Interview mit Erv Kanemoto (Archivversion) antwort

Techniker-Legende Erv Kanemoto sammelte in mehr als zwei Jahrzehnten WM-Titel mit Freddie Spencer, Wayne Gardner, Eddie Lawson, Luca Cadalora und Max Biaggi. Jetzt holte Honda ihn ins MotoGP-Werksteam zurück – um als stille Kraft im Hintergrund das Können der Ingenieure mit dem von Top-Pilot Max Biaggi
so zu verknüpfen, dass am Ende der 2004 verlorene WM-Titel zurückerobert wird.

Herr Kanemoto, nach vielen Umwegen über die 250er-Klasse, über eigene Teams, über das Management eines Bridgestone-Test-Teams und zuletzt einem Abstecher zu Suzuki sind Sie wieder im offiziellen Honda-Werksteam gelandet. Eine glückliche Heimkehr?
Oh ja. Ich kenne viele Leute von früher, und es gibt ebenso viele neue, interessante Gesichter. Es war eine Riesenüberraschung für mich, dass HRC mir diesen Job anbot. Honda klopfte nach dem Saisonende bei mir an, doch mein Vertrag mit Suzuki lief bis zum Jahresende. Sie sagten, sie würden auf mich warten.

Sie sind Supervisor des Teams. Was haben Sie bis jetzt gesehen?
Sehr viel. Momentan versuche ich, das nötige Tempo vorzulegen, um das Motorrad und die Situation zu verstehen, in der wir stecken. Ich versuche, Teil des Ganzen zu werden und mit den Ingenieuren Schritt zu halten, denen bereits die Richtung vorschwebt, in die sie gehen wollen. Um das zu erreichen, testen und prüfen wir unzählige Teile. Die Saison steht vor der Tür, und dann spielt dieses Verständnis eine Schlüsselrolle.

Nicky Hayden war oft schon im Training schnell, ohne dies im Rennen umsetzen zu können. Warum?
Noch ist mir unklar, warum er bisher die nötige Konstanz vermissen ließ. Sobald wir das Motorrad verstehen, werden wir wissen, was Nicky braucht. Er hat bereits gezeigt, dass er das nötige Potenzial besitzt. Nur passte irgendetwas zwischen ihm und dem Motorrad nicht zusammen.

Es sieht danach aus, als habe Honda seinen stärksten Fahrer – Max Biaggi – mit Ihnen als erfahrenstem Teamchef kombiniert, um Rossi die Stirn bieten zu können.
Nein, nein. Das ist nicht der Fall, und so wurde mir
mein Job auch nicht erklärt. Meine Aufgabe ist es, mit beiden Fahrern, mit beiden Cheftechnikern und allen Mechanikern zusammenzuarbeiten. Ich habe mehr Kontrolle, wenn ich in Ruhe die Tests verfolge. Manchmal sind es nur kleine Indizien, die uns bei der Abstimmung weiterbringen, vielleicht ein kleiner, entscheidender Hinweis, der uns die richtige Richtung anzeigen könnte und bei dem ich Angst habe, ihn zu verpassen.

Hält Honda nach wie vor an der Philosophie fest, ein Motorrad zu bauen, mit dem im Prinzip jeder und überall schnell fahren kann?
Ich denke ja. Es ist wichtig, ein Motorrad zu bauen, das es jedem Fahrer so leicht wie irgend möglich macht, eine komplette Renndistanz zu bewältigen.

Trotzdem ist Max Biaggi die wohl größte Hoffnung von Honda. Sie kennen ihn seit Jahren und haben einen 250er-Titel und seinen ersten Sieg in der Königsklasse mit ihm gefeiert. Wo liegen seine Stärken?
Das Erste, was mir in den Sinn kommt, ist seine Arbeitsweise. Er ist vollkommen auf den Rennsport konzentriert, denkt ständig nach, und das ist gut so. Denn es erlaubt uns, ein immenses Testpensum hinter uns zu bringen. Wenn er den Sinn sieht, arbeitet er sehr hart.

Und seine Schwachpunkte?
Man hat mich das schon öfter gefragt... Unsere Aufgabe ist es, auf Schwächen die richtige Antwort zu finden, dem Fahrer das zu geben, was er braucht. Ich glaube, dass er genügend Potenzial hat, die Meisterschaft zu gewinnen. Er hat schon früher Titel geholt. Folglich ist es die Aufgabe von HRC und mir, ein Motorrad zu bauen, ein Werkzeug, das auf ihn abgestimmt ist.
In einem Punkt sind sich Biaggi-Fans und Biaggi-Kritiker
einig: Jetzt als offizieller Honda-Werkspilot ist es endgültig vorbei mit Ausflüchten und Entschuldigungen. Kann sich der Druck, siegen zu müssen, negativ auswirken?
Nein, ich denke nicht. Druck lastet auf jedem Piloten, und Max hat genügend Erfahrung und Nervenstärke, damit umzugehen. Das ist das Fundament für den Erfolg. Wenn der Fahrer alles aus sich herausholt und in seiner Arbeit bei der Sache bleibt, wird auch alles leichter für das Team.

