Interview mit HJC-Firmengründer Wan Kee Hong "Koreaner sind extrem innovativ und geschickt"

Als Helmhersteller dürfte HJC inzwischen einigen Motorradfahrern bekannt sein. Dass HJC eine Firma aus Südkorea und derzeit größter Helmproduzent der Welt ist, zählt vermutlich eher nicht zum Allgemeinwissen. Zeit für ein MOTORRAD-Gespräch mit dem Firmengründer Wan Kee Hong.

Herr Wan Kee Hong, Sie haben HJC 1971 gegründet – damit ist Ihre Firma recht jung auf dem Markt der Helmhersteller. Nur zwei Beispiele: Ihr italienischer Konkurrent AGV existiert seit 1947, Arai in Japan sogar seit 1937. Damals war Südkorea nicht gerade als Heimat von Hightech-Unternehmen bekannt. Doch heute ist HJC der weltgrößte Helmhersteller, Ihre Produkte gewinnen Vergleichstests in MOTORRAD. Wie erklären Sie sich diesen technologischen Aufschwung in Ihrer Heimat?

Wir sind jetzt seit 43 Jahren im Geschäft und haben viel später begonnen als etliche unserer Wettbewerber. Wir haben sehr viel investiert, um die hochwertigen Produkte herzustellen, die wir in den vergangenen Jahren auf den Markt gebracht haben. Wir konnten natürlich nicht von Anfang an High-End-Produkte fertigen, mussten erst genügend Erfahrung mit der Technologie sammeln. Doch inzwischen werden die Früchte dieser Anstrengungen sichtbar.

Aber hängt das nicht auch mit der Mentalität Ihrer Landsleute zusammen?

Generell legt Korea großen Wert auf die Ausbildung seiner Kinder. Das Ziel aller Eltern besteht darin, ihren Kindern die bestmögliche Ausbildung zu ermöglichen, da stecken sie viele Anstrengungen und viel Geld hinein. Zudem gibt es in Korea eine sehr hohe Arbeitsmoral. Koreanische Arbeiter verbringen viel Zeit in ihrem Beruf, auch samstags, wenn es die Arbeit erfordert. Anders als in vielen Ländern sind die Urlaubszeiten minimal. Hinzu kommt, dass Korea nicht über große natürliche Ressourcen verfügt und deshalb auf den Export angewiesen ist. Um dabei erfolgreich zu sein, sind besondere Kenntnisse beispielsweise für den Bau von Fahrzeugen oder elektronischen Geräten nötig. Viele Ko­rea­ner sind extrem innovativ und geschickt darin, hochtechnische Dinge anzufertigen. Außerdem sind wir gut darin, Geld zu sparen und zu re­investieren. HJC steckt seine Gewin­ne dauernd in sein State-of-the-Art-Entwick­lungszentrum, in neue Fabriken und Maschinen. Das machen alle Koreaner so, sie investie­ren in ihre Zu­kunft, statt das verdiente Geld auszugeben.

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Die preisgünstigeren HJC-Modellreihen mit Polykarbonat-Schale werden in Fabriken in China und Vietnam gefertigt, während die teureren in Ihrer Heimat in Südkorea produziert werden. Gibt es einen Grund für diese Aufteilung?

Ich glaube, dass Südkorea heute weiter entwickelt ist als China und Vietnam. Das ist der Grund. Einige unserer Wettbewerber stellen ausschließlich High-End-Helme her, andere lediglich preisgünstige Modelle. Wir haben den Vorteil, dass wir in den verschiedenen Ländern sowohl hochpreisige wie auch Einsteiger-Helme produzieren können. Auch ein Grund dafür, dass wir nach Stückzahlen Weltmarktführer sind.

Seit wann unterstützen Sie Rennfahrer in der MotoGP-Weltmeisterschaft?

Seit mehr als zehn Jahren. Begonnen hat es aber mit Ben Spies in Amerika, als der noch ein Teenager war – vor fast 20 Jahren. Wir sind in der US-Superbike-Meisterschaft aktiv, in der Superbike-Weltmeisterschaft, in den Sport­arten Supercross, Freestyle, Enduro, überall. Wir wollen in allen Bereichen mitmachen, für die wir ein Produkt im Angebot haben.

Sie unterstützen sehr viele unterschiedliche Fahrer, beispielsweise den zweimaligen MotoGP-Weltmeister Jorge Lorenzo, aber auch den deutschen Nachwuchsfahrer Philipp Öttl. Was für eine Strategie steckt dahinter?

Der Hintergedanke ist, dass wir einerseits den Champion haben wollen, andererseits aber auch den Nachwuchs fördern möchten. Wie beispielsweise Philipp Öttl, der hoffentlich auch eines Tages das Niveau von Lorenzo erreicht. Die Entscheidung über die Auswahl der Fahrer ist ein interner Prozess, bei dem wir – auch in enger Abstimmung mit den Niederlassungen in Europa und Amerika – gemeinsam das Potenzial junger Fahrer beurteilen und die Leistung der bereits erfolgreichen Piloten bewerten. Es geht natürlich auch dar­um, einzuschätzen, welcher Fahrer unsere Marke gut repräsentieren könnte.

Einige Fotos in HJC-Werbebroschüren zeigen Jorge Lorenzo, wie er mit einem Ihrer Helme im Windkanal sitzt. War das lediglich ein Fotoshooting für Werbezwecke, oder hat Lorenzo tatsächlich mit den HJC-Entwicklungsingenieuren zusammengearbeitet?

