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Kawasaki-Sammler Reinhard Maatz Blinker im Gemüsefach

Rund um klassische Kawasakis hat man schon so manches gehört. Aber noch längst nicht alles, wie das Oberstübchen von Reinhard Maatz beweist.

Bis zur Eingangstür scheint alles sehr normal. Die Gegend, das Wohnviertel, die Straße, das Grundstück. Auch Einfahrt und Garten wirken unverdächtig, der Hausherr sowieso. Mit offenem Grinsen und markigem Händedruck bittet Reinhard Maatz herein. Unter anderem besitzt er alle Kawasakis mit 750 cm³ und mehr Hubraum bis Baujahr 1979. „Echte Schmuckstücke, die musst du sehen“, hat einer gemeint, der Reinhard kennt, „Und der Typ ist voll verstrahlt.“ Also gut, es zählt zu den angenehmeren Wochenendbeschäftigungen, sich schöne Kawas anzuschauen. Jedenfalls besser als Rasenmähen. Nur wer ist hier, bitte, verstrahlt? Reinhard grinst ­immer noch, dann weist er nach oben. Nach oben? Man bleibt ja höflich und hält seinen Mund, aber meist ist es am schönsten, wenn es sofort zur Sache geht, und die Garage wäre doch gleich vorm Haus...

Ziemlich steil, die Treppe, und leicht gedreht. In der Einliegerwohnung unterm Dach angekommen, öffnet der 55-Jährige die erste Tür links, und wer jetzt nicht zuckt, der hat wirklich Nerven, denn das hast du noch nicht gesehen und ja, ja, ja, der Mann ist komplett verstrahlt: Wie aus einem Schmuckkästchen funkelt und blitzt es dem ungläubigen Betrachter entgegen. Metallen, poliert, verchromt, dicht an dicht und in diversen Lacktönen. Nach dem ersten Erstaunen rattern die grauen Zellen. Z-Vierzylinder, frühe und seltene. In außerirdischem Zustand. Im ersten Stock. Sechs an der Zahl sortieren sie sich vor eine sauber holzvertäfelte Dachschräge, dazwischen und daneben lagern diverse Motoren, unterfüttern das ganze Glimmen und Flirren mit ihrer technischen Eleganz. Makellos aufgebaut ist kein Ausdruck, und man beschließt in ehrfürchtiger Andacht: Jetzt bloß die Schnauze halten, hier hat einer Ahnung.

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Die Kunst parkt in der ­Küche

Reinhard geht vor. „Sonst sind die natürlich abgedeckt“, berichtet er treu. „Schon wegen des Lichts.“ Ist klar. Das sind hier nämlich gar keine Motorräder, man hat sich so was gedacht. Sondern Kunstwerke. Aber bevor Reinhard weiter erläutern kann, entdeckt der eintretende Besucher, dass im Hause Maatz die Kunst in der ­Küche parkt. Ein schmaler Gang nur trennt Kawas und Hauswirtschaftszeile. Arbeitsplatte, Hängeschränke, alles da. Ob im Kühlschrank ein Klarer lagert? Man könnte einen gebrauchen, erfährt aber stattdessen, wie das alles angefangen hat. Damit nämlich, dass Reinhard anno 1976 eine H2 kaufen wollte. Für jemanden, der schon als Bengel und ohne Führerschein nicht schnell genug um die Ecken kommen konnte, war der giftige 750er-Zweitakter genau richtig. Aber irgendwie muss dem kaufwilligen Jungspund entgangen sein, dass der Dreizylinder nicht mehr im Programm war. Und die Z 900, damals ­gerade neu als Nachfolgerin der 1972 vor­gestellten Z1, zu teuer. Also kam deren kleine Schwester her, eine von Detlev Louis importierte Z2.

