Kawasaki ER-5 (T) (Archivversion)

Hauptsache gesund

... hat Mama immer gesagt, wenn sich die Reichen und Schönen dieser Welt zum Golfen trafen.–––––

Wer nicht direkt auf sie gewartet hat, wird ihre Ankunft kaum bemerken. Durchschnittsgesicht. Statur: eher klein, aber wohlproportioniert. Besondere Kennzeichen? Keine. Alles sehr normal. Sehr geläufig. Nichts, was den Blick bannte. Man glaubt, sie schon häufiger gesehen zu haben. Und doch: Sie ist«s. Die Neue von Kawasaki. Die mit der ungewohnten Bezeichnung ER-5.Schön? Ob sie schön ist? Wer will das beantworten? Überhaupt: Was ist denn schön? Gottfried Keller sagte einmal, das Schöne sei »eine reiche Idee, dargestellt mit Zweckmäßigkeit, Klarheit, gelungener Absicht«. So gesehen ist die ER-5 ganz schön schön. »Eine reiche Idee« - auf jeden Fall. Wenn man nur bedenkt, welche Verkaufserfolge Honda, Suzuki und Yamaha mit den Sonderangeboten CB 500, GS 500 und XJ 600 feiern. Reich machende Ideen - allesamt. Und die ER-5 zielt in genau die gleiche Richtung: »Zweckmäßigkeit, Klarheit« - nichts, was den Preis unnötig in die Höhe triebe. Keine Verkleidung. Kein aufwendiges Design. Bewährte Technik, keinerlei Risiko. Ein Motorrad, das läuft. Nicht mehr und, vor allem, nicht weniger.8490 Mark - doch es ist wirklich alles dran, sogar eine abschließbare Sitzbank, Haupt- und Seitenständer, ein solider Haltegriff am Heck, Gepäckhaken. Gespart wurde woanders: an Bremsen, Telegabel und Federbeinen beispielsweise. Auch Schwinge und Räder sehen irgendwie nach Kaufhalle aus. Schalthebel, Tankdeckel, Sitzbankbezug, so viele Kleinigkeiten wirken - ja - bedürftig. Nun - auf Niedrigpreisniveau weht halt ein eiskalter Wind. Da ist nichts mit luxeriöser Wertigkeit. Und solange die Sachen funktionieren - was gibt´s da groß zu meckern?Richtig Kohle konnte Kawasaki durch einen ganz besonderen Kniff auf die hohe Kante legen: Der Motor - er war schon da, verbrauchte so gut wie keine Entwicklungsenergie. Seit elf Jahren steht der Zweizylinder in den Diensten des Hauses, anfangs noch mit 450 Kubik, und wurde inzwischen über 150000 mal reproduziert. Dieser Tage befeuert er die sportliche GPZ 500 S, den Chopper EN 500, das Funbike KLE 500 und jetzt eben auch noch die ER-5. Für seine Tätigkeit als ER-Antrieb wurde der Doppelnocker auf ein besseres Ansprechverhalten im unteren und mittleren Drehzahlbereich sowie exakte Schaltarbeit konditioniert. Und der Umwelt zuliebe arbeitet er mit einem Abgasreinigungssystem namens KCA, das per Frischluftzufuhr den Ausstoß an Kohlenmonoxid und unverbranntem Kohlenwasserstoff reduziert.Er geht nicht schlecht, dieser Vierventiler. Kommt gut aus dem Quark, zieht ordentlich an und sauber durch. Kein Kraftmeier - gewiß. Aber auch kein schwindsüchtiges, atemloses Klappergerüst. Einfach ein ganz normaler Halbstarker - 50 PS eben. Ausflüge in hohe Drehzahlregionen gehören nicht unbedingt zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Er kann, gewiß, doch will er nicht unbedingt. Lieber locker dahinbrummen, im fünften oder sechsten Gang. Das geht immer. Allerdings begleitet von deutlich spürbaren Lastwechselreaktionen. Und dann gibt«s da noch dieses kleine Handicap: Jedesmal, wenn der wassergekühlte Zweizylinder seine Elastizität unter Beweis stellen will, bleibt die Nadel des - unleugbar schönen - Drehzahlmessers auf Halbmast hängen. Um die 5000 Touren kommt einfach kein rechter Leistungsnachschub. Doch damit kann man leben. Ein-, zweimal runterschalten ist schließlich keine allzu große Anstrengung, schon gar nicht mit einem so tadellos funktionierenden Getriebe.Auch sonst zählt die ER-5 eher zur unanstrengenden Sorte Motorrad. Handlich? Oh ja. Und wie. Macht ihr Ding quasi allein. Wartet nicht auf nachdrückliche Anweisungen, sondern fügt sich. Bereitwillig. Ohne Wenn und Aber. Kaum haben die Sehnerven den Verlauf einer Kurve erspechtet, schon