Interview: Neuer BMW-Sportchef Interview mit dem neuen BMW-Sportchef Gobmeier

Der neue BMW-Motorrad-Motorsport-Direktor Bernhard Gobmeier im Exklusiv- Gespräch mit MOTORRAD-Redakteur Michael Rohrer über seine neue Aufgabe, das Superbike-WM-Team und entscheidende Motorsport-Grundsätze.

Foto: Edge

 ?  Bernhard Gobmeier, Ihre Berufung als BMW-Motorrad-Motorsport-Direktor geht einher mit weiteren größeren personellen Veränderungen im Superbike-WM-Team von BMW. Wie sieht die neue Struktur aus, was sehen Sie als Ihre Hauptaufgabe?

 !  Ich bin selbst zwar Ingenieur, werde aber weniger technischen Input einbringen, sondern vielmehr für Struktur und Ordnung im Team sorgen. Die meisten Schlüsselpositionen im Team selber sind ja gleich geblieben. Es gibt zwar ein paar neue Köpfe im Team, aber für mich ist es sehr wichtig, dass dennoch Kontinuität gewahrt bleibt. Es gibt keine Revolution, die Evolution ist immer noch das Beste.

 ?  Vor allem an der Teamspitze sind zwei sehr markante Personen abgelöst worden, Berthold Hauser, dem Sie selber nachfolgen, und Davide Tardozzi, der erfolgreichste Superbike-WM-Teamchef überhaupt. Wie sieht da die Nachfolge aus, oder werden Sie dies intern lösen?

 !  Einen neuen Teamchef werde ich Ihnen jetzt nicht nennen. Berti Hauser ist immer noch bei BMW Motorrad. Ich bin persönlich befreundet mit ihm. Wir ergänzen uns sehr gut, und ich zapfe natürlich sein ganzes Know-how auch an. Auch mit Davide Tardozzi habe ich gesprochen. Mit ihm war die der Zusammenarbeit nicht sehr glücklich. Deshalb haben wir uns getrennt.

 ?  Sie waren seit 2008 in der Fahrwerksentwicklung von BMW Motorrad tätig, davor lange Jahre in der BMW M GmbH, also im Auto-Sektor, auch im Rennsport. Was bringen Sie an Ideen mit?

 !  Erstens eine Weltsicht, die über das reine Zweiradthema hinausgeht. Andererseits: Ob man einen Rennauto oder ein Rennmotorrad entwickelt: Die Physik bleibt die gleiche. Die muss man verstehen. Es gilt, die Probleme zu analysieren. Wo muss man was ändern, um welchen Effekt zu erreichen? Ganz typische Ingenieursarbeit eben. Diese Vorgehensweise macht BMW grundsätzlich stark. Im Rennsport wird diese Arbeitsweise sehr zugespitzt, weil alles viel schneller gehen muss. Dabei vergessen manche allerdings, trotzdem richtig nachzudenken und strukturiert vorzugehen.

 ?  Es gibt nicht wenige Beispiele, die zeigen, dass hochgestochene Automobil-Rennsport-Technik, auf das Motorrad adaptiert, zu Problemen führen kann. Böse Zungen schieben Probleme des BMW-Superbikes, etwa das aggressive Verhalten gegenüber den Reifen, auch auf die vielleicht zu „automäßige“ Motorcharakteristik.

 !  Ich halte das für ein Gerücht. Entscheidend für den sinnvollen Umgang mit der Explosionsmaschine „Motor“ ist die Motorsteuerung. Und in diesem Bereich ist BMW sehr, sehr weit, auch weil wir sehr viel Formel-1-Erfahrung einbringen können. Auch hier geht es wieder um die Physik. Es sind schließlich nur kaum handtellergroße Flächen, die Reifenauflagen, die alles übertragen müssen. Und das ist beim Motorrad genau wie beim Auto. Alles, was vorher kommt, mechanischer Grip, Auftrieb, Abtrieb bis hin zu den Explosionen im Motor, muss ich kontrollieren können. Alles nur auf den Motor zu schieben, ist viel zu kurz gesprungen. Es gibt im Gesamtpaket Rennfahrzeug Hunderte von relevanten Faktoren, die zusammenwirken.

 ?  Sehen Sie sich mit Ihrer gesamten Erfahrung aus Ihrer bisherigen Laufbahn in Ihrer neuen Position in erster Linie als Chefingenieur und erst danach als Manager?

 !  Meine Aufgabe ist, das Wissen im Team optimal einzusetzen, aber auch aus allen in Frage kommenden anderen Bereichen von BMW an den richtigen Stellen anzudocken. Denn wir haben hier ein sehr kleines Team; gut, für ein Motorrad-Team sind wir vielleicht eher groß, aber im Vergleich zu anderen Projekten bei BMW ein sehr kleines Team.

 ?  In der Saison 2010 sahen wir zunächst eine sehr gute Entwicklung mit Podesträngen in Monza und Misano. Danach stagnierte es ziemlich, und es kamen die Umstrukturierungen. Wie sind Ihre Ziele für 2011?

 !  Irgendwann wollen wir Weltmeister werden, keine Frage. Wir haben eine extrem gute Basis, ein extrem gutes Motorrad. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass dieses Puzzle aus den angesprochenen Hunderten von Faktoren sauber ineinander greift.

 ?  Die Serien-BMW S 1000 RR ist ein großer kommerzieller Erfolg und inzwischen auch das Maß der Dinge im Supersport-Markt. Auch im seriennahen Rennsport fährt sie ganz vorn, was der Superstock-1000-FIM-Cup-Titel von Ayrton Badovini mit neun Siegen in zehn Rennen zeigt. Auf Superbike-Niveau ist diese Überlegenheit dann auf einmal weg. Warum?

 !  Bei den Superbikes sind wir noch Neulinge. Wir haben mit unserem Motorrad  technisch hervorragende Voraussetzungen, ebenso in unserem Team. Nur als Ganzes funktioniert es noch nicht perfekt. Wir müssen noch weiter zusammenwachsen.

 ?  2012 kommt möglicherweise ein neues MotoGP-Reglement, das mit wieder 1000 cm³ und einer Maximal-Zylinderbohrung von 81 Millimetern fast wie auf den BMW-Motor zugeschnitten wirkt.

 !  Es freut uns, dass dort eine Tür für uns aufgehen könnte. Aber wir haben ein starkes Commitment zur Superbike-WM abgegeben und haben hier noch jede Menge Hausaufgaben zu machen.

 ?  BMW könnte auch als reiner Motorenlieferant auftreten.

 !  Rein theoretisch schon denkbar. Wir haben uns aber damit noch nicht beschäftigt.

 ?  Wie sind denn Ihre weiteren Zuständigkeiten als BMW Motorrad-Motorsportchef über die Superbike-WM hinaus? Es gibt ja noch die Enduro-WM, ein neues Dakar-Projekt und die zweite Konzernmarke Husqvarna in der Motocross-WM.

 !  Der Schlüssel liegt in der Fokussierung. Husqvarna wird weiterhin seine Sportaktivitäten selbst organisieren. Wir werden das Privatteam Speedbrain beim Dakar-Einsatz finanziell unterstützen, mit gewissen Erfolgserwartungen. Mein persönlicher Fokus liegt aber ganz klar auf der Superbike-WM.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote