Kawasaki ER-6n/f mit ABS Gute Ergänzung

Deutschland im Dezember. Der richtige Zeitpunkt, die ums ABS ergänzten Kawasaki-ER-6-Modelle einzuführen: die nackte »n« und die vollverkleidete »f«. Damit sind beide zu 600 Euro Aufpreis von Anfang an bestens für Schmuddelstraßen gerüstet. Ein wichtiger Schritt. Kawasaki hatte seit der GPZ 1100, sie war Mitte der 90er Jahre ein Flop, kein Antiblockiersystem mehr im Programm. Von besonderer Bedeutung ist diese Technik in der Mittelklasse, in der viele Neu- und Wieder-
einsteiger engagiertes Bremsen lernen.
Denn ABS sorgt auch dann für kürzere Bremswege, wenn es gar nicht zum Einsatz kommt, fanden österreichische Wissenschaftler heraus. Bereits das Wissen, durch ABS vor einem Sturz wegen blockierender Räder geschützt zu sein, führt zu kürzen Bremswegen als ohne ABS. Ganz einfach, weil die Leute sich trauen, stärker zu verzögern. Vor allem bei Nässe agieren ABS-Fahrer allgemein souveräner.
Technisch hat Kawasaki auf ein bewährtes ABS von Bosch zurückgegriffen. Es tut bereits in der BMW F 650 GS und Ducati ST4 S sicheren Dienst und wurde für die quirlige Kawa neu abgestimmt. Das Steuergerät, das Vorder- und Hinterrad getrennt verrechnet, sitzt im linken Rahmendreieck unter der Sitzbank. Die gleichen Doppelkolben-Schwimmsättel und Be-läge wie bei der ER-6n ohne ohne Antiblockiersystem beißen auf schicke 300er-Wave-Bremsscheiben, hinten ein Ein-
kolben-Schwimmsattel auf eine 220er-Wave-Scheibe. Die ER-6n wiegt mit ABS moderate 202,5 Kilogramm.
Auffällig anders bei der ABS-Bremse sind ein großer Hebelleerweg und ein
matschiger Druckpunkt. In der Praxis funktioniert das Kawasaki-System sicher – selbst auf Schotter. Heftiges Pulsieren an Hebel und Pedal künden davon, dass
die ABS-Regelung im Einsatz ist. Einerlei, ob wegen rutschigen Untergrunds oder weil der Fahrer schlagartig vollen Bremsdruck aufbaut. Mit immerhin zehn Regelvorgängen pro Sekunde steuert die Elektronik das Bremsen feinfühliger als noch so routinierte Fahrer.
Eine sportlich-knackige Auslegung mit »harten« Regelvorgängen soll auch Brems-Profis zufrieden stellen. So erlaubt die
ER-6n trotz ABS minimale Radstillstände des Vorderrads, auszumachen am pfeifenden Pneu, sowie kleine Drifts beim Abbremsen des Hinterrads in Schräglage. Wer’s provoziert, kann mit kontinuierlich gesteigertem Bremsdruck allein an der Vorderbremse sogar leichte Stoppies auf Asphalt hinlegen. Für Schreckbremsungen im realen Leben von Otto Normalfahrer bleibt jedoch auch dieses scharf gesteuerte ABS ein echter Sicherheitsgewinn.
Irritierend ist allerdings eine Eigenheit des Bosch-Systems: Schlagartiges Loslassen des Bremsgriffs und sofortiges Nachfassen, etwa weil der Autofahrer schräg vor einem nach Zögern doch noch rauszieht, führt zu einer »Hebelblockade«. Dann steht offenbar das hydraulische
System zwischen Hauptbremszylinder und ABS-Druckmodulator unter Druck – nur ohne Bremsleistung. Und zwar über einen Zeitraum von bis zu einer knappen Sekunde, in welchem man keine neue Verzögerung aufbauen kann. Dies gilt unabhängig
davon, ob man vorher im Regelbereich
gebremst hatte oder nicht, und könnte
im Einzelfall wertvolle Meter kosten.
Trotzdem bedeutet ABS für die ER-6 eine gute Ergänzung. MOTORRAD wird eine vollverkleidete »f« im Dauertest über 50000 Kilometer bewegen und dabei auch dem Antiblockiersystem auf den Zahn fühlen. In Deutschland, im Dezember und an anderen Orten zu anderen Zeiten. tsr

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