Sie sind für Ihr Einfühlungsvermögen bekannt. Wie viel von Ihrer Arbeit ist Technik, wie viel Psychologie?
Schwer zu sagen. Die Sache ist kompliziert. Ein Rennteam, das sind viele Leute, Angestellte des Werks, Angestellte des Teams, und jeder trägt viel und auf
einem hohen Niveau zum Gelingen bei. Schon in der Vergangenheit habe ich mich oft als Koordinator
gefühlt, der alle Informationen verwaltet, der weiß, was der Fahrer fühlt und braucht, und der versucht, zu den Reifenleuten, zu den Federungsspezialisten Brücken zu schlagen. Heutzutage ist der Job, die einzelnen technischen Elemente und Technikspezialisten miteinander zu einem Ganzen zu verknüpfen, noch schwieriger geworden. Du arbeitest mit so vielen Leuten, und die MotoGP-Klasse ist immer noch relativ jung. Du vesuchst, alles zu verstehen, und gleichzeitig ändern sich die Dinge schon wieder.

Im Kampf gegen das Chattering rücken Max Biaggi und Sete Gibernau derzeit mit Teilen von 2003 aus. Warum?
Einen Schritt zurück zu machen und bereits vorhandene Teile auszuprobieren ist ein Teil des Prozesses, um das Ganze verstehen zu können.

Eine andere Frage ist Motorleistung. Bislang ging es im Rennsport noch nie rückwärts. Baut Honda eine Rakete?
Die Techniker aller MotoGP-Maschinen stehen im Prinzip vor dem gleichen Problem: über eine Renndistanz hinweg konstante Rundenzeiten zu ermöglichen. Das ist der Schlüssel zum Erfolg. Deshalb arbeitet auch jeder in diese Richtung. Noch mehr Leistung kann sich sehr leicht schädlich auf diese Balance auswirken.

Letztes Jahr waren Sie bei Suzuki. Haben Sie dort etwas bewirken können, haben Sie den Laden umgekrempelt?
Ich hoffe. Freilich sind Unterschiede und Veränderungen nicht stets sofort sichtbar. Bei Suzuki versucht man seit Jahren, die nötigen Informationen zu sammeln und daraus die entscheidenden Schlüsse zu ziehen. Jetzt sieht man allmählich die Fortschritte.

Und dennoch sind die großen Hersteller wieder eine Nasenlänge voraus. Welche Zukunft haben die kleinen Teams angesichts der immer
erbitterter betriebenen Aufrüstung von Honda und Yamaha?
Ich glaube nach wie vor, dass auch eine kleine Gruppe
von Leuten Erfolg haben kann. Ich denke, es dauert länger, keine Frage, weil die Budgets kleiner sind, weil die Lernprozesse länger dauern. Wenn du ein großes Heer von Technikern beschäftigen und eine Menge Geld für viele Tests ausgeben kannst, kommst du normalerweise schneller ans Ziel. Wenn die Regeln geändert werden, können die Werke mit großen Budgets natürlich schneller das nächste Register ziehen und haben einen Vorteil.

Sind die Tage gezählt, an denen ein Satellitenteam – wie Sie etwa 1989 mit Eddie Lawson – den Titel holen konnte?
Ich denke ja. Das Budget, ein privates Team auf diesem Niveau zu betreiben, sprengt heutzutage jeden Rahmen. Mit
genügend Geld wäre es bestimmt noch möglich. Doch es wäre sehr schwer, die Gelder zu finden. Ich würde sagen: nahezu unmöglich.

Sie sind jetzt 61. Hoffen Sie auf ein Happy-End Ihrer Karriere mit einem weiteren Titel in der Königsklasse?
Das ist genau der Grund, warum ich für diese Chance
so dankbar bin. Nochmals Teil eines Teams zu sein, das um
die Weltmeisterschaft mitkämpfen kann. Die Hoffnung ist da. Worüber ich am meisten nachgrüble, ist die Frage, ob meine
eigene Entschlossenheit, meine eigene Hingabe ausreichen werden. Vor zehn Jahren wäre alles für mich sehr viel leichter gewesen. Deshalb hänge ich mich derzeit so rein – in diese
Arbeit investiere ich mich voll und ganz.

Als Ihr Fahrer Max Biaggi 1998 in Suzuka sein allererstes Halbliter-Rennen gewann: Haben Sie damals an den Titel geglaubt?
Merkwürdigerweise habe ich immer das Gefühl gehabt, dass wir die Chance auf den Titel hatten, wenn alles nach Plan lief – mit Max Biaggi, Freddie Spencer, Wayne Gardner und Eddie Lawson. Es war immer das Gefühl da, dass wir nur unser Potenzial ausschöpfen mussten, um nach den Sternen zu greifen.

Jetzt, mit Biaggis Erfahrungen, Ihrer Erfahrung und voller Werksunterstützung: Wie sieht es aus?
Das Niveau dieser Weltmeisterschaft ist sehr hoch. Ich kann nur sagen: Ich hoffe, dass wir um den Titel mitkämpfen können. Im Moment lässt sich das noch nicht voraussagen. Am Ende des Jahres werden wir mehr wissen.

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