Wie geht es bei Hein Gericke weiter? Alte Chefs, Neue Chefs

Paul Liao ist Boss des in Spanien ansässigen chinesischen Helmherstellers LS2. Durch Übernahme will er die insolvente Gericke-Kette wieder neu aufstellen. Im MOTORRAD-Interview schilderte er mit damals Noch-Geschäftsführer Ralf Baches die Pläne. Kurz nach dem Redaktions-Termin gab Liao das Ausscheiden Baches’ bekannt.

Foto: Hertler

Mit der Übernahme durch chinesische Investoren, vertreten durch den neuen Geschäftsführer Paul Liao, ist die Hein Gericke Europe GmbH aus der insolventen Hein Gericke-Gruppe hervorgegangen.

Beschreiben Sie uns doch bitte die aktuelle Situation in den Läden, wie wirken sich die Veränderungen für die Kunden aus?

Ralf Baches: Seit Mitte Februar läuft kontinuierlich die Aufstockung des Warenbestands. Ziel ist, dass die Kunden zum Saisonstart wieder das volle Angebotssortiment in den Läden finden. Grundsätzlich soll es auch weiterhin Hein Gericke als Marke und Shop-Kette geben, da sind keine Veränderungen geplant. Wir haben den Vorteil, dass wir nicht bei null beginnen, die Akzeptanz der Marke ist ja da.

Paul Liao: Beim Warenangebot ist jetzt Speed gefragt, da muss schnellstens Ware ins Lager und in die Läden. Aber wie gesagt, das läuft bereits. Außerdem planen wir die Zahl der Mitarbeiter vor allem in den Shops von derzeit 140 auf über 200 deutlich zu erhöhen, um unseren Kunden einen besseren Service zu bieten. Auch die Anzahl der Läden soll erhöht werden. In Deutschland betreibt Hein Gericke derzeit 52 Shops, geplant sind 70. Wir denken auch darüber nach, bestehende Läden zu vergrößern.

Über welchen Zeitraum sprechen wir hier?

Paul Liao: Den nächsten Katalog wird es Ende 2014 für 2015 geben. Darin werden sich viele völlig neue Produkte finden. Und was die allgemeine Entwicklung von Hein Gericke Europe angeht, so denke ich da in Fünf-Jahres-Schritten. Das war bei mir auch bisher schon so. Ich habe 2007 in Spanien mit LS2 angefangen, nach rund fünf Jahren waren wir weltweit in 80 Ländern vertreten. Für Hein Gericke heißt das: Innerhalb der kommenden fünf Jahre muss sich die Situation der Firma in Deutschland und an den übrigen Hein Gericke-Standorten in Europa, das sind Österreich, Norditalien, Polen und die Benelux-Länder, stabilisieren. Wir müssen das Vertrauen der Kunden wieder gewinnen. Auch in Großbritannien, wo Hein Gericke praktisch komplett von der Bildfläche verschwunden war, haben wir bereits wieder Fuß gefasst. Parallel wollen wir in Spanien und Frankreich mit eigenen Läden auf den Markt und zudem Händler beliefern, die Hein Gericke-Hausmarken wie Pro Sports, Bullson oder Tuareg anbieten. Der zweite Fünf-Jahres-Schritt ist dann eine internationale Ausdehnung. Ziel ist der globale Markt – Asien, Amerika –, da ist vieles denkbar. Zunächst einmal aber ist klar: In Deutschland muss Hein Gericke wieder die Nummer eins werden.

Mit welchen Produkten wollen Sie das erreichen?

Paul Liao: Grundsätzlich ausschließlich mit Motorradzubehör und mit Angeboten, die sich an Motorradfahrer richten. Experimente wie zum Beispiel mit Ski-Bekleidung wird es nicht wieder geben. Das Sortiment sollte sich zusammensetzen aus etwa 50 Prozent Bekleidung und je zirka 25 Prozent Helmen und 25 Prozent Technik und Zubehör. Wir wollen dabei die Gericke-Hausmarken Pro Sports, Bullson und Tuareg nicht nur beibehalten, sondern auch ausbauen und verbessern. Zusätzlich sollen aber auch weiterhin die Top-Marken der Branche angeboten werden. Hein Gericke soll im Motorradbereich wieder ein Premium-Anbieter werden.

Premium bedeutet aber immer auch teuer. Wo will sich Hein Gericke preislich einordnen?

Paul Liao: Ganz klar nicht als billiger Jakob. Wir sehen auch keinen Sinn darin, in einen Preiskrieg gegen Polo oder gar Louis einzusteigen. Da wir selbst als Hersteller vom asiatischen Markt kommen und diesen Markt und seine Ressourcen genau kennen, haben wir dort klare Vorteile im Einkauf, der direkt beim Hersteller erfolgt. Diese Vorteile geben wir an die Kunden weiter. Aber nicht in Form von Billigprodukten, sondern von besserer Qualität
und besserem Design zu guten Preisen.

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Welche Rolle werden LS2-Produkte dabei spielen?

Paul Liao: Sie werden angeboten wie andere auch. Es ist ja schon jetzt so, dass unsere Helme und andere LS2-Artikel in Deutschland vom Fachhandel angeboten werden.

Wird Hein Gericke langfristig denn eine deutsche Marke bleiben? Oder soll der Firmensitz in Düsseldorf vielleicht auch – in Barcelona, Spanien – mit dem von LS2 zusammengelegt werden?

Ralf Baches: In Düsseldorf war immer die DNA von Hein Gericke, die Produktentwicklung und das Design, alles entstand dort und entsteht auch weiterhin dort.

Paul Liao: Hm, Barcelona ist schon eine interessante Idee (grinst breit dabei, Red.). Aber im Ernst: Nein, das ist nicht geplant. Für eine Firma wie Hein Gericke ist Deutschland der beste Standort. Schon allein von der Mentalität der Menschen her ist das so.

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Geschäftsführer

Paul Rutian Liao
Zum 1. Februar hat der aus der Provinz Guangdong nordwestlich von Hongkong stammende Industrielle die Geschäftsführung von Hein Gericke übernommen. 1999 war Paul Liao nach MBA-Studium in China bei seinem Bruder Ar­thur Liao in dessen Helm-Firma MHR eingestiegen. Daraus ging Jiangmen Peng­cheng Helmets hervor (JPH, zwei Mio. Helme jährlich). 2006 entstand die JPH-Marke LS2. Deren Firmenzentrale in Barcelona leitet Liao seit 2007.

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Ralf Baches
Der Einzelhandelskaufmann hat noch unter der Ägide des Gründers und Namengebers bei Hein Gericke angefangen und war seit Mitte der Achtzigerjahre für Einkauf und Produktentwicklung verantwortlich. Baches behielt seine Position auch nach der ersten Insolvenz und der Übernahme durch den US-Konzern Fairchild. 2009 erwarb Baches die Marke ­gemeinsam mit seinen späteren Mitgeschäftsführern in Form eines Management-Buy-outs. Nach der Übernahme 2014 blieb Baches unter dem Vorsitz von Paul Liao noch knapp zwei Monate in der Geschäftsführung von Hein Gericke Europe. Ende März gab Liao Baches’ Ausscheiden bekannt.

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