Interview mit Harald Eckl (Archivversion) »Ziele sind hoch gesteckt“

Kawasaki-Teamchef Harald Eckl hat sich für die MotoGP-WM viel vorgenommen: Ende 2003 wollen die Grünen an der Spitze mitmischen, im Jahr darauf soll der erste Sieg gefeiert werden.

? Vier Rennen, vier Punkte – was sonst zählt zur Bilanz des Kawasaki-Debüts in der MotoGP-WM am Ende dieser Saison?Wir haben im direkten Vergleich mit der Konkurrenz das Potenzial unseres ersten Prototyps ausgelotet und Schwächen entdeckt, die bei privaten Tests nicht ans Tageslicht gekommen wären. Das war ebenso positiv wie die Chance für Andrew Pitt, eine fahrerische Standortbestimmung zu machen. Es war sehr aufschlussreich für ihn zu sehen, wo er steht und wie hart er über Winter arbeiten muss, um im MotoGP-Feld erfolgreich mitfahren zu können. Ich bin aber sehr zuversichtlich, denn er hat sich von Rennen zu Rennen und bei unseren anschließenden Tests in Valencia und Sepang kontinuierlich gesteigert. Ich denke, dass er im nächsten Jahr auf einem ganz anderen Niveau antreten wird. ? Andrew Pitt steigt als Supersport-Pilot direkt in die höchste Klasse auf, eine Chance, die der deutsche Supersport-Weltmeister Jörg Teuchert nie hatte. Was kann Pitt besser?Ich glaube, dass nicht nur Pitt, sondern auch Jörg Teuchert oder Christian Kellner das Zeug für die MotoGP-Klasse haben. Allerdings sind beide in der Altersgruppe eines Max Biaggi und müssten schon ganz oben angekommen sein, anstatt erst anzufangen. Doch grundsätzlich gilt: Wer schon einmal Weltmeister geworden ist, gleich in welcher Kategorie, ist ein guter Fahrer und versteht sein Geschäft technisch wie taktisch. Der weitere Erfolg ist nur eine Frage der Zeit und der Betreuung. Ich bin überzeugt, dass Andrew Pitt es schaffen wird. Er hat das Potenzial, die Willenskraft, den Kampfgeist, den Trainingseifer und die richtige Grundeinstellung. Absolut ideal. ? Ihr neuer Star Garry McCoy gilt als Driftkünstler, mit seinem extremen Fahrstil aber nicht als Entwicklungsfahrer.Wir werden Garry ein Motorrad bauen, mit dem er gewinnen kann. Wir wissen, in welche Richtung die Entwicklung gehen muss, und wir werden uns auf den Fahrer einstellen, nicht umgekehrt. Biaggi hat einen anderen Fahrstil als Rossi, auch Barros stimmt seine Hinterradfederung anders ab als Rossi. Wenn nötig, bauen wir für McCoy eine andere Schwinge oder ein komplett neues Chassis. Abgesehen davon schafft die Umstellung vom Zwei- auf den Viertakter völlig neue Bedingungen. Daher bezweifle ich, dass er die Ninja ZX-RR derart aufs Driften abstimmen wird wie seinen alten Zweitakter.? Warum sind die Deals mit den Superstars Loris Capirossi und Alex Barros geplatzt?Beide forderten Michelin-Reifen, die wir zum fraglichen Zeitpunkt nicht garantieren konnten. Das spielte eine große Rolle. Ich persönlich glaube außerdem, unser Motorrad erschien ihnen nicht ausreichend konkurrenzfähig. Es liegt an uns zu beweisen, dass das eine Fehleinschätzung war.? Es drängt sich der Eindruck auf, dass Kawasaki die Notwendigkeit konkurrenzfähiger Reifen krass unterschätzt hat.Bei der Reifenfrage kommt auch die Firmenpolitik ins Spiel. Bei der Arbeit mit Dunlop zählen für mich