nimmt sie deren Spur auf. Die nächste Ecke - gerade in Sichtweite, schon schwenkt sie auf Kurs und ist rum. Flutscht beinahe zu leicht. Soll heißen: Zuweilen geht dieses gewisse Etwas flöten, dieses Gefühl ... wie soll man es nur nennen? Schwerkraft, vielleicht, Trägheitsmoment? Kleben, schwingen - wie auch immer. Die ER-5 vermittelt es jedenfalls nicht. Auf ihren schmalen Reifen schwirrt sie durch die Gegend wie einer dieser ferngesteuerten Spielzeug-Rennwagen. Ohne Anmut, aber sehr, sehr zackig. Und zielgenau. Die Federelemente funktionieren. Nicht gerade prächtig, aber sie tun«s. Obwohl eher auf Komfort getrimmt, verleihen sie der Maschine ein gehörig Maß an Stabilität. Okay, im Zweipersonenbetrieb schlagen sie hinten ab und an durch, so etwas soll in den besten Kreisen vorkommen. Übrigens: Unter Doppelbelastung wird die Maschine vorn herum ziemlich leicht. Etwas mehr Negativfederweg an der Gabel könnte also nicht schaden. Auch Leichtgewichte würden es danken, denn rasante Solo-Darbietungen der 50-Kilo-Klasse werden beim Beschleunigen auf welligen Pisten mitunter von dezentem Lenkerzucken begleitet.Stärkere Standrohre schadeten ebenfalls nicht - fühlt sich nämlich gar nicht so gut an, wie windschief die Maschine beim Bremsen daherkommt. Die schmächtige 37 Telegabel leidet enorm unter der Abwesenheit einer zweiten Bremsscheibe, verwindet sich gar fürchterlich. Die Einscheibenanlage selbst hat auch ihre Tücken, verzögert in kaltem Zustand eher zögerlich und beißt zu, wenn sie heiß ist. Gemeine Ausmaße erreicht dieses Charakteristikum allerdings nie.Unfeiner nimmt sich da eine andere Eigenart der ER-5 aus: Die Sache mit dem Aufsetzen. Gehen bei verwegeneren Schräglagen im Single-Betrieb die Fühler der Fußrasten auf Grund, ganz wie es sich gehört, so schraddeln beim Paarlauf Hauptständer und Auspuff-Sammler über den Asphalt, und das ist ganz und gar nicht nett. Paßt überhaupt nicht zu einem so freundlichen Motorrad.Freundlich, ja: Freundlich zu kleinen Menschen, wegen der niedrigen Sitzhöhe. Freundlich zu großen Menschen, wegen des ausreichenden Platzangebots. Freundlich zu bequemen Menschen, wegen des breiten Hochlenkers. Freundlich zu Hintermenschen, wegen des brauchbaren Rücksitzes. Unter ergonomischen Gesichtspunkten betrachtet, gibt es an der ER-5 nur eins zu bemängeln: Die Fußrasten dürften ein Stück weiter vorn montiert sein, da etwas zu viel Gewicht auf den Handgelenken lastet.Besser? Ob die neue Kawasaki besser ist als ihre Konkurrenz? Wer will das beantworten, ohne Netz und doppelten Boden. Der Vergleichstest in MOTORRAD 22/1996 wird die Antwort bringen. Fest steht allerdings jetzt schon: Schlecht ist sie nicht, die ER-5. Vor allem für so kleines Geld. Und die Sache mit der Schönheit - wer fragt noch danach, wenn der Funke einmal übergesprungen ist? Es gibt Wichtigeres. Doch wollen wir an dieser Stelle nicht religiös werden, denn: »Die Bewunderung des Schönen ist im Grunde ein religiöses Gefühl. Niemand kann echte Schönheit entdecken und genießen, der nicht religiös ist.« Was meinen Sie, wer das gesagt hat? Sie werden es nicht glauben: Das war ein gewisser Herr Suzuki.
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Kawasaki ER-5 (T) (Archivversion) - Mein Fazit

Mein Kollege Peter Limmert hat es auf den Punkt gebracht, fragte: »Warum nur biedert Kawasaki den anderen derart hinterher?« Wer die anderen sind, ist klar: CB 500 und Konsorten. Wenig aufregende Butter-und-Brot-Motorräder. Warum Kawasaki die Chance der späten Geburt nicht genutzt hat, bleibt allerdings unklar. Herdentrieb? Vielleicht. Nach dem Motto: So brachte die Konkurrenz ihre Schafe auch ins trockene. Nur ein klein wenig Phantasie - und die ER-5 hätte sich von der Masse abgehoben. Was soll«s: Hauptsache gesund. Und gesund ist sie, diese wendige 500er.

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