Katalogteil: Alle aktuellen BMW-Modelle (Archivversion) Weißblaue Geschichten

Vom knuddeligen Kabinen-Roller über die versammelte Boxer-Clique bis zum vierzylindrigen Kreuzfahrtschiff. In der BMW-Motorradfamilie tummeln sich allerhand Charakterköpfe.

Anfang der 80er Jahre sah es für die BMW Motorrad GmbH nicht gerade rosig aus. Mit den vergleichsweise historisch anmutenden Zweiventil-Boxern war den in alle Richtungen expandierenden Japanern mit ihren überbordenden Modellprogrammen inklusive Schwindel erregend schnellen Modellwechseln nur schwerlich beizukommen. Ausnahme: die G/S-Modelle. Sie etablierten die Gattung Großenduro am Markt und schärften mit gloriosen Rallye-Siegen das Profil der Weißblauen.Anno 1983, pünktlich zum 60. BMW-Motorrad-Geburtstag, präsentierten die Münchner mit der vierzylindrigen K-Reihe etwas für sie vollkommen Neues und legten gleichzeitig ein deutliches Bekenntnis pro Motorrad ab. Weitere zehn Jahre später erschien mit der R 1100 RS der Vierventil-Boxer samt Paralever-Fahrwerk. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte die BMW Motorrad GmbH 1200 Mitarbeiter, 900 davon in der Produktion. Heute arbeiten von 2600 Mitarbeitern des gesamten Geschäftsbereichs Motorrad 1800 im Werk Berlin-Spandau. Nachdem die F 650 GS im Gegensatz zur Vorgängerin nicht mehr bei Aprilia in Italien vom Band läuft, kommt mittlerweile die gesamte Modellpalette aus der Hauptstadt. Einzig die C1-Roller entstehen noch jenseits der Alpen bei Bertone. Trotzdem bleibt auch dieses Nischenprodukt, eigentlich eine Entwicklung der Autotochter M-GmbH, einem BMW-Grundsatz treu: Einspritzung und G-Kat für alle, Antiblockiersystem mindestens als Option – die bis zu 95 Prozent der Kundschaft nutzen. Seit dem ersten ABS-Einsatz 1988 entwickelten die Münchner - im Gegensatz zum Großteil der Konkurrenz – ihre Blockierverhinderer weiter. Heute verbaut BMW nicht ein Universal-ABS, sondern bietet drei Varianten vom leichten, preisgünstigen, digital regelnden System der Einzylinder-Modelle inklusive C1 über das analoge ABS II in R 850 R und R 1150 GS bis zur dritten ABS-Generation in den übrigen Modellen. Dieses Integral ABS getaufte System wartet mit elektrisch-hydraulischer Bremskraftverstärkung auf – einmalig in der Zweiradwelt. Hilfestellung bei harschen Stopps leistet die stabile Telelever-Front mit ihrem nahezu vollständigen Bremsnickausgleich. Stichwort Telelever: Neben der hundertprozentigen Verfügbarkeit von G-Kat und ABS stellt die Fahrwerkstechnik der R- und K-Reihe eine Besonderheit dar. Selbst wenn das Baukastenprinzip nur rudimentär ausgeprägt ist. So trägt die R 1150 RS sogar nach dem 2001er-Facelift die erste Telelever-Variante, deren Lenker im Gegensatz zu den Geschwistern mit Kippentkopplung bei Federbewegungen der Vorderhand mit der Gabelbrücke um das Kugelgelenk der oberen Teleleverlagerung schwenkt. Beim Roadster R 1150 R ist solcherlei Gekippe kein Thema, er ist darüber hinaus sogar mit einem gewichtserleichterten A-Lenker am Telelever bestückt. Weniger auf Gewicht als vielmehr Stabilität zielt der Alurahmen der R 1100 S, die dem Sportboxer das nötige Rückgrat verleiht. Mit Aluminiumbrückenrahmen warten die beiden Vierzylinder K 1200 RS und LT auf. Während deren Vierzylindermotoren bis auf den liegenden Einbau konventionell gerieten, mutet speziell die Ventilsteuerung des Boxers exotisch an: Zunächst treibt eine mit halber Kurbelwellendrehzahl operierende Vorgelegewelle per Kette die beiden jeweils halbhoch im Zylinder liegenden Nockenwellen an. Diese wiederum steuern via zweier kurzer Stoßstangen und Gabelkipphebeln die vier Ventile.Da ein konventionelles DOHC-System mehr Platz und damit Baubreite benötigen würde, bleibt das Thema Ventilsteuerung auch für zukünftige Boxer akut. Wie etwa die Königswelle. Sie hat Tradition bei BMW, so war Rennlegende Schorsch Meier mit einem Königswellenboxer 1938 in der Europameisterschaft und ein Jahr später bei der Senior TT auf der Isle of Man siegreich. Noch heute sorgt der Auftritt einer RS 500 von 1954 für feuchte Augen und massierte Gehörgänge, wie Ralf Schneider und Co. ab Seite XXX zu berichten wissen. MOTORRAD hat bereits vor einiger Zeit (Heft 7/2001) skizziert, wie ein moderner Sportboxer für die Straße aussehen könnte. Egal, ob mit direktem Antrieb der Nocken- über die Königswelle oder per Kipphebel respektive Zwischenwelle, ein schmaler, leistungsstarker Boxer wär’ der Hit, mit angeflanschtem Roots-Kompressor begäbe man sich in Schorsch Meiers Fußstapfen und auf direkte Schlagdistanz zur potenten Konkurrenz.Wer weiß, nach der BMW-Zeitrechnung wäre 2003 eine neue Motorengeneration fällig. Vielleicht überraschen die Bayern pünktlich zum 80. Geburtstag der Motorrad-Abteilung mit einem echten Hightech-Boxer. Oder einem quer eingebauten Reihenvierzylinder. Schaun mer mal.

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