Interview mit ADAC-Sportpräsident Hermann Tomczyk (Archivversion) »Ich vermisse die vollständige Hingabe“

Das sagt Hermann Tomczyk, oberster Motorsportler des 15-Millionen-Clubs ADAC, über den Nachwuchs im deutschen Motorrad-Straßensport. Im MOTORRAD-Interview spricht der 54-jährige Bayer außerdem über seine Beziehung zum Motorradsport,
erklärt die Rolle der ADAC-Sportgremien und die Probleme bei der Talentförderung.

Herr Tomczyk, Sie sind der Präsident aller Motorsportler, die im ADAC organisiert sind. Und Sie sind in Ihren vielfältigen
Funktionen eine wichtige Persönlichkeit, sogar für diejenigen, die
zu anderen Motorsport-Organisation gehören. Ihre Vita weist Sie als Auto-Mann aus. Wie ist Ihre Beziehung zum Motorradsport?
Der gehört zu meinem Verantwortungsbereich,
deshalb war ich auch stark in die Verhandlungen eingebunden, die das Ziel hatten, den deutschen Motorrad-Grand-Prix auf den Sachsenring zu bringen. Das war für mich eine sehr tief greifende Berührung mit dem Motorradsport. Ein sehr ehrlicher Sport, und gerade am Sachsenring ist man sehr nah dran. Offen gestanden, das hat mich so fasziniert, dass ich vor ein paar Monaten 35 Jahre nach dem Autoführerschein jetzt noch den Motorradführerschein gemacht habe.
Was sicher nichts daran ändert, dass der Autosport den größten Teil Ihrer Aufmerksamkeit als ADAC-Sportpräsident beansprucht. Welchen Stellenwert hat der Motorradsport beim ADAC?
Wir beschäftigen uns zu 50 Prozent mit Autos,
zu 25 bis 30 Prozent mit Motorrädern, der Rest sind
allgemeine Aufgaben des Clubs wie Neuentwicklungen,
Koordinationsaufgaben und so weiter. Das schlägt sich auch in der Zahl der ADAC-Veranstaltungen nieder – im vergangenen Jahr waren es insgesamt rund 3400, davon etwa 900 aus dem Motorradbereich.
Der ADAC ist als riesige, mächtige und reiche Institution bekannt. Welche Aufgaben hat die Sportabteilung im Verein?
Sportaktivitäten sind in der Satzung des ADAC verankert. In der Sportabteilung haben wir Spezialisten für den Auto- und Motorradsport, da wieder für den Straßen- und Offroadbereich. Die entwickeln beispielsweise neue Rennserien, wie bei den Motorrädern für dieses Jahr den Junior-Cup. Was umgesetzt wird, entscheidet die Sportkommission, die sich aus den Sportleitern der 17 ADAC-Gaue zusammensetzt. Von der Zentrale in München aus tragen wir diese Dinge dann in die Regionalclubs.
Da haben Sie Aufgaben, die sicherlich auch finanziell
sehr anspruchsvoll sind. Wie werden denn die Aktivitäten der Sportabteilung finanziert?
Wie gesagt, der Sport ist in der ADAC-Satzung verankert, daher gibt es auch einen Etat dafür. Mit dem arbeitet der ADAC-Bereich Jugend und Sport, davon werden alle unsere Aktionen wie Nachwuchsserien bestritten.
Wie hängt die ADAC-Motorsport-GmbH da mit drin?
Diese habe ich unter anderem gegründet, weil der ADAC ein
gemeinnütziger Verein ist. Events wie der Motorrad-Grand-Prix auf dem Sachsenring oder der deutsche Lauf der Rallye-Weltmeisterschaft, die unter ADAC-Regie stattfinden, sind jedoch einfach kommerzielle Großveranstaltungen. Ich wollte auch den ADAC-Mitgliedern ein Signal geben, dass der Verein nicht ihre Beiträge verpulvert. Die Motorsport-GmbH ist ein Wirtschaftsunternehmen und kann nur das ausgeben, was sie verdient. Die Motorsport-GmbH ist auch kompetenter Ansprechpartner für Serien-Vermarkter wie die Dorna für die Motorrad-Straßen-WM, Youthstream für die Motocross- und Supermoto-WM oder die ISC für die
Auto-Rallye-WM. Wir handeln mit diesen Organisationen die Konditionen für ihre Veranstaltungen in Deutschland aus.
Und Sie sind auch der Chef der Motorsport-GmbH?
Nein, da gibt es einen Geschäftsführer. Aber die GmbH arbeitet nach den Vorgaben des Sportpräsidenten.