nicht die bisherigen Resultate, sondern die gemeinsame Verpflichtung, die Probleme anzupacken und uns weiterzuentwickeln. Natürlich ist es einfacher, ein fertiges Produkt zu wählen und sich auf die sichere Seite zu schlagen. Ich als ehemaliger Rennfahrer gehe lieber meinen eigenen Weg und habe dadurch die Chance, mir am Ende sogar Vorteile zu erarbeiten. Wobei mir klar ist, dass schon viele andere Teams mit Dunlop ihr Glück versucht haben und gescheitert sind. Doch ich sage: Wir können’s besser.? Zum Fahrer-Aufgebot für 2003 zählen auch Akira Yanagawa und Alex Hofmann. Was ist ihre Aufgabe?Akira, unserer langjähriger Superbike-Pilot, ist ein hervorragender Testfahrer. Mein Wunsch wäre, dass er das Motorrad in Japan weiterentwickelt und eventuell mit einer Wild Card in Suzuka, Motegi oder anderen Grand Prix rund um Japan antritt. Ich denke, er ist immer noch sehr schnell, hat den absoluten Zenit jedoch überschritten. Bei Alex ist es umgekehrt: Er hat noch nicht ganz das Niveau, das ein MotoGP-Fahrer braucht, ist aber sehr nah dran. Ich möchte ihn führen und ihm die Chance geben, als Testfahrer möglichst viele Runden abzuspulen, damit er sich an das Motorrad gewöhnt und in Übung bleibt. Falls er sich entsprechend entwickelt, hat er später eventuell die Chance auf einen Stammplatz. Außerdem denke ich, dass er im nächsten Jahr das eine oder andere Rennen mit einer Wild Card bestreiten kann.? Was nützt ein Test-Team? Max Biaggis Yamaha kam beispielsweise erst richtig auf Kurs, als sich der Meister selbst um die Weiterentwicklung kümmerte.Ich bin nicht ganz dieser Meinung. Abhängig vom Testprogramm und den Aufgabenstellungen kann ein Test-Team wertvollen Input liefern. So haben wir Alex ganz speziell für die Entwicklung der Reifen ins Team genommen. Ich bin kein Träumer und erwarte nicht, dass Dunlop plötzlich siegfähige Reifen liefert, nur weil ich der Harald Eckl bin. Deshalb sind wir die Verpflichtung eingegangen, bei umfangreichen Reifentests Vorselektionen durchzuführen. Das schafft ein GP-Fahrer zeitlich nicht.? Wie gut ist die Ninja ZX-RR?Vielleicht bin ich etwas blau- oder gar grünäugig, doch ich rechne damit, Ende 2003 an der Spitze mitzufahren. Wir haben einen sehr starken, standfesten Motor und liegen bei der Leistung schon jetzt zwischen Honda und Yamaha, obwohl wir uns noch nicht einmal ums Feintuning gekümmert haben. Unsere Ziele sind sehr hoch gesteckt, aber nicht unrealistisch. Andrew Pitt fuhr am Dienstag nach dem Valencia-GP bereits Rundenzeiten von 1.35,5 Minuten. Konstante Runden auf diesem Niveau hätten im Rennen für Platz sieben bis neun gereicht. Dabei wissen wir: Die Dunlops sind noch um eine halbe bis ganze Sekunde langsamer als die Michelins. Und Andrew gibt zu, dass ihm fahrerisch noch 0,4 bis 0,8 Sekunden fehlen. Wenn wir dann noch die anstehende Weiterentwicklung an Motor und Fahrwerk einbeziehen, kommt eine interessante Rechnung zusammen. ? Wann gewinnt Kawasaki den ersten Grand Prix?2004 – falls wir das Motorrad optimal einstellen können und sich die Fahrer bei uns wohl fühlen.Das Interview führte Grand-Prix-Reporter Friedemann Kirn

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