Finale: Unterwegs mit Marco Simoncelli Italian Legendary Tour 2011

Beim Großen Preis von Malaysia verunglückte Marco Simoncelli tödlich. Wenige Wochen zuvor erlebte MOTORRAD-Fuhrparkchef Rainer Froberg den Rennfahrer ganz hautnah auf einer entspannten Tour durch Italien.

Foto: Froberg

Der Sonntag war fantastisch. Es war einer dieser goldenen Oktobertage. Zu schade, um ihn vor dem Fernseher zu verbringen. Nur kurz schalte ich ein, um mit Bradl mitzufiebern: Wird er in Malaysia den WM-Titel holen? Beim MotoGP-Lauf steige ich schon wieder aus. Stoner hat die Weltmeisterschaft in der Tasche, Rossi wird wohl weiter chancenlos bleiben, was soll da noch passieren? Nach dem Warm-up schalte ich aus, Tochter Mara sitzt schon im Auto, wir kurven über eine sich goldgelb verfärbende Schwäbische Alb, genießen jede Minute in der Sonne. Ein klasse Tag. Ausgehungert kommen wir nach Hause. Ich richte gerade das Abendbrot, als ich meine Frau aus dem Wohnzimmer rufen höre: „Rainer, komm mal. Marco Simoncelli ist tot!“ Wie in Trance sitze ich vor dem Fernseher, sehe den Sturz, den Zusammenprall mit Colin Edwards und Rossi, den regungslosen Körper auf der Strecke. Tot? Nein, nein, das kann doch nicht sein, denke ich, das geht doch gar nicht. Mein Magen krampft sich zusammen, ich möchte am liebsten kotzen.

Rückblende, Italien, wenige Wochen zuvor. Seit zwei Tagen bin ich mit 80 Menschen aus aller Welt auf dem Motorrad unterwegs. Eine fröhliche Truppe, Gewinner der „Italian Legendary Tour“, organisiert von Dainese. Es ist mehr als eine Werbeveranstaltung für die italienische Bekleidungsmarke. Es ist eine Werbeveranstaltung fürs Motorradfahren. Egal, ob wir an Tankstellen halten, durch abgelegene Alpendörfer fahren oder mitten auf einer belebten Piazza halten: Die Menschen kommen und staunen. Winken, bilden Gassen, wenn wir wieder aufbrechen. Es ist einmalig. Natürlich auch, weil der Trupp von prominenten Tourguides angeführt wird: Giacomo Agostini, ein echter Volksheld, bei dem selbst eine Signora vom Typ Sophia Loren die Contenance verliert und kurz davor ist, in Ohnmacht zu fallen. Oder Carl Fogarty, der alte Haudegen, der den Italienern ob seiner Verbundenheit zu Ducati so vertraut ist. Viermal holte der Engländer für die Roten den WM-Titel bei den Superbikes. Damit ist man auch schon Italiener - ehrenhalber.

Heute Abend aber soll es wieder ein echtes Heimspiel werden. Wir sind vom Gardasee zum Lago Maggiore gekurvt. Ein Boot bringt uns zum Abendessen auf die Isola Pescatori. Über den Tischen brummt internationales Sprachenwirrwarr. Plötzlich wird es still, es folgt Klatschen. Alle drehen sich zu einer Person um, die gerade das lauschige Gartenrestaurant betreten hat: Es ist Marco Simoncelli, im Arm hält er seine Freundin Kate.

Freundlich lachend, vielleicht etwas schüchtern winken beide in die Runde, setzen sich irgendwo dazu. Ohne große Reden oder Gesten geht das gemeinsame Essen weiter, der schnatternde Lärmpegel steigt wieder an, mittendrin die unverwechselbare Lockenpracht. Vor dem Lokal höre ich die Dorfjugend rufen: „Marco, Marco!“

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Foto: Barbanti

Er steht auf, erfüllt grinsend die Autogrammwünsche: „Va bene?“ - „Grazie.“ Auf dem Weg zurück zum Boot steige ich als Letzter ein und stehe plötzlich zusammen mit Marco und Kate am Heck. Wir lachen uns an, radebrechen kurz in einem witzigen Englisch-Italo-Mix: Alles okay, hat es geschmeckt, wie sind die Bikes, macht die Tour Spaß? Das reicht für den Augenblick, das Boot tuckert über den dunklen See, am Ufer glitzern bunte Lichter. Marco hält Kate fest im Arm, und auch ich genieße die fast schon andächtige Stimmung. Ein kurzer Händedruck zum Abschied: „Buona notte!“

Pünktlich um acht am nächsten Morgen sitzt er wieder am Frühstückstisch, wir winken uns kurz zu: „Ciao, alles klar?“ „Si, si tutto bene!“ Wenig später stehen alle Teilnehmer der Tour an den Bikes. Natürlich ist der Lockenkopf der Magnet. Bitte noch ein gemeinsames Foto, ein Autogramm auf die Kombi, den Helm, das T-Shirt. Dann verschwinden die Locken im Helm. Und plötzlich ist Marco Simonelli nur noch ein Motorradfahrer unter vielen. Einer, der seine Freundin hinter sich auf die Honda CB 1000 R gesetzt hat und an einem sonnigen Tag eine schöne Runde drehen will. Wie alle anderen auch. Ein lautes Wirrwarr aus Motoren springt an. Rasselnde Ducatis, heiseres Vierzylinderwummern aus Brutale und F4.

Im Gebirge zieht sich der Trupp wie eine gigantische Perlenkette auseinander. Doch sobald es in kleine Ortschaften geht, drängelt und schart sich die Meute an jeder roten Ampel um den prominenten Tourguide. Sehnlichster Wunsch: beim Wechsel auf Grün für ein paar 100 Meter dem Heck von Marcos Honda folgen. Und jeder, der es geschafft hat, wird diesen Moment sein Leben lang gespeichert haben. Der Tag verfliegt. Viel zu schnell. Obwohl wir schon über 300 Kilometer auf kleinsten Passstraßen abgespult und stundenlang im Sattel gesessen haben. Es könnte noch ewig dauern, doch wir haben das Ziel unserer Tour erreicht. Zum Finale ziehen wir im Konvoi in Turin ein, eskortiert von der Polizei, die Kreuzungen abriegelt und uns ohne Stopp ins Zentrum auf die weltberühmte Piazza San Carlo leitet. Marco zieht den Helm ab, schüttelt seine Lockenmähne und ist wieder sofort umringt von einer Menschentraube. Dann geht er, mit Kate an der Hand. Winkt wie bei seiner Ankunft noch einmal lachend in die Runde: Grazie, das war toll. Ciao, Marco …

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