Kawasaki VN 900 und Harley-Davidson Rocker C (Archivversion) Das ist, wofür ich lebe

Willkommen in der Chopperwelt. Alles, was ein „Easy Rider“ will, kann die wassergekühlte Kawasaki VN 900 Custom. Neuronale Stürme im Belohnungszentrum des Hirns entfacht aber nur Harleys Flacheisen Rocker C.

Dreizehn große Scheine, genau 13495 Euro. Das sind 1300 Kisten Bier, genug für zehn bis 20 Jahre, je nach Durst. Das ist ein Treppenlift, oberste Preiskategorie, für meinen alten Herrn. Gäbe ihm ein neues Lebensgefühl, die steilen Stufen einfach hochzugleiten, die enge Kurve zu nehmen, entspanntes Lächeln im wettergegerbten Gesicht. Die Angst vorm Stolpern, vorm Liegenbleiben mit gebrochenen Knochen, alles passé.

Zwischen Harley-Davidson Rocker C und Kawasaki VN 900 Custom liegen nicht nur 13495 Euro, Bier-Orgien, Treppenlifte oder andere Investments. Es liegen nicht nur technologische Gräben zwischen Akashi in Japan und Milwaukee in den USA, sondern vor allem ein fischbratpfannen großes Gebilde, das wie ein Stück komprimierter Maschendrahtzaun vorn zwischen den Schleifen des Kawa-Rahmens prangt. Eine rechteckige Platte vorm Kopf, ein engstirniges Metallraster im Millimeterpapier-Design, ein Wasserkühler. Der regelt nicht nur den Wärmehaushalt des japanischen 55-Grad-V2, sondern auch die Gefühlswelt des Betrachters, indem er Authentizität aus dem Motorrad herausspült.

Die verrippten Zylinder, alles Blendwerk. Der Blick auf das chromglänzende Herz der Maschine von vorn, verstellt von einer Fliegenklatsche, aus deren Feinrippstruktur nach wenigen Kilometern Insektenleichen ragen. Die Chromoberflächen, gewissermaßen das Hautorgan des Choppers, haben nicht die Tiefe des fast dreimal so teuren US-Pendants. Losgelöst davon ist die Kawa ein korrektes Motorrad. Erwachsen, lässig, ein Gleiter mit ordentlichem Fahrwerk und lebendigem Zweizylinder. Verdammt viel Motorrad für 7700 Euro.

Alles, was Cruisen ausmacht, geht mit der Kawa. Zurücklehnen, über die Boulevards, durch die Landschaft fließen. Wenn überhaupt ein Japaner Langgabel-Lorbeeren gesammelt hat, dann Kawasaki. Beispiele? Die V2-Hubraumkönige VN 1500 und VN 2000. Rechtschaffen funktionierende Maschinen, denen man nicht viel vorwerfen kann, chromblitzende Trümmer, die weit weg von Leistungsfetischismus vor sich hinbollern. Das Einzige, was an allen VNs abtörnt, ist die Kühler-Bratpfanne vorn. Damit provozieren diese Japan-Chopper den Eklat, bewirken, dass bei mir Gefühl über Vernunft siegt.

Ich stehe vor dem Flacheisen Harley-Davidson Rocker C. Maximales Customizing in Serie. Die Zeichen ihres Sieges sind vielfältig: der freie Blick von allen Seiten auf die beiden Kathedralen des Drehmoments. Echte Kühlrippen, blitzende Stößelstangen, Zylinderwinkel 45 Grad. Vor 100 Jahren entstanden aus der Notwendigkeit, Harleys V2 kompakt zu halten, damit er in den Rahmen des damaligen Einzylinders passte. Bis heute das Kronjuwel der Company. Es riecht nach Metall, Schmierstoff und Benzin, die Deckenbeleuchtung explodiert in den Chromteilen nach allen Seiten. Pure Oberflächenerotik. Jedes Motorteil könnte man sich auch einzeln als Skulptur in die Vitrine stellen. Stählerner als diese Harley kommt kein anderer Chopper rüber, wo sie Schwarzenegger ist, wirkt die VN 900 wie ein Bürohengst. Mein Herz krampft sich zusammen in purer Gier: Treppenlift? Soll mein Vater die Stufen doch weiter steigen, das hält jung. Und: Verdammt sei der Tsunami aus Bier, bleib ich halt trocken. Alles, was zählt, ist die Rocker C.

Alles, was ich will, ist eine Stunde mit ihr. Die Stunde der Entscheidung. Ich gleite in den Sattel, spüre die Wärme der Tierhaut. Dann entfacht die Rocker einen Erlebnis-Sturm. Sie lässt mich gravitätische Bässe zwischen den Schenkeln spüren, sanfte Vibrationen, ich fühle den Mythos vom Erhalt wahrer Werte. Erlebe Sinnlichkeit in Stahl, Chrom, Leder. Welch ein Thronen, welch ein Gleiten. Hinter mir rotiert die dicke 240er-Gummiwalze, irgendwo da vorn surft das Vorderrad den Asphalt ab. „Live to ride, ride to live.“ Die Maschine swingt und rockt, hämmert mir die Sechziger ins Hirn, Dennis Hopper und Peter Fonda, klopfende Beats, Gitarrenriffs, Cannabis im Tank, Wüstenstaub im Gesicht. Mir egal, ob das Bild der Freiheit auf endlosen Highways ein Klischee ist. Auf jeden Fall kann man damit Seelen fangen. Dem immer kleiner werdenden VN 900-Stachel in meinem Fleisch erkläre ich unmissverständlich: Kawasaki-Chopper kommen nicht in Kultfilmen vor.

Aus den Sidepipes der Rocker pulsiert pure Tradition, der Ventiltrieb rasselt Harleys alte Motoren-Legenden raus: „Flathead“, „Knucklehead“, „Shovelhead“. Und dann die Geschichte von Kontinuität und Hingabe an ein Konzept, die die Harley mit jedem satten Schlag aus den Sidepipes pumpt. Apropos pumpen: Ich fahre zur Bank, ich brauche Geld, jetzt, sofort. Und zwar nicht nur dreizehn große Scheine, sondern einundzwanzigeinhalb.

Die schiebe ich dem Harley-Dealer mit mahlendem Kiefermuskel über die Theke. Dann ist die Rocker da. Ich schmachte sie an, spüre die Gänsehaut. Beim Putzen verletzte ich mir die Hand an unentgrateten Metallteilen auf der Fahrzeug-Unterseite, der Baumwoll-Lappen blutet voll. Die Benzinuhr ist beschlagen, irgendein Harley-Worker hat nach der siebten Dose Budweiser die Dichtung nicht mehr exakt ein-gepasst. Leise fluchend starte ich den Twin Cam 96-Motor, wie ein aus dem Schlaf gerütteltes Tier erwacht er. Die akustischen Resultate der unregelmäßigen Zündfolge drücken Glück in meine Adern. Ein Tritt auf den Schalthebel, ein Schlag wie mit dem Schmiedehammer in die Getriebe-Verzahnung, der Erste ist drin. Tief aus den Eingeweiden rülpst die Rocker, dann gibt sie mir einen Schlag in die Magengrube, prügelt mich stampfend wie ein Büffel nach vorn. Ich spüre die Seele der Maschine, vergess das viele Geld. Es riecht nach heißem Öl, die Welt fließt in der kleinen Chromlampe auf mich zu. Das ist es, wofür ich lebe.

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