Dann gibt es da noch die ADAC Stiftung Sport. Wie passt die ins Bild?
Die Stiftung Sport unterliegt dem bayerischen Stiftungsrecht. Das sagt eigentlich schon alles, diese Stiftung muss unabhängig sein und darf nicht ausschließlich ADAC-Mitglieder unterstützen. Sie wurde zu Beginn vom ADAC mit einem Stiftungskapital von zehn Millionen Mark ausgestattet. Der Stiftungsvorstand und der Stiftungsrat, dem so erfahrene Leute wie Hans-Joachim Stuck angehören, entscheiden darüber, welche Sportler gefördert werden. Die müssen sich bewerben, ein vernünftiges Konzept und eine Perspektive haben. Außerdem hilft die Stiftung Sport den Familien verunglückter Sportler und finanziert die
Entwicklung von Sicherheits-Technologien.
Wie viel Geld kann ein Rennfahrer von der Stiftung Sport erhalten?
Es kommt darauf an, ein Motocrosser braucht sicher weniger
als ein Formel-3-Pilot, der die Euro-Serie fährt. Nach der Gründung der Stiftung 1998 hat sich eine Obergrenze von 50000 Mark ergeben.
Eine Geldquelle, die bei den deutschen Motorsportlern erstaunlicherweise nicht besonders populär ist...
Wir dachten anfangs, die würden uns die Bude einrennen – Fehlanzeige. Jetzt sind wir gerade dabei, für dieses Angebot zu werben.
Thema Nachwuchsförderung im Motorradsport: Das – planmäßige – Ende des ADAC-Honda-Rookie-Cups nach drei Jahren war für uns als Beobachter etwas
unbefriedigend. Weil wir das einerseits für eine gute Sache hielten und andererseits noch nicht die Ergebnisse erzielt worden waren, die anfangs proklamiert wurden:
einen deutschen Fahrer in der Weltmeisterschaft zu etablieren.
Wir haben in der Formel BMW-ADAC, im Lupo- und Polo-Cup und im Motorboot-Bereich ähnliche Modelle durchgezogen, das hat funktioniert. Bei den Motorrädern hat’s noch nicht ganz geklappt. Immerhin gab es so etwas im Motorradbereich vorher nicht, und ein paar Talente aus dem Cup tummeln sich ja ganz erfolgreich in der deutschen 125er-Meisterschaft. Dass Georg Fröhlich als förderungswürdiger Cup-Fahrer so früh in die Weltmeisterschaft geschickt wurde, war meiner Ansicht nach ein Fehler – wir haben darüber diskutiert, und eine Mehrheit war dafür, ihn zunächst noch ein Jahr in der spanischen Meisterschaft üben zu lassen. Doch die Dorna drängte auf einen neuen deutschen Nachwuchsmann...
Warum ist es Ihrer Meinung nach so schwer, den aufzuspüren?
Gegenüber Spanien und Italien haben wir ein Mentalitätsproblem. Ich habe kaum Leute getroffen, die ganz klar sagten: Der Motorradsport ist mein Ding, ich richte kompromisslos mein Leben danach aus. Bei den Autos gibt es diese Leute. Die sind nicht im gleichen Alter, aber auf dem gleichen Entwicklungsstand in ihrer Sportart. Die Motorradfahrer sind viel jünger, und es ist unmöglich, einem
13-Jährigen so eine Entscheidung abzuverlangen.
Der neue Junior-Cup, der Ersatz für den Rookies-Cup sein soll, hilft mit einer Serienmaschinen-Basis da doch nicht weiter?
Es muss eine Möglichkeit geben, in Deutschland Motorradsport als Breitensport zu betreiben. Deshalb gibt es diesen Cup. Wir beobachten, und wenn Talente auftauchen, holen wir die dort natürlich raus und fördern sie.
Fehlt vielleicht der nationale Unterbau? In der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft engagiert sich die Industrie, aber dort geht es nicht darum, Talente zu fördern.
Da geht es um Marketing. Beim Rookies-Cup ging es Honda Deutschland anfangs allerdings ebenfalls nur
darum. Die Verantwortlichen erkannten jedoch, dass dies eine gute Idee ist, junge Leute im Sport nach vorn zu
bringen, und auch sie träumten davon, einer der Rookies-Cup-Fahrer könne eine WM-Karriere machen. Ich will nicht ausschließen, dass wir so einen Cup noch einmal machen.

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