Interwie mit Claudio Castiglioni und Jim Ziemer (Archivversion) Tag X

Also doch: Harley-Davidson kauft MV Agusta. MOTORRAD-Mitarbeiter Alan Cathcart und sein Kollege Paul Carruthers sprachen mit Harley-Davidson-Chef Jim Ziemer und Claudio Castiglioni, Präsident von MV Agusta, am Tag der Entscheidung.

Wann fanden die ersten Gespräche mit MV Agusta statt?
Ziemer: Anfang dieses Jahres.

Wer ist an wen herangetreten?
Ziemer: MV ist auf uns zugekommen.
Castiglioni: Für mich ist es einer der stolzesten Momente meines Lebens, die Zukunft der glorreichsten Motorradmarke mit der ältesten zusammenzuführen. Der Einsatz von Harley-Davidson, MV Agustas Vormachtstellung unter den Sportmotor­rädern und seine Geschichte zu bewahren, haben mich zu diesem Schritt ermutigt. Jetzt wird die Welt die Folgen dieser Zusammenarbeit sehen, und zwar in Form schöner, aufregender und einzigartiger neuer Modelle.

Wieso kauft Harley-Davidson MV, wenn man schon die Marke Buell besitzt, die bereits für sportliche Ableger zuständig ist?
Ziemer: Gute Frage. Das Sportmotorrad-Segment ist groß, sein Anteil liegt bei etwa 60 Prozent am Weltmarkt. Innerhalb dieses Segments gibt es viele verschiedene Kunden, Fahrstile, Motorradtypen, Vorlieben, die man berücksichtigen muss, um erfolgreich zu sein. Buell und MV spielen erstens in zwei verschiedenen Preisligen, bedienen zweitens verschiedene Kunden. Und drittens: MV Agusta ist sehr erfolgreich in Europa. Für uns eröffnet das die Möglichkeit, präsenter in Europa zu sein – als Marke und mit unserem Marketing. Es sind viele Gründe, weshalb wir über Buell hinausgucken. Buell ist erfolgreich in einer bestimmten Nische. Im gesamten Segment sind aber viel mehr Kunden vertreten, die wir zu erreichen versuchen.

Das Paket mit MV enthält auch Cagiva. Gibt es Pläne, die Marke als Enduro-Anbieter zu positionieren?
Ziemer: Die MV Agusta- und Cagiva-Familie ist nicht nur eine starke Marke, sondern eine starke Marke mit starker Technologie. Wir werden die Produkte im Auge behalten und uns überlegen, was wir daraus machen können. Klar ist: Jetzt stehen sie finanziell nicht mehr so unter Druck.
Castiglioni: Cagiva war nicht nur bloß ein Hersteller von Motocross-Bikes, sondern auch ein Weltmeister, der nahezu alles gewonnen hat und damit zeigt, welches Know-how in Varese vorhanden ist. Jetzt ist es Sache von Harley-Davidson, darüber zu entscheiden, wie es damit weitergeht.

Cagiva entwickelt gerade einen 650-cm³ Einzylinder. Sehen Sie darin die Entwicklung einer Einzylinder-Familie von MV oder die eines Streetbikes von Harley-Davidson?
Ziemer: Wir werden versuchen, die Marke MV erfolgreich auszubauen, besonders in Europa. Motorräder sind das Herz, die Seele und die Leidenschaft von Harley-Davidson, Buell und MV Agusta. Alle drei haben fantastische Produkte, die viele Kunden faszinieren. MV und Cagiva genießen ein hohes Ansehen in Europa. Sie sind Synonyme für schöne italienische Premium-Motorräder.

Werden MV-Produkte unter dem Namen Harley-Davidson verkauft?
Ziemer: Wir haben MV gekauft, damit die Marke von unserem Management, Marketing, Verkauf und unserer Herstellung profitiert. Ich denke, damit kann MV wachsen, und das ist es, was uns momentan interessiert.

Ist Massimo Tamburini ebenfalls in dem Paket enthalten?
Ziemer: Wir haben einen Vertrag mit ihm, so dass er weiter für die MV-Agusta-Gruppe Motorräder entwickelt.

Wie wird das Unternehmen geführt? Richten Sie ein amerikanisches Management in Italien ein?
Ziemer: Ich stelle ein Team zusammen, das die Übernahme abwickelt. Dann wird es in Abstimmung mit Herrn Castiglioni einen eigenen Manager für MV geben.

Wie sieht Herrn Castiglionis Einfluss aus?
Ziemer: Er wird der Aufsichtsratsvorsitzende und sich um Forschung und Entwicklung sowie um den Motorsport kümmern.
Castiglioni: Ich interessiere mich für Motorräder, dafür, Träume auf zwei Rädern wahr werden zu lassen. Harley als Partner zu haben erlaubt mir, mit Leuten zusammen­zuarbeiten wie Tamburini, Mascheroni, Goggi – dem ganzen Team, das wir hier zusammen haben. Ich kann das tun, was mir liegt und was mir große Freude macht: die Entwicklung von Motor­rädern wie zum Beispiel der F4, der 1078 RR Brutale oder der F3 und F1 überwachen.

Gibt es Pläne mit MV Agusta für ein Motorsportprogramm?
Ziemer: Das müssen wir uns im Detail noch einmal anschauen. Klar ist, MV hat eine erfolgreiche Rennsport-Geschichte. Natürlich haben wir das im Blick.
Castiglioni: Eins nach dem anderen. Ich weiß, dass sich Harley-Davidson der Bedeutung und Herausforderung des Erbes von MV Agusta bewusst ist.

MVs größte Probleme liegen in der Herstellung. Wie wollen Sie die in den Griff bekommen?
Ziemer: Ein Ansatz liegt darin, die Verkaufszahlen zu erhöhen. Dafür werden wir die Produktion ankurbeln und den Vertrieb und das Händlernetz stärken. Natürlich müssen wir allgemein einen Blick auf die Produktion werfen, was sie herstellen und wie sie das tun. Herr Castiglioni und sein Team haben eine große Leidenschaft für Motorräder, und das gilt im gleichen Maße für die Kunden. Genau deshalb ist es eine Bereicherung für uns. Wenn ich mir Harley, Buell und MV Agusta anschaue, sehe ich Leidenschaft und Hingabe zum Motorsport und zum Motorradfahren. Das teilen wir am meisten. Wir werden diese Leidenschaft so steuern, dass wir alle erfolgreich sein können.

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