Katalogteil: Enduros Wir machen den Weg frei

In der Gunst des motorradelnden Volkes stehen Enduros derzeit nicht sonderlich hoch im Kurs. Der Markt verlangt nach chromblitzenden Choppern, und die Importeure reagieren: hieven einen Flachmann nach dem anderen auf die Modellpalette, wobei so manche Enduro hinten runterkippt. So hat´s bei Kawasaki die KLX-Reihe erwischte, bei Honda die NX 250, und Yamaha gab der XT 350 den Laufpaß.Allein die bayerischen Erddinger verbuchen weiterhin erfolgreiche Verkaufszahlen. Laut Zulassungsstatistik (Januar bis September 1995) belegt BMW mit den Modellen R 1100 GS und F 650 Platz zwei respektive fünf der Bestsellerliste. Danach meldet sich erst wieder auf Rang 25 eine Enduro zu Wort, und zwar die XT 600.Die Aprilia Pegaso 650 muß sich trotz nächster Verwandtschaft zur BMW F 650 mit wesentlich niedrigeren Verkaufszahlen bescheiden - obschon um 1800 Mark günstiger. Die familiäre Beziehung der Singles beruht auf ihrer gemeinsamen italienischen Geburtsstätte: Beide werden bei Aprilia zusammengebaut. Überdies verbindet sie der modernistische Begriff Funduro, der besagt, daß hier zwei bedingt geländetaugliche Spaßvögel auftreten. Befeuert werden die funny Bikes von 48 PS starken Rotax-Motoren.In Gestalt der R 1100 GS schufen die Bajuwaren einen wahren Stollen-Koloß: Trotz absenkbarer Sitzhöhe (860/840 Millimeter) wendet er sich nur ausgewachsene Personen zu, da er ungeheuer schwer und sein Schwerpunkt ungeheuer hoch geraten ist. Solange die Fuhre rollt - kein Problem. Alles andere will jedoch geübt sein, hauptsächlich im Gelände. Wobei die 1100er ohnehin kaum zum Offroadeln taugt. Aus dem Programm nicht mehr wegzudenken sind die Zweiventil-Boxer-Abschiedsmodelle. Von der R 100 GS Paris Dakar trennen wir uns nun auch schon seit geraumer Zeit - aber sie geht nicht.Dafür ging die Cagiva W 12 - und sagte kein einziges Wort. Die W 8, ein aggressiver, 24 PS starker Zweitakter, hielt sich wider Erwarten im Programm. Unter der Angebotsfülle verspeckter Enduros sticht auch die relativ leichte W 16 als Pursitin hervor. Sonderlich handlich oder gar sportlich ist die 650er indessen nicht. Der betagte Einzylinder erweckt lediglich 34 PS zum Leben.Doppelt soviel Power bringt die Elefant 900. Die 2000 Mark Preisunterschied zur Elefant 750 rechtfertigt sie durch acht PS mehr Leistung, eine bessere Gabel und eine Doppelscheibenbremse am Vorderrad. Nach Ducati-Manier werden die Ventile der Zweizylinder-Motoren per Desmodromik betätigt.Mit der XR 400 R präsentiert Honda eine echte Hardcore-Enduro. Eindrucksvolle Eckdaten untermauern deren ernsthafte Absichten: 35 PS, 121 Kilogramm, 280 Millimeter Federweg vorn und 300 hinten - das hört sich verdammt cross an. Ärgerlich, daß der Viertakter ohne Zulassung verkauft wird. Die NX 650 Dominator kommt 1996 mit aufgepeppter Plastikschale und leicht abgemagerter Leistung daher, doch dürfte dies an ihren rundum bewährten Qualitäten nichts ändern. Schön - für die NX als Enduro -, daß sie sich im Gelände fast so wohl fühlt wie auf Asphalt. Von der XL 600 V Transalp läßt sich selbiges nicht behaupten, sie führt nach wie vor ein Dasein als Reiseveranstalterin. Der kultivierte V2 eignet sich prima als Touristen-Schlepper, sein kommodes Drumherum nicht weniger. Ganz ähnlich die Africa Twin, nur daß die 750er von allem noch ein bißchen mehr hat: mehr Leistung, Verkleidung, Tankinhalt und Gewicht. Mehr Komfort verspricht die neue Sitzbank.Bei Kawasaki schrumpfte das Gelände-Kabinett