Kasten Superbike (Archivversion) Der Sound des Südens

Waren es in den Anfängen dieser attraktiven Rennklasse ausnahmslos japanische Vierzylinder, die das bunte Treiben beherrschten, hat sich im Lauf der Jahre eine massive Machtverschiebung von Ost nach Süd ergeben. Den Ton geben seit längerem die Italiener an, und seit neuestem gleich in Stereo. Zumindest im öffentlichen Leben hat die Aprilia RSV mille ihre Reifeprüfung mit Bravour abgelegt. Mit dem Lob der gesamten Weltpresse und zahlreichen Siegen bei verschiedenen Vergleichstest im Rücken tritt sie beim großen Master Bike mit einem gesunden Selbstvertrauen auf. Doch Vorsicht, Hochmut kommt vor dem Fall.Und so soll es tatsächlich geschehen. Auch wenn es sich bei einem Rückstand von 17 Hundertstelsekunden nicht um eine schmerzliche Niederlage handelt, die Mille verpaßt den Einzug ins Finale. Dabei erntet die italienische Newcomerin durchweg beste Noten in der Einzelbewertung der kritischen Testpiloten. Ob Motorleistung, Federung, Fahrstabilität oder Bremsanlage, die Testmannschaft zeigt sich begeistert. Das tolle Handling wird ebenso positiv erwähnt wie die entspannte, streßfreie Sitzposition und der für Sportlerverhältnisse recht gute Windschutz. Von den bei früheren Tests auffälligen, störenden Vibrationen hat erstaunlicherweise keiner der Fahrer etwas in seinem Bewertungsbogen vermerkt.Überraschend knapp muß sich auch der einzige Vierzylinder im Feld geschlagen geben. Die schnelle Strecke kommt der Suzuki GSX-R 750 sehr entgegen. Endlich kann das Drehzahlband des Einspritzers über den gesamten Bereich genutzt werden. Beim Beschleunigen aus den langen, gleichmäßigen Radien läßt sich bei knapp 8000/min das Gas gefühlvoll anlegen. Dann mit moderatem Zug am Hinterrad sanft, aber bestimmt aufziehen, um am Kurvenausgang bereits mit optimaler Drehzahl und voller Leistung auf die nächste Gerade zu feuern. Und erst wenn dieser am Limit der Reifenhaftung betriebene Akt vollzogen ist, muß man sich dank des unglaublich drehfreudigen GSX-R-Herzens auf den nächsten Schaltvorgang konzentrieren. Leichte Kritik handelt sich dagegen das Fahrwerk ein. Der 750er mangelt es ein wenig an einer strafferen Abstimmung der Federelemente. Sie läßt es vor allem hinten an der Stabilität vermissen, mit der die 600er zu überzeugen wußte. Außerdem ist gegen Ende jedes Fünf-Runden-Turns ein deutliches Fading der Sechskolben-Bremsanlage zu verspüren.Nur wenig Zuspruch gibt es für die Suzuki TL 1000 R. Obgleich ihr Motor mit der gleichen Punktzahl wie das Aprilia-Triebwerk bewertet wird, bleibt sie ein ungeliebtes Kind. Es ist wie schon so oft das Fahrwerk, das der TL 1000 R die Tour ordentlich vermasselt. Kaum ein häßliches Attribut, das in diesem Zusammenhang nicht über die Lippen der Tester kommt: schwerfällig, unpräzise, instabil, unsicher. Die schwammige Gabel verhindert ein zielsicheres Einlenken, die schlechte Rückmeldung zum Fahrer eine beherzte Kurvenfahrt, und die stark pumpende Hinterhand beim Beschleunigen sorgt für Rührbewegungen bis weit in die nächste Gerade hinein. Beim Anbremsen macht sich dann auch noch das Übergewicht der Sportlerin negativ bemerkbar. Einmal in Schräglage, fällt es schwer, Lenkkorrekturen auszuführen. Eine enge Linie zu halten ist mühsam, die TL strebt ständig zum äußeren Kurvenrand hin. Schade, vor allem für diesen mit 132 PS gemessenen Kraftprotz von Zweizylinder. Daran könnten sich selbst die Italiener noch eine ordentliche Scheibe abschneiden.Denn mit ihren 118 Pferdchen markiert die Ducati 996 das Schlußlicht in dieser Klasse. Dennoch zeigt sich die amtierende Weltmeisterin (auch dieses Jahr mit Carl Fogarty im Sattel eine Klasse für sich) in allerbester Laune. Der Kurs scheint ihr auf den Leib geschneidert zu sein. Die schier unendlich lange Rechtskurve nach der ersten Schikane ist mit der Ducati ein wahrer Genuß. Die wenigen, an dieser Stelle aber sehr unangenehmen Bodenwellen sind wie vom Erdboden verschwunden. Traumwandlerisch sicher und ohne den geringsten Wackler meistert die Italienerin diese haarige Stelle. Wie mit dem Zirkel gezogen hinterläßt sie ihre schwarzen Radierungen am Ausgang der engen Bergab-Linkskurve. Scharf wie ein Messer schneidet sie durch die anschließende Bergauf-Schikane. Wie schon bei der 748 überrascht auch hier die bissige und vor allem gut zu dosierende Bremsanlage der direkt aus Italien angelieferten Maschine. Ob da wohl endlich jemand den Ducatis mit ordentlichen Bremsbelägen auf die Sprünge geholfen hat? Fakt ist jedenfalls, daß die 996 trotz Leistungsdefizit sehr souverän ins Finale zieht.

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