Jorge hat unser Werk besucht, er hat im Windkanal getestet und war bei vielen weiteren technischen Dingen dabei, die wir als Hersteller so machen. Wir haben von ihm sehr gute Rückmeldungen erhalten, vor allem in Sachen Aerodynamik. Und wir haben versucht, seine Hinweise bei der Entwicklung unserer Helme zu berücksichtigen. Er ist aber nicht der Einzige, mit dem wir auf diese Weise zusammenarbeiten. Ben Spies ist ein weiterer bekannter Pilot, bei dem das so lief. Es gibt aber noch eine Reihe weniger bekannter Sportler, die uns beraten, zum Beispiel aus dem Motocross- und Snowmobilbereich. Wir haben 50 Designer und Entwickler im Haus, die von der Erfahrung dieser Leute profitieren.

Jorge Lorenzo kann sicherlich helfen, einen Helm für Rennsport zu entwickeln. Aber den hat er immer nur für maximal 50 Minuten am Stück auf. Tourenfahrer tragen ihren Helm aber oft über Stunden. Kann da die Erfahrung eines Lorenzo helfen?

Es gibt im Werk ein Team aus 20 Fahrern, und wenn wir neue Produkte entwickeln, werden die von denen bei stundenlangen Testfahrten ausprobiert.

Top-Fahrer wie ein Jorge Lorenzo sollen ja oft Sonderwünsche haben. Dinge, die Spezialentwicklungen erfordern, aber womöglich nie in Serie gehen. Stimmt das?

Jorge muss schnell fahren, dafür ist perfekte Aerodynamik erforderlich. Sein zweitwichtigster Wunsch ist, mehr sehen zu können. Weil er oft zusammengekauert auf dem Motorrad sitzt, ist sein Blick aus dem Helm anders als bei einem normalen Motorradfah­rer – er braucht im oberen Bereich mehr Sichtfläche. Besonders wichtig war ihm auch, dass bei Regen kein Wasser in den Helm eindringen kann. Daran haben wir hart gearbeitet. Außerdem darf das Visier bei Regen oder Kälte auf keinen Fall beschlagen, das musste ausgeschlossen werden. Um diese Dinge hat er uns gebeten.

An Helmen wie dem für Lorenzo wird ja vermutlich pausenlos weiterentwickelt. Wie oft pro Jahr bekommt er einen neuen Helm?

Wenn er uns um Änderungen bittet, werden wir sie machen. Das kann zwei- oder dreimal im Jahr passieren.

Die koreanische Höflichkeit verbietet Kritik an Arbeitgebern oder Vorgesetzten. Wie kommen Sie damit klar, wenn jemand wie Jorge Lorenzo an Ihren Helmen etwas auszusetzen hat?

Das ist keine böswillige, sondern kons­truk­tive Kritik. Sie soll uns besser machen, deshalb ist sie uns immer willkommen.

Herr Wan Kee Hong, wir bedanken uns für dieses Gespräch.

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Foto: Yamaha

Zur Person Wan Kee Hong:

Die Firma HJC ist ein Familienunternehmen, das 1971 von Wan Kee Hong gegründet wurde, der es aktuell als Vorsitzender zusammen mit Juniorchef Shawn Hong leitet. Der heute 73-Jährige hatte zunächst in der koreanischen Luftwaffe gedient. Beim anschließenden Ingenieurstudium erwarb er mehrere Preise und Ehrungen privater Institutionen sowie des koreanischen Präsidenten. Wan Kee Hong lebt in einem Appartement in Seoul, ist verheiratet und hat drei Kinder sowie sechs Enkelkinder. Der zurückhaltende Patriarch liest gerne und unternimmt mit seiner Frau ­regelmäßig Bergwanderungen.

Foto: 2snap

Jorge Lorenzo und Anna Vives

Als Jorge Lorenzo, der spanische MotoGP- Weltmeister 2010 und 2012, im vergan­genen Jahr nach dem Catalunya-Grand-Prix ­seinen Sieg bejubelte, holte er sich zur Feier des Tages einen Ehrengast aufs Siegerpodest. Denn Lorenzo hatte diesen Erfolg mit einem Helm in ganz besonderem Design gewonnen. Gestaltet hatte das Schmuckstück die damals 28-jährige Anna Vives, eine junge Spanierin, die am Down-Syndrom leidet. Auf Anna Vives war Jorge Lorenzo durch die Itinerarium-Stiftung aufmerksam geworden, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Fähigkeiten von Menschen mit Behinderungen zu fördern. Mit deren Unterstützung hat Vives eine eigene Computer-Schriftart entworfen, die sich Privatpersonen und gemeinnützige Einrichtungen kostenlos von ihrer Internetseite www.annavives.com herunterladen und für eigene Projekte verwenden können. Lorenzo fragte Vives, ob sie nicht Lust hätte, seinen Helm für den Catalunya-GP zu gestalten – gesagt, getan. Vom Ergebnis war Lorenzo begeistert: „Ihre Arbeit beweist überzeugend, welche Fähigkeiten Menschen trotz einer Behinderung haben können.“

Nicht nur Lorenzo war vom Vives-Design mehr als angetan. Helmhersteller HJC legte eine Sonderedition des Modells RPHA10 Plus auf. „Im Lorenzo-Vives-Design ist er teurer als das Basismodell“, sagt Peter Kaiser von HJC Deutschland, „trotzdem hat er sich zu unserem Bestseller entwickelt.“ Als Lorenzo seinen Siegerhelm zugunsten der Itinerarium-Stiftung bei einem Online-Auktionshaus versteigerte und dafür 27.101 Euro erlöste, beschloss HJC spontan, der Stiftung nochmals denselben Betrag zu spenden. Die Übergabe des Schecks durch HJC-Gründer Wan Kee Hong an Anna Vives fand beim diesjährigen Catalun­ya-GP statt, bei dem Lorenzo trotz Anna-Vives-Helm das Podest als Vierter knapp verpasste.

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