Interview Fred Kodlin, 48, Szeneguru (Archivversion)

Fred, in der Szene hast du den Ruf eines Glamourboys ...
Tatsächlich? Nun, mit wilden Partys oder schrägen Klamotten hat das nichts zu tun. Vielleicht liegt’s an den teils extrem glamourösen Lackierungen meiner Bikes ...

Deine Bikes sind nicht nur in farblicher, sondern auch in technischer Hinsicht glamourös ...
Stimmt. Meine selbst gestellte Vorgabe ist es, die „cleansten“ Bikes zu bauen, das Technisch-Unschöne nahezu ganz verschwinden zu lassen. Ich war beispielsweise der Erste, der Bremsanlagen fast versteckt integriert hat. 2001 folgte das erste Motorrad ohne Radnaben. Und zwei Jahre später habe ich den Sekundärtrieb praktisch unsichtbar gemacht – mit einem Antrieb über kleine Reibrollen. Das waren Pioniertaten. Die Szene hat mich 2005 zum „Bike Builder of the year“ gewählt.

Das hört sich abenteuerlich an. Wie kommt man auf solche Ideen?
Mein Kopf ist voll davon. Zudem bekomme ich ständig frische Anregungen von meinem 17-jährigen Sohn. Die Umsetzung fällt mir nicht schwer: Ich bin neben Schmiede- und Fahrzeugbaumeister auch Schweißfachmann.

Und Trendsetter, oder?
Ja. Gedanklich bin ich jetzt schon im Jahr 2011, die Szene baut sehr viel nach, ich bin ihr meist ein paar Jahre voraus. Und muss es auch, um vorn zu bleiben. Mein Team baut jedes Jahr ein extremes Showbike, das unser Potenzial repräsentiert. Apropos Trend: Vor zwanzig Jahren haben wir alle über den großen Teich geschielt, die Amis gaben in der Custom-Szene den Ton an. Heute ist es umgekehrt. Alle Trends kommen aus Europa.

Was kann man in den kommenden Jahren bewundern?
Der Trend geht weg von Riesenflatschen, die Reifendimensionen werden kleiner. Und die Räder größer. 23 Zoll ist wieder stark im Kommen.

Wie bist du zur Custom-Szene gekommen?
Ich habe in Deutschland Pionierarbeit geleistet, hab vor 25 Jahren meinen ersten Laden, die „Chopperschmiede“, im hessischen Jesberg angemeldet und die ersten Teile produziert. Zehn Jahre lang habe ich gebrauchte Harleys aus den Staaten geholt, aufgemotzt und in Deutschland verkauft. Rund 300 Stück jährlich. Mitte der Neunziger gings dann los mit dem Bau von Custombikes. Da gab es eine riesige Nachfrage. Heute besteht mein Hauptgeschäft darin, Rahmen und Teile zu entwickeln und für den Großhandel zu fertigen.

Man glaubt es kaum, aber diese Motorräder haben ja sogar TÜV ...
(lacht) Sicher, was denkst du denn? Ich gebe nicht nur zwei Jahre Garantie auf meine Bikes, sondern auch auf die Teile. Die haben übrigens fast alle ein TÜV-Gutachten. Ob man’s glaubt oder nicht: Es geht wesentlich mehr Zeit mit Homologieren als Entwickeln der Teile drauf. Allein für die Homologation investiere ich jährlich zwischen 60000 und 100000 Euro.

Wie hoch ist der Preis, und wer kauft solch ein Custombike?
Ab 30000 Euro geht’s los. Meine teuerste Maschine lag bei 250000 Euro. Vielen meiner Kunden ist ihre BMW oder Kawasukida zu langweilig geworden. Die kommen auf der Suche nach einem neuen Kick oft schon mit exakten Vorstellungen in den Laden. Ich kann zwar fast alles umsetzen, aber manchmal sage ich einfach auch nein. Für den fünffachen Preis ihrer Maschine erhalten sie bei mir vielleicht kein ABS, keinen Windschutz oder gar Mörder-PS, doch stattdessen eine unvorstellbare Menge Spaß.

Wie sieht die Zukunft aus?
Generell rosig. Der Markt öffnet sich Richtung Osten. Hier ist ein unvorstellbares Kunden-potenzial. Es geht um viel Geld, aber noch mehr als alles andere: um Vertrauen. Die Osteuropäer bestellen nicht nach Katalog. Sie müssen dich persönlich kennen, erst dann geht die Tür auf. Und, was mich persönlich betrifft: Ich bin auf zwei Jahre ausgebucht. Mein Team besteht aus zehn Mann. Wenn man nur gute Fachleute finden würde, ich könnte noch fünf einstellen ...

Danke fürs Gespräch und viel Erfolg für die Zukunft.

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