrere Gründe. Zum einen gibt es vereinzelt Anfragen aus der Industrie. Zweitens werden sich qualitative wie designerische Anforderungen an das Motorrad mit dessen Status in der Gesellschaft weiter wandeln. Drittens steckt im Motorrad gerade unter den sich derzeit ändernden Bedingungen wie Umweltprobleme, Kraftstoffpreise und so weiter viel Potenzial als zukunftsfähiges Verkehrsmittel. Schließlich gibt es einen persönlichen Grund: Ich fahre selbst Motorrad und bin begeistert davon.

Wie führen Sie die Studierenden an die ungewöhnliche Aufgabe heran?
Wichtig ist, dass sie als Sozius Maschine und Fahrdynamik selbst er-leben. Außerdem sollen sie sich fragen: Wie müsste die Maschine aussehen, die ich selbst gerne hätte, wie wäre das Motorrad, das ich nutzen würde? Dabei soll die Inspiration nicht vor-rangig durch das kommen, was es schon am Markt gibt.

Sondern?
Zum Beispiel aus der Natur, der Tierwelt, aus dem Automobilbereich oder dem Fahrradsektor. Gerade bei den Mountainbikes etwa sind viele techni-sche Neuerungen im Design adaptiert worden, so dass sich eine neue Funk-tionsästhetik ergeben hat. Klar ist auf jeden Fall: Wir werden schocken müssen.

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