Interview mit Dr. Herbert Diess, Chef von BMW Motorrad (Archivversion) ¿Innovativste Motorradmarke¿

Sinkende Verkaufszahlen auf dem deutschen Markt, eine Flut neuer Modelle, Versuchsfahrten mit Supersportlern: Im Interview mit MOTOR-
RAD-Chefredakteur Michael Pfeiffer
erklärt BMW-Boss Dr. Herbert Diess
die weißblaue Welt.

Vor kurzem überraschte uns BMW mit einem Prototyp-Bild eines Supersportlers. Wann kommt denn nun die Supersport-BMW mit Kettenantrieb und richtig Leistung?
Dieser Prototyp ist wirklich nur ein Versuchsträger.
Wir testen darin zum Beispiel Schräglagensensoren. In fünf bis zehn Jahren wollen wir damit ein kurventaugliches ABS und eine schräglagenabhängige Schlupfregelung realisieren. Ein bahnbrechender Schritt, den man dann nicht nur im Supersport-Segment, sondern überall brauchen kann.
Wir kennen das Projekt schon lange. Es war uns immer als MotoGP-Dreizylinder geläufig. Hat sich das jetzt geändert?
Uns schwebt kein Dreizylinder-Supersportler in den Köpfen herum.
Außerdem hat sich BMW gerade beim Grand-Prix-Vermarkter Dorna wieder komplett als Mobili-
täts-Sponsor mit Millionenaufwand eingekauft...
Das ist die M-GmbH. Die zeigen gerne ihre Fahrzeuge in diesem hoch sportlichen Umfeld. Und diese Safety-Cars werden dort gerne gesehen.
In letzter Zeit legt BMW wieder mehr Wert auf sportliche Maschinen. Zahlt sich dieser Weg aus?
In jedem Fall. Schauen Sie auf die GS: Sie wurde im vergangenen Jahr insgesamt über 26000-mal verkauft. Die läuft nicht nur in Deutschland wirklich toll, sie verkauft sich auch in anderen Märkten wie Großbritannien hervorragend. Durch ihre sportlichere Auslegung holt sie dort zum Beispiel viele Supersport-Fahrer von ihren Rennern herunter. Weltweit gehört die GS zu den fünf meistverkauften Maschinen über 500 cm3. Aber auch die
K-Baureihe läuft blendend.
Und das nach all den Startschwierigkeiten?
Ja, der Start war schwer. Aber inzwischen
sind wir Segmentführer bei den Hayabusas, ZX-12 und Honda Doppel-X. Und wir erobern hier bis zu 50 Prozent von Fremdmarken.
Und jetzt noch mit einem deftigen Supersportler eins draufsetzen, das wäre es doch, oder?
Nein. Wir haben jetzt andere Aufgaben. Unsere neue Mittelklasse-Baureihe muss etabliert werden. Wir haben dafür einen eigenen, sehr schlanken Zweizylinder gebaut. Er wurde speziell auf die Bedürfnisse dieser Klasse entwickelt, mit einer starken Drehmomentorientierung. Das ist etwas ganz anderes als all die gedrosselten Ex-Supersport-Vierzylinder, die man oft in dieser Klasse antrifft.
Glauben Sie nicht, dass die neue F 800 S mit einem Basispreis von 8450 Euro viel zu teuer wurde?
Auf gar keinen Fall. Dafür erhalten Sie ein vollwertiges Motorrad in jeder Hinsicht. Mit einem wirklich tollen Motor und einem hervorragenden Fahrwerk. Es fehlt da an nichts, Sie werden überrascht sein, wie gut sich die fährt.
Aber eine Honda CBF 1000 bekomme ich für 500 Euro weniger...
Da haben Sie wieder so einen gedrosselten Supersport-Motor drin und viele Kilogramm Ballast dabei. Unser Konzept ist stimmig, die F 800 S wiegt kaum mehr als 200 Kilogramm und lässt sich mit einem
riesigen Zubehörangebot aufrüsten. Und dann denken Sie mal an den Wiederverkaufswert, da liegen BMW-Motorräder auch nach vielen Jahren noch ganz vorn.
Mit dem Zweizylinder könnte man sich viele tolle Maschinen ausmalen...
Das tun wir.
Lassen Sie uns raten: eine Supermoto?
Wer weiß.
Eine Enduro?
Da gibt es sehr gute Konzepte, die bei MOTORRAD ja sogar schon unsere GS schlugen (Suzuki V-Strom 650, Anm. der Red.). Dazu passt unser neuer Zweizylinder ganz hervorragend. Er ist kompakt, laufruhig und drehmoment-
stark.
Wird er denn die Einzylinder ersetzen?
Im Einsteigerbereich mittelfristig schon. Doch den Einzylindermotor entwickeln wir ebenfalls weiter. Da arbeiten wir eng mit Aprilia zusammen. Wir wollen auch hier deutlich weniger Gewicht. Das neue Modell wird 40 Kilogramm leichter sein als die aktuelle F 650 GS.
Im vergangenen Jahr hatte BMW in Deutschland einen Rückgang von fast 15 Prozent bei den Neuzulassungen zu verzeichnen. Was waren die Ursachen dafür?
Der Markt verlor nochmals deutlich an Fahrt. Und wir haben keinen Wert
auf große Verkaufsaktionen mit Rabatten gelegt. Unsere Händler sollen gute Geschäfte machen, und da sind Stückzahlen nicht das Alleinseligmachende. Der Handel muss die Chance haben, profitabel zu arbeiten. Nur profitable Händler bieten herausragenden Service für den Kunden.
Wird BMW so weitermachen?
Das wäre schön. Denn 2005 haben wir den Umsatz um 200 Millionen Euro gesteigert. Das ist mehr, als so manche europäische Marke überhaupt umsetzt. Gleichzeitig haben wir den Gewinn von 30 Millionen auf 60 Millionen Euro verdoppelt. Wir wachsen durch unsere Investitionen und Innovationen. Und wir werden weiter für Wachstum sorgen. BMW wird die innovativste Motorradmarke in den nächsten Jahren bleiben.

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