Interview Marcus Walz, 40, Szeneguru

Marcus, wie kommt es, dass du in deinem Alter schon als Guru bezeichnet wirst?
Werde ich? Das schmeichelt natürlich. Vielleicht liegt es daran, dass ich den Drag-Style-Rahmen erfunden habe. Oder Prominente wie Axel Schulz, Kimi Räikkönen, Brad Pitt oder Keanu Reeves meine Bikes fahren. Oder ich als erster nicht in Amerika lebender Bike Builder einen BBO-Contest gewonnen habe ...

BBO-Contest?
„Biker Builder-Off“ – eine Kultserie in den USA, die vom Discovery-Channel ausgestrahlt wird und bis zu 35 Millionen Zuschauer pro Folge hat. Darin treten zwei namhafte Konstrukteure gegeneinander an. Die Regeln sind einfach: Jedes Team hat zehn Tage Zeit, ein komplettes Custombike von Grund auf zu bauen und muss damit anschließend eine Art Rennen über die Strecke von 1600 Kilometer bestreiten. Fünf Stunden dürfen maximal repariert werden. Die Zuschauer entscheiden dann, wer der Sieger ist.

Fahren? Normalerweise denkt doch jeder, diese Showbikes sind nur zum Anschauen ...
Sicherlich gibt es einige Bikes, die nicht mal einem Kurztrip standhalten würden. Wer in der Szene jedoch etwas auf sich hält, der konstruiert die Bikes so, dass sie nicht nur spektakulär aussehen, sondern man damit auch ganz normal fahren kann. Sonst wird man nicht ernst genommen. Ganz nebenbei: Am 2. Juni starte ich, begleitet von einem deutschen Fernsehsender, mit einem speziell für diesen Trip gebauten Starrrahmen-Bike zum Nordkap.

Mit einem Sack voller Ersatzteile, oder?
Nein, so schlimm ist es nicht. Sicherlich haben wir ein Begleitfahrzeug, das neben ein paar Teilen auch das Gepäck transportiert. Aber die knapp 4000 Kilometer werde ich definitiv mit nur 0,6 bar Luftdruck im Hinterreifen abspulen. Das bietet mir ausreichend Komfort.

Klar, schließlich heißt deine Firma auch „Hardcore Cycles“. Wie bist du übrigens zur Custom-Szene gekommen?
Eigentlich bin ich immer schon Motorrad gefahren. Zuerst eine Yamaha RD 350 LC, dann folgte eine 900er-Honda-Bol d’Or und eine Suzuki GSX-R 1100. 1987 hab’ ich mir die erste Harley gekauft und sie dann so umgebaut, dass sie mir gefällt. Das war der eigentliche Stein des Anstoßes, jeder wollte plötzlich so ein Ding haben ...

Quasi vom Tellerwäscher zum Millionär?
Quasi (lacht). Nicht wirklich... Aber wenn man das auf meinen Shop überträgt, kommt das in etwa hin. Im ersten Jahr habe ich in der elterlichen Garage Teile für Freunde gefertigt. Dann ging’s im Pferdestall meiner Freundin weiter. 1993 hab’ ich mich selbständig gemacht, in der Hoffnung, vom Customizing irgendwann mal leben zu können. Nach einem Jahr schon bin ich nach Hockenheim ins Industriegebiet gezogen und hatte einen Mitarbeiter. Heute ist der Shop 800 Quadratmeter groß, und ich beschäftige sieben Mitarbeiter.

Fertigst du alle Teile selbst?
In den „early days” hab’ ich selbst an Dreh- und Fräsmaschinen gestanden oder die Teile gezeichnet und in Auftrag gegeben. War mit meinem Maschinenbaustudium auch kein Problem. Durch den enorm hohen Anspruch an Design und Verarbeitung konstruiere ich heute „nur“ und lasse vieles bei Spezialisten fertigen, meine Bikes sind alles Unikate, die benötigten Teile fast ausnahmslos Einzelanfertigungen.

Wie lange dauert es von der Bestellung bis zur Auslieferung?
Zwischen eineinhalb und zwei Jahren. Wir fertigen immer sechs Bikes gleichzeitig. Die effektive Bauzeit beträgt rund drei Monate.

Wie muss man sich das vorstellen? Die Tür geht auf, George Clooney steckt den Kopf rein und sagt: „Bau mir mal ’n Bike?“
Genau! Die meisten kommen mit einem Zeitungsausriss von einem meiner Bikes vorbei und sagen: „Hier, so was möchte ich auch. Nur in einer anderen Farbe.“ Meine Kunden kommen aus der ganzen Welt. Immer mehr auch aus Russland und aus China. Einige meiner Bikes gehen natürlich auch in die USA. Die meisten bleiben jedoch in Europa.

Was legt man bei dir für solch ein Teil auf den Tresen?
Meine Bikes liegen preislich so zwischen 80000 und 120000 Euro, je nach Motor und Ausstattung.

Und was zeichnet Walz-Bikes aus?
Absolute Perfektion – sowohl in Styling als auch in der Verarbeitung. ­Und puristisches Fahrvergnügen. Meine Kreationen sind alle reduziert aufs ­Wesentliche. Das beginnt mit einer dezenten Farbe, dem kompletten Verzicht auf Chrom und alles, was glänzt, und hört oft beim Starrrahmen auf. An solch einem Bike gibt es nur noch Motor, Freiheit und dich – und das Ganze völlig legal mit TÜV. Der Genuss des Augenblicks in höchster Vollendung, weil dich nichts vom Biken ablenkt. Und natürlich das Alleinstellungsmerkmal und die Individualität.

Du bist jetzt 40 und seit über 15 Jahren im Geschäft. Hast du keine Angst, dass dir die Ideen mal ausgehen?
Ich hab’ immer gesagt: Mit 40 ist Schluss. Daran werde ich mich auch mit Abstrichen halten, denn ich ziehe mich aus der Szene etwas zurück. 15 Jahre „Hardcore for life“ geht nicht spurlos an einem vorüber... Aber Ideen habe ich immer noch mehr, als ich umsetzen kann.

Walz in Rente? Nette Schlagzeile. Also doch vom Tellerwäscher zum ...
Nein (muss wieder lachen). Ich ziehe mich lediglich etwas aus der Szene zurück. Ich werde weiterhin Ansprechpartner bei Walz Hardcore Cycles ­bleiben, und auch meine Ideen werden weiter umgesetzt. Aber ich widme mich zusätzlich ab kommenden Jahr etwas ganz Neuem – quasi als Kon­trastprogramm. Und – da kannst du sicher sein: Natürlich hat es etwas mit Motorrädern zu tun ...

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