Interview

Der Motor der BMW G 650 Xcountry wird seit September 2007 beim chinesischen Motorradhersteller Loncin gefertigt und nicht mehr bei Rotax in Österreich. Warum ist das so – und warum wird das erst jetzt bekannt?
Der weltweite Bezug von Teilen und Komponenten ist bei BMW Motorrad – wie bei allen ande­ren Herstellern auch – ein ganz nor­maler Vorgang. Konkret ist der Teileeinkauf im asiatischen Raum ein geeignetes Mittel, um die durch den starken Euro bedingten Währungsnachteile – vor allem gegen-über dem Yen – kompensieren zu können. Wir schaffen so Spielraum in den Kostenstrukturen, um un-seren Kunden weiterhin Innovationen und technische Besonderheiten auch in der Mittelklasse anbieten zu können, in der ein aggressiver Preiswettbewerb herrscht. Darüber hinaus hat unsere Asienstrategie eine marktstrategische Kom­ponente. Noch gibt es in den auf­strebenden Ländern Asiens kaum einen Markt für großvolumige Motorräder. Wir sind aber zuversichtlich, dass sich das in einigen Jahren ändern wird. Und wir können in diesen Märkten erfolgreich sein, wenn wir dort unsere Marke frühzeitig etablieren und uns mit Aktivitäten und Produkten aus dem Hause BMW Motorrad recht­zeitig einen Namen machen. Zum zweiten Teil der Frage: Wir haben das im Herbst auf der Eicma in Mailand kommuniziert – und damit weit vor der Auslieferung der ersten Modelle mit Loncin-Motor.

Ist dies als der Anfang einer intensiven Zusammenarbeit zu betrachten, die über dieses Modell hinausgeht?
Gerüchte sprechen gar von einer BMW-Beteiligung an Loncin.
Loncin ist seit Mitte 2007 bereits Betreiber des Boxer Cafés in Chongqing. Das Boxer Café ist neben Peking der zweite Vertriebsstützpunkt in China. Loncin ist damit Vertriebspartner und soll in diesem Jahr auch Importeur für BMW-Motorräder für China werden. Es gibt derzeit keine weiteren Projektentscheidungen, aber wir schließen langfristig nicht völlig aus, die Zusammenarbeit mit Loncin auszubauen. Über eine Beteiligung zu sprechen ist jedoch abwegig.

Wie hoch ist die Kostenersparnis pro Motor, die sich aus der Verlagerung ergibt?
Das sind interne Zahlen, über die wir extern nicht sprechen.

Werden diese Einsparungen durch die jüngste Preissenkung komplett an die Kunden weitergegeben?
Die Preismaßnahme hat ursächlich nichts mit dem Motor aus chinesischer Produktion zu tun, denn abhängig von der Bevorratung der Märkte beziehungsweise der Händler wird es die G 650 Xcountry eine gewisse Zeit auch noch mit Rotax-Motor geben. Die Preisstaffelung haben wir aufgrund der Einführung der Zweizylinder-Funduro F 650 GS angepasst. Mit dem neuen Grundpreis von 6900 Euro wendet sich die G 650 Xcountry nun noch mehr an junge Zielgruppen, die wir bisher nicht erreicht haben.

Weist der neue China-Motor im Vergleich zum Rotax-Aggregat technische Unterschiede auf oder sind alle Teile austauschbar?
Der Motor ist konzeptionell und konstruktiv nahezu baugleich mit dem Rotax-Motor. Die Leistungsdaten sind mit denen des Rotax-Motors identisch. Bis auf die geringere Kupplungshandkraft beim Motor von Loncin ist kein Unterschied für den Kunden spürbar. Die Austauschbarkeit von Teilen ist bis auf wenige Ausnahmen nicht vorgesehen.

Wird der Motor komplett von Loncin in China produziert oder erfolgt dort nur die Montage?
Wie bei der Motorenproduktion allgemein üblich stellt Loncin Teile nicht nur selbst her, sondern kauft auch welche von internationalen Zulieferern zu und montiert diese in einer eigens eingerichteten Montagehalle.

Ist es für BMW vorstellbar, auch die Boxer- und Vierzylinderproduktion aus Berlin nach China zu verlagern? Oder dort komplette Motorräder bauen zu lassen?
Nein. Wir verlagern auch keine Produktion nach China, sondern wechseln nur den Produzenten beziehungsweise Lieferanten des Motors für die G-Baureihe.

Wird die Kooperation mit Rotax fortgesetzt, und wenn ja, wie lange?
Wir waren und sind mit der Zusammenarbeit mit Rotax sehr zufrieden.

Was bedeutet diese Tatsache bezüglich der oben gestellten Frage?
Dass der 800er-Zweizylinder weiterhin bei Rotax gefertigt wird.

Befürchten Sie keinen Imageschaden, wenn Sie in China produzieren lassen, weil gerade BMW-Kunden auf »made in Germany« Wert legen?
Wir beziehen kein Billigprodukt aus China, sondern einen Hightech-Motor, der nach BMW-Maßstäben gefertigt wird. Entscheidend ist die Qualität des Produkts und nicht seine Herkunft. Der Einzylindermotor wurde von unseren Ingenieuren nach den Maßstäben erprobt, wie sie für alle anderen BMW-Motorradmotoren gelten. Im Rahmen der Entwicklung haben wir auch kleine Optimierungen einfließen lassen. Wir sind sicher, dass der Einzylindermotor die Erwartungen unserer Kunden voll erfüllen wird.

Ist der Loncin-Motor qualitativ mit dem von Rotax gewohnten Niveau vergleichbar?
Für die Fertigung bei Loncin ist eine eigene, moderne Produktionslinie erstellt worden. Die Mitarbeiter arbeiten exklusiv für diese Linie. Durch Anwendung von BMW-Qualitätssicherungsmethoden und -Prozessen können wir die Qualität sicherstellen, die unsere Kunden erwarten.

Hat Sie der überschaubare Erfolg der G 650- und F 800-Baureihe veranlasst, die Kostenstrukturen neu zu überdenken und nach China zu gehen? Oder andersherum gefragt: Wäre die jüngste Preissenkung auch mit Rotax-Motor möglich gewesen?
Als Hersteller tut man gut daran, seine Kostenstrukturen perma­­nent zu überprüfen. Mit Blick auf die extrem schwachen Yen- und Dollar-Kurse hat es Sinn, Einkaufsaktivitäten außerhalb des Euro-Raums zu verstärken. Die Preismaßnahme bei der G 650 Xcountry ist allerdings in erster Linie in Zusammenhang mit dem Preis für die neue Zweizylinder-F 650 GS zu sehen.

Welche Stückzahlen und welche Modellvarianten haben Sie bei dem Loncin-Engagement ins Auge gefasst?
Es ist vorgesehen, dass zukünftig auch die Xmoto und die Xchallenge den Motor aus China bekommen werden. Zum Einsatz-termin können wir aber derzeit keine Aussagen treffen.

Die 450er wird komplett bei Kymco in Taiwan gefertigt und ist so gesehen ein noch deutlicherer Schritt Richtung Asien. Ist es in Zukunft vorstellbar, selbst Entwicklungsarbeit gen Osten zu verlagern?
Die G 450 X wird nicht bei Kymco, sondern im BMW-Werk in Berlin gefertigt. Lediglich der Motor kommt von Kymco. Das Konzept und die Entwicklung kommen von BMW Motorrad. Es geht also bei beiden Motoren-Projekten um die Umsetzung in der Produktion, der sogenannten Industrialisierung.

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