Interview mit Bert Poensgen

Robert Poensgen, Vertriebschef von Suzuki und Präsident des Industrie-Verbands Motorrad (IVM) e.V.

Gefallen Ihnen die aktuellen Modelle nicht, weil Sie jetzt einen Design-Wettbewerb ausschreiben?
Das kann man so nicht sagen. Aber wir müssen sehen, was in Zukunft machbar ist, was gefällt und was sich die Leute vorstellen, die nicht permanent mit dem Thema Motorrad beschäftigt sind. Sonst besteht die Gefahr, dass man stets nur in eine Richtung denkt. Das kann man mit so einem Wettbewerb ändern.
Was erhofft sich der IVM konkret von dem Design-Wettbewerb?
Wir erhoffen uns, dass das Thema Motorrad und Roller in den Köpfen immer wieder frisch behandelt wird, und wir erhoffen uns Input von Menschen, die sich nicht hauptberuflich mit dem Motorrad beschäftigen. Bestimmt entstehen auf diesem Weg auch Entwürfe, die zumindest in Details in die Produktion einfließen können.
Warum zwei Teilnehmerkreise? Erwarten Sie sich speziell von den Nonprofessionals auch Aufschlüsse darüber, was die Kundschaft gerne hätte?
Klar. Wir wollen diejenigen ansprechen, die sich in
jungen Jahren professionell mit Design beschäftigen und auch
zukünftig beschäftigen wollen. Andererseits wollen wir mit dem zweiten Teilnehmerkreis diejenigen erreichen, die letztlich der Markt sind.
Der Wettbewerb soll Zeitgeist und Lebensstil der Jugendlichen aufnehmen und damit die Akzeptanz des Motorrads bei jungen Leuten erhöhen, soll wegführen von Motorradklischees. Welchen?
Wenn Sie das Motorrad und heutige Motorradfahrer
betrachten, dann erschließt sich die Problematik, dass der klassische Motorradfahrer immer älter wird. Das Motorrad spielt für die Jugend keine Rolle. Es ist zum einen nicht mehr notwendig, um von A nach B zu kommen, mobil zu sein, frei zu sein von Zwängen, die einem die Eltern auferlegt haben. Vor dreißig
Jahren hatte Motorradfahren noch etwas von anders sein,
von Auflehnung. Das ist heute ebenfalls weg. Heute fahren die
Eltern Motorrad.
Sie denken also, dass viel von dem, was früher Rebellion bedeutete, zum Klischee verkommen ist?
Exakt.
Sehen Sie Trends hin zu einem neuen Motorradbewusstsein der Jugendlichen, an das die Industrie anknüpfen kann?
Das ist ein extrem schwieriges Thema. Denn die Jugendlichen, die heute die Trends kreieren, werden ihrerseits älter und gehen als Zielgruppe verloren.
Glauben Sie, dass man so etwas wie ein Motorradbewusstsein konstruieren kann? Müsste das nicht eher eine spontane Bewegung sein?
Spontan bewegt sich heute leider fast überhaupt nichts mehr. Mit dem nötigen Ehrgeiz, dem nötigen Material und den nötigen finanziellen Mitteln lassen sich die Dinge gleichwohl anschieben. An allen drei Faktoren müssen wir ansetzen.
Kann Anschieben auch heißen, dass Hersteller günstige Einsteigermotorräder zu Preisen anbieten, die sich kaum noch rechnen?
Unsere Liebe zum Nachwuchs geht sehr weit, und ich weiß, dass die Industrie dieses Thema über Jahre sträflich vernachlässigt hat. Es gab andere Dinge, die Priorität hatten – mehr Power, mehr Technik. Dieser Kundenkreis ist groß geworden und zog die Aufmerksamkeit auf sich. Da fiel es lange Zeit nicht auf, dass woanders Kunden wegbleiben. Jetzt schauen wir auf einen vier Jahre lang rückläufigen Markt, da müssen wir umdenken. Das tun wir auch.
Wird jemand, der bei dem Design-Wettbewerb zum Beispiel eine Jacke einreicht, eine Chance haben gegen den Teilnehmer, der mit der Zeichnung eines kompletten Motorrads ankommt?
Mit Sicherheit. Die Jury wird die einzelnen Themen für sich aufzuarbeiten haben. Mit einer frischen und guten Idee hat jeder eine Chance.

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