auf zwei Maschinen zusammen. Den Fun-Sektor deckt die KLE 500 ab, die trotz langer Federwege und Stoppel-Bereifung keine feste Beziehung zu losem Terrain unterhält. Der Twin wetzt viel lieber über Landstraßen. Um erdverbundene Geschichten soll sich die spartansich aufgebaute KLR 650 kümmern. Allerdings findet sich auch die viel besser im Asphalt-Dschungel zurecht.Umgekehrt verhält es sich mit den KTM-Modellen 400 und 620 LC 4: Eindeutig fürs Gelände gerüstet, mangelt´s den österreichischen Staubrittern eher an alltagstauglichen Attributen. Obschon inzwischen mit Ausgleichswellen bestückt, haften den Triebwerken ungeschliffene Manieren an. Mit ihnen auf große Fahrt zu gehen erfordert eine hohe Leidensfähigkeit.Krasses Gegenstück zu den harten Burschen aus Austria ist die MuZ Saxon Country, ein unspektakuläres Wald-und-Wiesen-Gerät. Ihren 500er Motor beherbergt die Sachsen-Lady in einem altbackenen Fahrwerk. Für 9460 Mark ist die MuZ entschieden zu teuer.Selbst eine brandneue Suzuki DR 650 SE kostet nur 530 Mark mehr, und dafür gibt´s eine rundum gelungene Maschine, die sich auf die wesentlichen Tugenden einer Enduro besinnt: wenig Gewicht, üppige Federwege, problemloser Motor, handliches Fahrwerk. Als Tourer will die SE nicht verstanden werden, diesen Part übernimmt die DR 650 RSE, deshalb führt sie eine kleine Verkleidung und einen großen Tank spazieren. Unter den hubraumträchtigen Erdferkeln nimmt die DR 800 Big eine Sonderstellung ein, da sie am leichtesten durch staubige Gefilde wedelt und außerdem Meisterin im Kurvenräubern und brave Reisebegleiterin zugleich ist.Für 16jährige hält Suzuki die DR 125 bereit. Besondere Merkmale: das Motörchen tickt im Viertakt und verfügt über einen E-Starter. So ein freundliches Knöpfchen findet sich inzwischen auch an der DR 350. Keine schlechte Idee, wird die Leichtathletin doch bevorzugt querfeldein gescheucht, und nach dem 17ten Kipper dürften selbst leidenschaftliche Kicker nicht mehr den großen Kick beim Antreten erleben.Daß Triumph die Figur krönt, ist ein alter Hut, welch gute Figur die Triumph Tiger als Reise-Maschine macht, muß sich erst noch herumsprechen. Mit 85 Pferdestärken liefert der Dreizylinder das stärkste Stück Motor in dieser Rundschau. Britische Zurückhaltung übt die 900er nur abseits befestigter Wege.Eine halb so schwere Yamaha DT 125 tut sich da erheblich leichter. Die crossmäßig aufgebaute Zweitakt-Enduro sehnt sich geradezu nach metertiefen Schlaglöchern. Allzu hitzig kann sie´s mit zwölf PS jedoch nicht angehen lassen. Also bleiben größere sportlichere Einlagen den TT-Modellen 600 S und E vorbehalten. Während die S bessere Federelemente besitzt, verwaltet die E einen E-Starter.Vom Klassiker XT 600, dessen Fahrwerk über weniger Nehmerqualitäten verfügt, gibt´s schlechte Neuigkeiten zu vermelden: Sein luftgekühlter Einzylinder-Motor erlitt einen schweren Krafteinbruch. Nurmehr 40 statt 45 PS stark, driftet der Single langsam auf Stufenführerschein-Niveau ab. Von der Leistungs-Schwindsucht wurde auch die XTZ 660 befallen, doch nicht ganz so hart: Der Fünfventiler verlor von seinen 48 PS lediglich zwei. Ansonsten ist die Ténéré wohlauf, verwöhnt mit geschliffener Laufkultur und kommodem Fahrwerk. Für eilige Transporte von A nach Z hält sich die 750er Super-Ténéré bereit. 69 PS stark, zeigt sich der Zweizylinder so fit wie eh un je. Blitzschnell macht sich das Wüstenschiff aus dem Staub. Schneller als man...

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