Eben diese Maschine steckte später mal zur Hälfte in einem Opel Ascona. Der hatte die Vorfahrt genommen und Reinhard zwei gebrochene Hände. Deshalb konnte er nicht zum Bund und dort Kfz-Mechaniker lernen. Mit der Nachfolgerin lief auch nicht alles rund, Reinhard und seine Freundin überlebten in Spanien ziemlich unverletzt einen denkwürdigen Unfall, an dessen Ende die Z 900 – ebenfalls fast unversehrt – in einem Baum hing. So was verbindet: Sie hieß bald Frau Maatz, er blieb der Kawa treu. Irgendwie sogar 1985, als er eine GPZ 900 R erwarb und sich von allem Luftgekühlten trennte, nur von der 900er nicht. Fünf Jahre stand sie einsam neben aktuellen Kawasaki-Brennern, dann reichte es. Reinhard lässt’s wirklich gerne laufen. „Aber dafür brauch ich keine 150 PS.“ Ab ZX 10 verweigerte er die Leistungseskalation und verliebte sich neu. In seine alte Z 900. Die eine unbändige, vorher nie gekannte Sammelleidenschaft weckte und bald wieder original restauriert war.

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Statt Bohnen und Schnitzel, Drehzahlmesser und Tachos

Das Wörtchen „original“ spielt hier ­augenscheinlich eine besondere Rolle, aber vor der genüsslichen Detailanalyse muss zunächst mal diese eine Frage geklärt werden: Warum stehen die schönsten Teile jetzt in einer Küche im ersten Stock? „Weil die Kinder aus dem Haus sind und weil es hier echt trocken ist und weil ich den Platz in der Garage für Fahrzeuge brauche, nicht für Stehzeuge.“ Die Wucht dieser Dreifachbegründung überzeugt, eher kleinlaut kommt als Gegenwehr: „Und die Treppe?“ Jetzt grinst Reinhard wieder. Dafür braucht man Freunde. Fünf pro Motorrad. Der Mann ist zwar gelernter Maurer, arbeitet aber schon seit Jahrzehnten als Kranführer, mit heiklen Hievs kennt er sich aus. Nur warum kann er so begnadet schrauben? Als Junge hat er immer einem Nachbarn über die Schulter geschaut, der Bahnmotoren gemacht hat. Dann hat er sich eben reingefummelt. Nicht nur ins Schrauben, sondern über die Jahre auch ins Teile-Beschaffen. Wie aufgezogen kann Reinhard berichten, was mittlerweile alles selten (Auspuffanlagen für die Z 1000), höchstens noch in USA zu haben (gute Zylinderköpfe), nur mit extrem viel Glück zu kriegen ist (Teile fürs Antriebsketten-Schmiersystem der ersten Z1) oder fast schon mit Gold aufgewogen wird (Kilometer-Tachos für die H2).

Dem Zuhörer schwindelt, und er ahnt: Ein Aufbau im Originalzustand fordert nicht nur den Handwerker, sondern vor allem den Händler im Manne, und der muss sein Restaurierungsobjekt in- und auswendig kennen, damit er am richtigen Ort oder beim richtigen Forum genau im richtigen Moment zuschlagen kann. Reinhard ist bestens gewappnet, denn er hat alle Mikrofiches. Ein Wahnsinn. Jetzt schreitet er auf den Kühlschrank zu. Jau, einen Klaren, gute Idee. Schwungvoll öffnet die Tür. „Hier“, sagt Reinhard und freut sich. Dem Besucher fällt die Kinnlade runter. Wo der Schnaps stehen könnte, lagern Kawasaki-Schriftzüge, im Gemüsefach Blinker und ganz oben die Innereien von Instrumenten. „Davon hab ich noch mehr.“ Schon gewährt auch der Gefrierschrank tiefe Einblicke, und tatsächlich: Statt Bohnen und Schnitzel warten heute Drehzahlmesser und Tachos auf zweckdienliche Verwendung. Die Sinne schwinden, eine 73er-Z1 muss als Stütze herhalten, aber die Show geht immer weiter: Mit einem Motorradschlachter hat Reinhard vereinbart, dass er sich alle Kawa-Schrauben, -Hülsen und -Distanzstücke angucken darf, bevor die weggeschmissen werden. Davon sucht er die besten raus und arbeitet sie auf, einige lagern matt glänzend in Schüben für Haferflocken  und Zucker, andere im Geschirrfach. Wie praktisch so eine Küche sein kann! In den Topfschrank passen sogar Zylinderköpfe.

