Interview mit Ichiro Yoda (Kawasaki) (Archivversion) »Unser Ziel: Wir werden zweite Macht“

Ichiro Yoda arbeitete mehr als 20 Jahre für Yamaha, bevor er Anfang 2005 ins MotoGP-Team von Konkurrent Kawasaki wechselte – ungewöhnliche Wendung einer japanischen Karriere.

Herr Yoda, nach allem, was wir in Europa über Japan wissen, ist es dort üblich, seinem Arbeitgeber ein Leben lang treu zu bleiben. Nun haben Sie sich nach einer beeindruckenden Karriere über mehr als zwei Jahrzehnte von Yamaha verabschiedet und ausgerechnet beim Konkurrenten Kawasaki angeheuert. Haben sich die Gebräuche in Ihrer Heimat geändert?
Nein. In Japan ist es auch heute noch durchaus normal, ein für alle mal bei einer Firma zu bleiben. Doch ich habe lange in Europa gelebt, da läuft’s anders.
Was denken Ihre ehemaligen Kollegen jetzt über Sie?
Vielleicht denken sie, dass ich ein Verräter bin. Aber das ist mir egal. Ich wollte immer für und mit Yamaha die MotoGP-Weltmeisterschaft gewinnen. Jetzt gewinnt Yamaha, weil sie den besten Fahrer haben. Da habe ich eine neue Herausforderung gesucht – und bei Kawasaki gefunden.
Dann ist es für Sie also eine größere Herausforderung, mit einem schlechteren Fahrer zu arbeiten und dem ein überlegenes Motorrad zu bauen?
Nein, nein, das habe ich nicht gesagt. Unser Shinya Nakano ist ein exzellenter Rennfahrer, ich liebe ihn. Sobald wir das richtige Motorrad für ihn haben, wird er Grand Prix gewinnen.
Sie glauben also an Siege mit Kawasaki? Im vergangenen Jahr erweckte das Engagement den Eindruck, als sei Kawasaki ganz zufrieden damit, einfach dabei zu sein, scheute allerdings vor dem letzten Schritt, den richtig großen Investitionen, zurück.
Kawasaki gibt viel Geld für das MotoGP-Projekt aus, so viel wie die Konkurrenz. Das kann ich Ihnen versichern.
Wo würden Sie Kawasaki einordnen, nachdem nun die Ergebnisse der ersten Saison-Rennen bekannt sind?
Honda werden wir nicht überflügeln können. Wir müssen jedoch zweitstärkste Kraft in der MotoGP-Weltmeisterschaft werden.
Wie bitte? Bei all den Anstrengungen, die Yamaha gerade unternimmt – Sie glauben, Kawasaki auf das Yamaha-Niveau bringen zu können?
Sicherlich.
Reden wir doch mal über die Technik. Kawasaki verwendet wie Yamaha einen Reihenvierzylinder. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür, dass sich mit diesem Motorenkonzept offenbar nicht die schiere Leistung und Höchstgeschwindigkeit des Honda-V-Fünfzylinders erreichen lässt?
Das hat nichts mit der Motorkonfiguration zu tun. Honda strengt sich wirklich mächtig an, setzt sehr viele erfahrene Ingenieure und sehr viel Geld ein.
Im vergangenen Jahr vertraute Kawasaki auf den so genannten Screamer-Motor, jetzt wird die Big-Bang-Variante verwendet. Ist das schon auf Ihren Einfluss zurückzuführen?
Nein, ich bin sehr spät zu diesem Projekt gestoßen, da war dieser Motor schon fertig entwickelt. Ich habe nur ein paar Ratschläge gegeben.
Sie haben sich bestimmt die Daten der Saison 2004 bei Kawasaki angesehen. Wissen Sie, warum die Motoren so oft geplatzt sind?
Natürlich. Ich verrate es Ihnen aber nicht. Es waren Kleinigkeiten, die inzwischen behoben sind.
Nun kennen Sie ja die Motorenkonzepte für die Reihenvierzylinder von Yamaha und Kawasaki. Sind die sehr ähnlich?
Das Big-Bang-Prinzip hat etwas mit der Zündfolge zu tun, da sind sich die Motoren ähnlich. Ansonsten unterscheiden sich die Konzepte schon – und ich bin froh darüber.
Zurück zu den Kawasaki-Werksfahrern. Wie stufen Sie Shinya Nakano und Alex Hofmann ein?
Shinya kommt direkt hinter Valentino Rossi und Sete Gibernau. Ich habe bereits 1997 mit ihm zusammengearbeitet, dann war er ja 2000 zusammen mit Olivier Jacque bei mir im 250er-Yamaha-Werksteam. Er hätte Weltmeister werden sollen, doch Jacque war auch sehr gut. Es war eine strategische Entscheidung, die musste ich akzeptieren. Mit Alex Hofmann habe ich nicht so viel Kontakt, er muss noch Erfahrung sammeln, wie ein Werksteam arbeitet. Aber um das Gesamtpaket nach vorn zu bringen, brauche ich seine Hilfe ebenfalls.
Inzwischen hat Jacque als Ersatzfahrer für den verletzten Hofmann mit Platz zwei in China den größten Erfolg der Kawasaki-MotoGP-Geschichte erreicht. Ihre Idee?
Der erste Kontakt mit Jacque lief über Team-Koordinator Michael Bartholemy. Mir gefiel der Gedanke, ihn in Shanghai fahren zu lassen. Ich musste außer Teamchef Harald Eckl nur das Kawasaki-
Top-Management überzeugen, das sich sehr aufgeschlossen zeigte und dem Plan schnell zustimmte.
War es schwierig, die ZX-RR für Jacque anzupassen? Und wird es für ihn weitere Einsätze geben, wenn Alex Hofmann wieder fahren kann?
Olivier testete Shinyas Motorrad in Estoril, wir mussten eigentlich nur die Sitzposition anpassen. In Le Mans hat er dann noch mal einen guten Job gemacht, deshalb verhandeln wir über weitere Rennen.

Das Interview führten die MOTORRAD-Redakteure Michael Rohrer
und Andreas Schulz; Fotos: Friedemann Kirn

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