Kawasaki ZX-10 und ZX-12R (Archivversion) Zwei Motorräder, eine Mission: Speed – oder was sind schon 257 Stundenkilometer?

Es war die Hölle. Mit rasender Geschwindigkeit zischte die Welt an mir vorbei, und ich hatte vergessen, wie man das Gas zumacht. Wusste überhaupt nichts mehr. Kompletter Realitätsverlust. Totale Paralyse. Mein Blick bohrte sich in den Tachometer. Die Nadel kletterte auf 200 km/h. 210, 220 und kein Ende in Sicht. Das Viech zog unbeirrt weiter. Zuckte kein einziges Mal. Hinter der ausladenden Verkleidung wehte allenfalls ein Lüftchen – ich hatte einen Orkan erwartet. Teufelswerk! Grundgütiger – lass es bitte, bitte vorübergehen. Die Karre war definitiv zu viel für mich.Kawasaki ZX-10. Meine erste Big-Bike-Erfahrung. Kein bisschen witzig. Die Geschichte liegt gut zwölf Jahre zurück. Auf dem Motorradmarkt herrschte gerade Erfinderstimmung. Die Japaner hatten den Alu-Brückenrahmen entdeckt, Norton experimentierte wieder mit dem Wankelmotor herum, bei Ducati hörten die Modelle auf so klangvolle Namen wie Paso und Santa Monica. 1000er-Vierzylinder waren schwer in Mode, und das Maß aller Dinge hieß Honda CBR. Wogegen Kawasaki freilich etwas unternehmen musste. Im Namen der GPZ 900 R seelig. Die Zielvorgabe für die grünen Ingenieure war unmissverständlich: Sie sollten das schnellste Serienbike unter der Sonne bauen.Und genau das haben sie getan. Mit dem überarbeiteten Motor der GPZ 1000 RX in einem völlig neuen Chassis. Natürlich mit Alu-Brückenrahmen. Weg mit der alten, stählernen Doppelschleife, die geballte Power des neuen Triebwerks verlangte nach einem stabilen Umfeld. Die ZX-10 war eine Bombe: Nominell 139 PS stark, gemessene 257 Sachen Spitze. Wohlgemerkt schrieben wir das Jahr 1988. Damals waren solche Zahlen noch – Teufelswerk.Rund eine Dekade später holt die gleiche Entwicklungsabteilung noch mal rund 40 PS mehr aus dem hauseigenen Flaggschiff heraus, diesmal allerdings aus 1200 Kubikzentimetern Hubraum. Und wieder geht der Titel »schnellstes Serienbike« an die Grünen. 303 km/h! Noch Fragen? Kawasaki ist inzwischen beim Monocoque-Rahmen angelangt. Die Fallstromvergaser sind einer Einspritzung gewichen. Statt zweier Endschalldämpfer trägt die Zwölfer nur einen – riesengroß, aus Titan, mit ungeregeltem Katalysator bestückt. Unterm Doppelscheinwerfer – hatte die Zehner natürlich auch nicht – ragt ein Schlund ins Freie, der die gesamte Luft zwischen Stuttgart und Heilbronn aufsaugen möchte. Ram Air, seit Anfang der 90er Lieblingskind engagierter Speedfreaks, die die leistungsfördernde Wirkung des Staudrucks oberhalb von Tempo 200 entdeckt hatten. Bringt schon noch das ein oder andere km/h und zeitigt den erfreulichen Nebeneffekt, dass der moderne Sportler stets mit kühler Frischluft versorgt wird. Überm Doppelscheinwerfer trägt die ZX-12R Spiegel. Hatte die Zehner auch, aber – ganz einfach – nur für die Rücksicht. Mit Rücksicht allein kann man dem modernen Superbiker aber nicht mehr kommen. Der braucht auch Abtrieb, und eben dieser Funktion ordnen sich nicht nur die schicken Flossen am Verkleidungskiel, sondern auch die abgedrehten Sehhilfen unter. Form follows aerodynamic. Keine schlechte Idee, bei derart viel Schub.Schieben tun sie ja alle. Sonst würden sie umfallen. Aber Schub ist was anderes. Ist stammtischtauglich, ist Mythos und markiert genau die Glücksmomente, in denen jeder froh ist, weder an