Was steht im Kinderzimmer?

Jetzt hilft nur noch die Flucht nach vorn: Was ist eigentlich in den anderen Räumen? Ungerührt betritt Reinhard den Flur der kleinen Dachgeschosswohnung, öffnet die nächste Tür. „Das Kinderzimmer.“ Ja, und da stehen sie auch schon, die kleinen Racker. Eine original restaurierte H2. „Das musste ja wohl sein, oder?“ Und eine H2 im Originalzustand mit Originalbereifung. „Da kann man nicht nein sagen.“ Dann bittet der Hausherr in die gute Stube, und da steht – ein gedeckter Kaffeetisch. Gott sei Dank. Bei der zweiten Tasse verrät Reinhard, dass er damals – also 1990 – gerade noch rechtzeitig und vor allem mit der nötigen Entschlossenheit eingestiegen ist. „Heute suchen die Leute oft wie blöd, und die Preise spielen verrückt.“ Außerdem hat er weise Bescheidenheit walten lassen: Alles nach Baujahr 1980, ab Z 1000 J und Geschwistern also, blieb außen vor. „Das ist ja praktisch ein ganz anderer Motor.“ Längst hat Reinhard sich angewöhnt, auf Anfragen mit einer Gegenfrage zu kontern: Was bekomme ich dafür? An Teilen, nicht Geld. Womit auch geklärt wäre, was ihn besonders fesselt an den alten Z-Fours: Er will schrauben, aufbauen. Und wenn wieder eines dieser epochalen Motorräder fertig ist, will er sich freuen. Jedes Mal neu ein alter Jugend­traum, schöner als damals.

Nun ist aber genug gequatscht. „Komm, wir gehen in die Garage.“ Prima Idee, doch auch Fahrzeuge gucken geht hier nicht ohne Überraschungen. Erstens steht auf der Bühne eine Zweitakt-250er, die seltene KR1 mit wassergekühltem ­Reihenzweizylinder, kurz vor der Voll­endung. „Ist mir hier um die Ecke zugelaufen.“ Zweitens lugt unter alten Wolldecken eine wahnsinnig sauber aufgebaute Yamaha RD 500 hervor. „Seitensprung, na und? Eine Suzuki RG 500 hätte ich auch gerne.“ Drittens (siehe Kasten) steht da eine Z 1000, die mit original wenig, mit endgeil aber sehr viel zu tun hat. „Ich wollte mal zeigen, was alles geht.“ Und dann die Sechszylinder Z 1300. Fahrbereit und schön, aber gemessen am Küchen­gerät noch kein Schmuckstück. Mensch, Reinhard, dabei wär‘ die doch wirklich was für die gute Stube.

Foto: Siemer

Kawasaki Z 1000-Umbau

Um allen zu zeigen, dass er außer Original auch Umbau kann, hat Reinhard Maatz einen Z 1000-Rahmen – als einer der Ersten – mit der Schwinge einer ZRX 1100 veredelt, in der das Hinterrad einer ZZR 1100 rotiert und die sich gegen Koni-Federbeine abstützt. Vorn kümmert sich eine Gabel aus GPZ 900 R-Stand- und ZX 10-Tauchrohren mit Wilbers-Gabelfedern um den Bodenkontakt. Die Bremse entstammt ebenfalls einer ZX 10, das Vorderrad einer ZZR 600, ­geführt wird das Ganze am breiten Superbike-Lenker. In einem Z 1 R-Motor­gehäuse rotiert die leichte Kurbelwelle einer 1973er-Z1, ebenso fanden deren hohlgebohrte Nockenwellen Verwendung. Das Gemisch bereiten 29er-Smooth-Bore-Mikunis auf, der K & N-Luftfilter sitzt vor dem leergeräumten Luftfilterkasten, und auch sonst wurde alles unternommen, um Strömungswiderstände zu ­minimieren. Mehr nicht. Leistung? Hat ­Reinhard nie gemessen, auf jeden Fall genug.

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