Interview: Hendrik von Kuenheim, Chef von BMW Motorrad (Archivversion) "Maximale Leistung im Spitzenfeld des Wettbewerbs"

Zum Serienanlauf der S 1000 RR spricht Hendrik von Kuenheim, Chef von BMW Motorrad, über konventionelle und innovative Technikdetails des Supersportlers sowie dessen Stellung innerhalb des stark erweiterten BMW-Modellprogramms.

Herr von Kuenheim, die BMW S 1000 RR folgt technisch weitgehend der „japanischen Schule“. Eines der Unterscheidungsmerkmale bildet die Ventilbetätigung über Schlepphebel, darüber hinaus gibt es Gerüchte über einen sehr kurzen Hub. Wie ist denn nun das Bohrung-Hub-Verhältnis, und schafft die S wirklich eine Spitzendrehzahl von 14000/min?
Unser Supersportler basiert auf dem am besten geeigneten Grundkonzept. Der Reihen-Vierzylinder erfüllt die gestellten Anforderungen an Leistung, Gewicht und Package dabei mit Abstand am besten. Das Bohrung-Hub-Verhältnis geht in Richtung kurzer Hub. Ich kann Ihnen verraten, dass der völlig neu entwickelte Vierzylinder-Motor noch höhere Drehzahlen als 14000/min schafft. Die Ventile werden über sehr kleine, kompakte und leichte Schlepphebel betätigt. Ihre Dimensionen liegen auf Formel-1-Niveau. Diese Konstruktion ermöglicht die sehr hohen Drehzahlen.

Ist es richtig, dass die homologierte Spitzenleistung 192 PS betragen wird?
Soviel ich weiß, haben wir eine andere Leistung homologiert. Aber Spaß beiseite, wir werden bei der maximalen Leistung im Spitzenfeld des Wettbewerbs liegen.

Wie viele S 1000 RR sollen in den Jahren 2009 und 2010 gebaut werden?
In diesem Jahr werden wir auf jeden Fall mehr Fahrzeuge bauen, als die Homologation für die Superbike-WM vorschreibt. Wie viele es ab 2010 sein werden, hängt natürlich von der Nachfrage auf den Märkten ab.

Es liegt auf der Hand, dass die S 1000 RR für BMW neue Kundenkreise erschließen soll. Welchen Anteil am Verkauf wird sie in den nächsten fünf Jahren erreichen?
Das Supersportsegment ist in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen. Es sind weltweit um die 220000 Motorräder über 500 Kubik, die in diesem Segment abgesetzt werden. Der Markt teilt sich etwa hälftig in 600er und 1000er. Von dem etwa 100000 Stück großen Kuchen der Ein-Liter-Klasse wollen wir uns ein Stück abschneiden und uns ein weiteres starkes Standbein aufbauen.

Wie könnte die S 1000 RR eingefleischte Honda-, Kawasaki-, Suzuki- und Yamaha-Fahrer locken? Was ist ihr Alleinstellungsmerkmal?
Als Latecomer in diesem Segment werden wir ein Motorrad hinstellen, das technologisch auf Augenhöhe mit dem Wettbewerb ist. Zehn PS weniger und zehn Kilo mehr Gewicht bringen da keinen Erfolg. Wir sind gleich gut oder vielleicht sogar besser als das Referenzmodell in der Klasse. Leistung, Leistungsentfaltung, Gewicht und Handling liegen auf Top-Niveau. Das Design unserer 1000er nimmt zwar die Formensprache des Segments auf, repräsentiert aber gleichzeitig unverkennbar die Marke BMW. Deshalb bin ich absolut überzeugt, dass wir mit unserem neuen Supersportler den Nerv der Kunden treffen werden. Er wird sowohl auf der Straße als auch auf der Rennstrecke begeistern!

Die S 1000 RR kann ab sofort bei den Händlern bestellt werden. Also müssten die Preise für die Sonderausstattungen wie ABS, Traktionskontrolle und den Schaltautomaten schon feststehen. Wie lauten sie?
Die Homologation für die Superbike-WM schreibt vor, dass das Motorrad bestellbar ist. Unsere Händler wurden deshalb über den Basispreis der S 1000 RR informiert. Die Preise zu den Sonderausstattungen haben wir noch nicht festgelegt und werden sie spätestens im Frühsommer zur Vorstellung des Motorrads bekannt geben.

Das ABS ist vierfach einstellbar. Was bewirken die verschiedenen Stufen?
Ich möchte zu dem Bereich Regelsysteme keine weiteren Details verraten. Für unterschiedliche Einsatzgebiete verfügt die S 1000 RR über spezifische Abstimmungen. Wir werden mit diesem neuen System unsere Vorreiterrolle erneut unter Beweis stellen.

Leserbriefe an MOTORRAD berichten von Befürchtungen treuer BMW-Kunden, die Alltags- und Touringqualitäten der Motorräder würden künftig unter dem Supersport-Engagement und den Offroad-Aktivitäten leiden. Wie ist Ihr Kommentar dazu?
Unsere Stammkunden kann ich beruhigen. Enduros und Tourenmotorräder bleiben die starken Säulen unseres Geschäfts. Sowohl bei den Boxer-Modellen als auch bei den Top-Modellen mit Reihenmotoren arbeiten wir schon heute an sehr attraktiven Neuheiten, die in einigen Jahren auf die Straße kommen.

Die Kooperation von BMW mit dem chinesischen Hersteller Loncin macht eine 125er-BMW wahrscheinlicher denn je. Vielleicht sogar mit Anklängen an die S 1000, ähnlich der sehr erfolgreichen Yamaha YZF-R 125.
Eine 125er-BMW ist für uns kein Thema. Eine 125er-Supermoto für 16-Jährige bietet unsere zweite Motorrad-Marke Husqvarna an.

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