Interview (Archivversion) ABS-Entwicklung BMW

? Im Vergleich zum MOTORRAD-ABS-Test des Jahres 2006 fällt in diesem Jahr vor allem eine Verbesserung bei Reibwertsprüngen und bei Nässe auf. Wie kommt das?

! Die Technik hat sich in dieser Zeit natürlich weiterentwickelt. Die frühere Regelung über Kolben wurde von der Steuerung durch elektromagnetische Ventile verdrängt. Diese haben den Vorteil, dass sie wesentlich kleiner und leichter sind. Das ermöglicht eine schnellere und damit sensiblere Regelung. Zudem ermöglichen integrierte Drucksensoren eine exaktere Hinter-rad-Abhebeerkennung und damit eine bessere Reibwertausnutzung.

? Das heißt, die Regelintervalle wurden im Lauf dieser Entwicklung kürzer, die Regel-qualität dadurch besser?

! Die Güte der Regelung hängt nicht allein von der Zahl der maximal möglichen Intervalle ab. Viel entscheidender ist es, beim Regelfall den Bremsdruck möglichst wenig zu reduzieren, um ihn danach schnellstmöglich wieder aufbauen zu können. Im Idealfall wird der Druck fast konstant gehalten, natürlich möglichst nahe an der Haftgrenze des Reifens. An dieses scharfe Limit muss man sich durch Versuche herantasten. Die Applikation, also die spezifische Anpassung des Antiblockiersystems an ein Fahrzeug, ist für das Ergebnis genauso wichtig wie die technische Hardware.

? Und wie lange dauert das?

! Bei einer Neukonzeption wie beispielsweise an unserem Superbike S 1000 RR begleitet die Funktionsentwicklung und Applikation die komplette Entwicklungszeit von etwa drei Jahren. Die Anpassung bestehender ABS-Anlagen an Modellüberarbeitungen dauert zwischen sechs Monaten und einem Jahr. Das ist sehr aufwendig und entsprechend kostspielig.

? Wodurch sich auch die großen Unterschiede zwischen den ABS-Bremswerten begründen lassen.

! Nicht grundsätzlich. Auch das Motorradkonzept, das heißt Radstand und Höhe des Schwerpunkts spielen eine große Rolle. Ein Regelsystem setzt auf diesen Randbedingungen auf. In jedem Fall ist ein Herantasten an den besten Kompromiss notwendig, um ein optimales ABS zu entwickeln. Auf der einen Seite muss ein Überschlag verhindert werden, andererseits ist kürzester Bremsweg angesagt. Hier steckt die meiste Arbeit drin.

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