Hubraum noch Leistung gespart zu haben. Schub ist vor allem relativ: 2,6 Sekunden statt 3,2 von null auf 100 km/h. 7,0 statt 10,1 bis 200. Beim Durchzug von 60 bis 180 vergehen 11,0 statt 13,4 Sekunden. Schub in seiner derzeitigen Höchstform – wer Zehner fährt und Anschluss sucht, muss schalten. So gnadenlos kann Fortschritt sein. Selbstverständlich schleppt das Kraftpaket auch weniger Gewicht mit sich herum: Nicht viel, aber immerhin. Zwischen ZX-10 und ZX-12R liegen fünf Kilogramm. Und gut ein dutzend Jahre Maschinenbau. Die sich in vielem wiederspiegeln. Besagtem Monocoque-Rahmen etwa, der den Motor nicht mehr umschließt, sondern sich schlank und rank einfach von oben drüber wölbt. Nebenbei macht er sich noch als Airbox nützlich. Viel pfiffiger als alle matt glänzenden Aluprofile zusammen und dabei auf gar keinen Fall weniger stabil. 257 km/h beeindrucken die ZX-12 überhaupt nicht, erst weit jenseits von 280 leiten Reifen und Federelemente winzige Unruhen ein. 257 km/h sind auch auf der Zehner kein Veitstanz, aber sie kann dann längst nicht mehr verbergen, dass sowohl Gabel als auch Federbein stärker gedämpft sein müssten.Wollte eben niemanden vergrätzen, die Gute. Bloß keine übertriebene Härte zeigen, genauso vielseitig bleiben wie die CBR 1000. Heute würden wir sie Sporttourer nennen. So wird bereits beim Aufsitzen klar, dass Big Bike Ende der 80er völlig anders definiert wurde als im beginnenden 21. Jahrhundert. Auf der ZX-10 schiebt man eine mächtige Verkleidung vor sich her, die Lenkerhälften liegen dicht beieinander, sind irgendwo ganz weit weg und sonderbar hoch angebracht. Den Allerwertesten breit auf eine sofaweiche Sitzbank gebettet, geht’s so komfortabel wie in der S-Klasse zu. Auf langen Strecken zu Hause, mit Überschall ans Mittelmeer und zurück. Die Zwölfer ist nicht so bequem. Hier wird man nicht wie in Ambrahams Schoß empfangen, sondern eher zum Mitmachen aufgefordert. Sitzt härter, höher, dichter am Lenker – auf, nicht im Motorrad. Alles wirkt kompakter.Und alles funktioniert viel direkter. Präziseres Lenkverhalten in schnellen wie langsamen Kurven, viel klarer definierte Rückmeldungen. Egal, auf welchem Belag sich die Reifen der ZX-12 breit machen, der Fahrer weiß immer Bescheid. Am Anfang seiner Karriere übrigens wollte der Bolide nicht so zügig ums Eck, und alle Welt verdächtigte den 200er-Hinterreifen. Inzwischen hat Kawasaki mittels Unterlegscheibe das Heck angehoben, und so gelingen die Kurvenradien besser. Außerdem spricht der Motor jetzt weniger ruppig an. Aber sanft ist noch mal anders. Sanft ist ZX-10, denn deren Vergaser-Vierer belegt mal wieder, dass Nippons Ingenieure immer noch mit dem Ansprechverhalten ihrer Einspritzanlagen kämpfen. Und mit dem Verbrauch. 5,1 zu 6,3 Liter. Dafür läuft der alte Motor über den gesamten Drehzahlberiech rauer als der fein vibirierende 1200er. Untentschieden bleibt die Frage, was auf langen Strecken mehr nervt. Klar dagegen die Antwort auf die Frage – und auch die soll hier nicht verschwiegen werden -, welche Kawa menschlicher ist. Mitmenschlicher nämlich: Auf der ZX-10, sie mutet mich heute gediegen und brav an, würde ich zu Pfingsten glatt Großtante Hedwig durch die Gegend schaukeln. Echte Doppelsitzbank, stabiler Haltegriff. Auf der ZX-12..., aber sehen Sie selbst. So hart kann der Fortschritt sein.

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