Interview Pit Beirer (Archivversion) »Die Trauer hat mir nie die Energie geraubt“

Am 8. Juni stürzte Deutschlands bester Motocross-Pilot und KTM-Werksfahrer Pit Beirer beim WM-Lauf in Bulgarien schwer. Seitdem ist der 30-Jährige querschnittsgelähmt. MOTORRAD-Redakteur Peter Mayer besuchte ihn im Reha-Zentrum im
bayerischen Murnau.

Pit, kannst du dich an den Unfall noch erinnern? Natürlich. Es geschah an einem etwa 30 Meter weiten Table-top-Sprung. Die Anfahrt war sehr ausgefahren, und es gab nur wenige gute Spuren, um kalkuliert abspringen zu können. Etwa zu Rennmitte geriet ich bei der Anfahrt etwas ins Schleudern und musste deshalb eine Rille wählen, die vor dem Absprung ein tiefes Loch hatte. Das Hinterrad erhielt einen Schlag, ich wurde über den Lenker katapultiert und schlug aus voller Höhe auf den Boden auf. Wusstest du gleich von der Tragweite deiner Verletzung? Ja. Ich hatte sofort kein Gefühl mehr in den Beinen. Doch schlimmer war meine Lungenverletzung. Ich wusste logischerweise nicht, was die genaue Ursache war, doch spürte ich, wie sich meine Lunge mit Flüssigkeit füllte. Ich spuckte Blut, wurde immer kurzatmiger, aber die Ärzte kümmerten sich nur um meine Beine. Ich schrie verzweifelt: »Ich bin gelähmt. Lasst meine Beine in Ruhe, aber lasst mich nicht ersticken!« Ich hatte wirklich Todesangst. Insofern war die Lähmung in diesem Moment für mich eigentlich zweitrangig. Und danach? Ich habe nur noch die Verlegung in den Hubschrauber mitbekommen. Dann bin ich für die nächsten fünf Tage weg-geklappt. Nach dem Transport in der gleichen Nacht hierher nach Murnau und zwei Operationen bist du nach knapp vier Monaten mittlerweile wohlauf. Welche Verletzungen lagen beziehungsweise liegen genau vor? Das Schulterblatt war gebrochen, die Lunge gerissen, und der sechste Brustwirbel ist zertrümmert. Zwei dieser drei Verletzungen sind geheilt, nur der Wirbel nicht. Der musste ersetzt werden. Das heißt, die Querschnittslähmung bleibt. Ja, da ist nichts mehr zu machen. Gott sei Dank kann ich meine Arme und Hände vollständig bewegen. Für jeden normal empfindenden Menschen bedeutet eine Querschnittslähmung eine Katastrophe. Von dir hörte man wenige Wochen nach dem Sturz fast schon euphorische Töne. Gewissermaßen: Was soll’s, jetzt müssen eben andere Ziele im Leben verfolgt werden. Die Öffentlichkeit war konsterniert und vermutete Selbsttäuschung oder das Aufbäumen vor einem psychischen Absturz. Das mag schon verwundert haben. Für mich stellte sich die Situation aber ganz anders dar. Ich hatte im Koma fünf Tage um mein Leben gekämpft. Ich war machtlos, hatte schreckliche Träume, Wahnvorstellungen oder wie man das auch bezeichnen will. Und ich spürte, dass ich vielleicht sterben muss. Nach diesen Erfahrungen die Augen aufzumachen, wieder Licht, meine Freundin und meine Tochter zu sehen, das war ein derart intensives Erlebnis, dass sich die Relationen verschoben haben. Ich war ganz einfach glücklich zu leben. Dennoch, Anfang Oktober wirst du aus der Reha entlassen. Der Alltag hat dich bereits jetzt schon eingeholt. Und damit auch die Erkenntnis, in Zukunft als Behinderter leben zu müssen. Das kann doch nicht spurlos an dir vorüber-gehen. Natürlich nicht, ich bin ja kein Roboter. Klar gab es sentimentale Momente. Zum Beispiel, als mir die 6000 Genesungs-E-Mails gegeben wurden. Ich habe diese Traurigkeit auch zugelassen. Doch diese Trauer hat mir nie die Energie für mein neues Ziel geraubt. Und das heißt: Ich will ohne die Hilfe anderer leben können. Ich muss körperlich fit werden, um ein verantwortlicher Familienvater sein zu können und im Beruf Erfolg zu haben. Also wieder das Thema Sport. Du zähltest zu den besttrainierten Motocross-Piloten der Welt. Körperliches Training bildete zwei Jahrzehnte eines deiner zentralen Lebensinhalte. Muss da nicht eine behindertengerechte Ersatzdisziplin diese Lücke ausfüllen? Überhaupt nicht. Meine sportliche Erfüllung habe ich gehabt. Ich habe das erreicht, was ich mit meinem Talent und meinem Ehrgeiz erreichen konnte. Das war beachtlich, und darauf bin ich stolz. Die Paralympics oder derartige Veranstaltungen reizen mich aber nicht im geringsten. Das heißt, deine Welt wird auch künftig nicht die der Behinderten sein. Ganz sicher nicht. Und zwar in jeder Beziehung. Ich will an meiner Leistung gemessen werden. Im Vergleich mit jedem anderen, der diesen Job auch machen könnte. Das dürfte deinen aktuellen und künftigen Arbeitgeber freuen. Wie man hört, bleibst du bei KTM. In welcher Funktion? Als Teamchef wie die meisten Ex-Fahrer? Nein. Es wird in Richtung Marketing und Sponsoring gehen. KTM hat viele Sponsoren. Die Kooperation mit diesen Firmen wird der Schwerpunkt meines neuen Aufgabengebiets sein. Vor allem auf internationaler Ebene. Darüber hinaus soll ich Bindeglied zwischen dem Werk und dem Motocross-WM-Team sein. Das entspricht zwar deinen bemerkenswerten kom-munikativen Fähigkeiten, klingt aber eher nach Büro als nach Rennstrecke. Wolltest du das so? Ja. Es macht wenig Sinn, den Fahrern auf den Rennen durch meine Person immer vor Augen zu führen, wie gefährlich unser Sport sein kann. Das heißt, du ziehst endgültig zu deiner Familie nach Simbach, das etwa 20 Kilometer vom KTM-Werk in Mattighofen entfernt liegt, und Pit Beirer wird endlich sesshaft? Das hört sich zwar makaber an, stimmt aber. Ich empfinde derzeit auch eine innere Ruhe, die ich vorher nie gekannt habe. Der sportliche Druck ist von mir gefallen, ich werde nicht mehr nur aus dem Koffer leben müssen. Das ist schon ein Stück zusätzliche Lebensqualität. Nur der Preis dafür hätte nicht so verdammt hoch sein müssen. Die Frage nach diesem Preis wird dir auch künftig sicher gestellt werden. Was wirst du jungen Fahrern oder besorgten Eltern sagen, die aufgrund deines Unfalls ins Grübeln gekommen sind? Wenn Motocross das ist, was ihr wirklich tun wollt, dann lebt euren Traum.

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