Interview Bernd Scherer, Leiter After Sales bei BMW Motorrad (Archivversion)

Schon 1989 hatte BMW das Service-Intervall auf 10000 Kilometer ausgedehnt, gleichzeitig aber einen gegebenenfalls zusätzlichen Jahresservice vorgesehen. Mitte vergangenen Jahres nun haben die Bayern ein neues Modell eingeführt, das den Faktor Zeit deutlich priorisiert. Einmal jährlich werden alle Motorräder ab Modelljahr 2008 unabhängig von der Kilometerleistung zur Inspektion gebeten. Eingangs legen Werkstatt und Kunde fest, welche Arbeiten gemacht werden sollen. Das allwissende System weist dabei darauf hin, was jetzt und in absehbarer Zeit ansteht, und so gilt womöglich zu klären, ob der beim Boxer alle 10000 Kilometer fällige Check des Ventilspiels durchgeführt wird, obwohl das entsprechende Motorrad erst 8000 Kilometer auf dem Tacho hat. Falls der Kunde dies ablehnt, muss er nach 2000 Kilometern wieder antreten, falls nicht, hat er diesbezüglich 10000 Kilometer lang Ruhe.
Zum neuen dynamischen Service-System äußert sich Bernd Scherer, 49, Leiter After Sales bei BMW Motorrad.

Warum hat BMW das neue Service-System eingeführt?
Wir haben festgestellt, dass unsere Kunden dem jährlichen Service eine immer geringere Bedeutung beigemessen haben und dass dadurch zeitabhängige Wartungsarbeiten vernachlässigt und sicherheitsrelevante Bauteile wie die Bremsanlage zu selten geprüft wurden. Den Grund für dieses Verhalten sehen wir in den deutlich gesunkenen jährlichen Fahrleistungen.

Bringt Ihr neues System dem Kunden denn neben zeitlichen auch finanzielle Vorteile?
Bei der Masse unserer Kunden trifft das nach unseren Berechnungen definitiv zu. Bei einer jährlich 7500 Kilometer bewegten R 1200 GS beispielsweise reduziert sich die Wartungszeit auf fünf Jahre gerechnet um rund 1,5 Stunden. lediglich der Kunde muss nur einmal jährlich zum Service. Nur wer pro Jahr mehr als 10000 Kilometer zurücklegt, und das sind höchsten zehn Prozent der BMW-Fahrer, muss unter Umständen zweimal jährlich erscheinen

Was musste im Hinblick auf das neue System geändert werden?
In den Werkstätten unserer Händler benötigen wir keine neue Hardware, und bei den Motorrädern selbst kam lediglich eine programmierbare Warnleuchte hinzu. Die erscheint während des Pre-Drive-Checks, wenn in spätestens einem Monat ein Service ansteht, und nur dann. Sie blinkt nicht während der Fahrt auf, sondern vor dem Start, nachdem der Zündschlüssel umgedreht wurde.

Warum nennen Sie Ihr neues System dynamisch?
Aus zwei Gründen: Erstens ist der vom System generierte Wartungsplan nicht statisch wie die bekannten Inspektionsnachweise alter Art. Er berücksichtigt vielmehr die spezifischen Gegebenheiten wie Laufleistung, Wartungshistorie sowie Einsatzzweck und ermöglicht aufgrund der Intelligenz des Systems, Arbeiten »vor­zu­ziehen«. Das ist insgesamt für den Kunden komfortabler. Zweitens haben wir die 1000-Kilometer-Inspektion ersetzt durch eine Einfahrkontrolle, die zwischen 500 und 1200 Kilometern stattfinden soll. Allein diese Flexibilisierung führt zu einer Dynami­sierung der Werkstattabläufe, weil nicht unmittelbar nach Auslieferung alle Neufahrzeugkäufer »zur selben Zeit« zurückkommen. Nach der Einfahrkontrolle wird dann das Jahresintervall im Fahrzeug programmiert. Dadurch entzerren wir. Eine weitere Entzerrung entsteht, weil der Kunde im Pre-Drive-Check einen Monat vor Fälligkeit auf den Termin hingewiesen wird. Das schafft einen langen Planungsspielraum, während erfahrungsgemäß die beispielsweise erreichten »10000 Kilo-meter« den meisten Kunden erst auffallen, wenn sie »völlig überraschend« auf dem Tacho stehen.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel