Kinder und Motorrad (Archivversion)

Weder die Hersteller bewerben bestimmte Motorräder als „besonders kinderfreundlich“, noch gab es bisher bei MOTORRAD spezielle Testkriterien für den Transport von Kindern. Nachvollziehbar, denn wohl kaum jemand wird eine Maschine nach den Vorstellungen seines Kindes wählen. Spannend ist es dennoch zu sehen, welcher Typ Motorrad in der Gunst der Kleinen vorn liegt und wer durchfällt. Womit darf’s auf große Tour gehen, und welche Maschine wäre cool, um damit von der Schule abgeholt zu werden? Bei Motorcorner in Wangen (www.motorcorner.de) standen netterweise sechs Modelle verschiedener Gattungen für die großen und kleinen Tester bereit. Also, auf zur Probefahrt!

Supersport
„Die Maschine ist voll doof, ich rutsche immer nach vorne vom Sitzpolster runter, das tut dann weh. Und ich hatte die ganze Zeit Angst runterzufallen“ – reinrassige Sportmaschinen wie die radikale R1 stoßen bei den achtjährigen Nachwuchs-Mitfahrern auf harsche Kritik. Nein, das ist definitiv kein Gerät für den Kindertransport. Der hohe Sitzplatz und die hoch angebrachten, sogar für sehr kurze Beine leicht erreichbaren Fußrasten sind nur auf den ersten Blick kinderfreundlich. Die Kids kleben dem Fahrer im wahrsten Sinne im Nacken, außer an der Jacke des Piloten gibt es keinen Halt. Vor allem ausgeprägte Vibrationen sorgen für Klagen. Spitzenleistungen um 180 PS wollen im Zaum gehalten werden und erzeugen selbst bei sporterprobten Alleinfahrern Stresshormone – mit kleinem Passagier an Bord empfiehlt sich nur ein übervorsichtiges Dahinsäuseln knapp über Standgas. Das macht in „Ready-to-race“-Sitzposition nun wirklich keinen Spaß.

Fazit: Tränen und bittere Verwünschun- gen nach der Testfahrt. Bitte nur für den kürzesten Weg zur nahe gelegenen Eisdiele nehmen!

Allround
Allrounder wie eine Yamaha XJ6 protzen nicht mit Top-Leistungen, sind unaufdringlich und deshalb aus Sicht einiger Motorrad-fahrer vielleicht weniger attraktiv. Zu den weiteren Merkmalen zählt, dass sie kaum etwas überragend, aber dafür von allem ein bisschen können. Und genau dieses Bisschen ist für Kinder mehr als genug. Größter Vorteil: Der Fahrer muss bei der sanften Leistungsentfaltung nicht permanent darauf achten, ob in Reihe zwei noch alles paletti ist. Die kompakten Abmessungen dieser Motorräder werden nicht nur vom Nachwuchs beim Auf- und Absteigen goutiert, auch für den Fahrer gehen beispielsweise Rangiermanöver mit Kind vor der Schule leichter von der Hand. Riesenlob für die gerade Sitzbank, auf der das Kind nicht nach vorne rutscht. Und selbst der meist konventionelle Look wird von den Kurzen positiv beurteilt. So wie für Kinder fauchende Tiger, finster dreinblickende Krokodile oder tobende Affen der Hit im Zoo sind, als Haustier jedoch wohl eher ein possierlicher Hamster genehm ist, bevorzugen sie offensichtlich Motorräder, die sich auch in freier Wildbahn handzahm geben.

Fazit: Nach völlig stressfreier Testrunde überwog bei allen die Begeisterung. So schön kann der Durchschnitt sein.

Fun
Spaßgeräte wie die KTM 990 SMT vermitteln das Temperament eines Supersportlers, flößen im Gegensatz zu diesen aber keine Angst ein. Insbesondere die aufrechte Sitzposition vermittelt genau das entscheidende Sicherheitsgefühl, das für junge Passagiere unerlässlich ist. Stärkere Vibrationen und Lastwechselreaktionen werden dann sogar als „lustig wie auf einem Trampolin“ empfunden. Die Fahrer wissen eine gute Schräglagenstabilität zu schätzen, und diese sorgt dafür, dass die Mitfahrer nach kurzer Eingewöhnungszeit ebenfalls aktiv mit in die Kurve gehen. Ähnlich wie bei Supersportlern lässt sich mit dem Nachwuchs hintendrauf das Leitungspotenzial solcher Maschinen allerdings nicht einmal ansatzweise erfahren. Bleibt also immer dieses „Ich will, ich könnte – ich darf aber nicht“-Gefühl. Und auch wenn jetzt Klassik-Fans die Hände überm Kopf zusammenschlagen, in der Schulhof-Wertung sahnt das Funbike ab: Plastik, zerklüftetes Future-Design, böser Blick – so sieht ein Playmobil aus, auf das neben so manchen Vätern auch die Youngster stehen.

Fazit: Spielmobile erhalten aufgrund der entspannten Sitzposition viele Sympathiepunkte von Groß und Klein.

Cruising
Bequem, aber für sportlichere Naturen auch ein bisschen langweilig. Über zu wenig Dynamik muss man sich mit Kind als Sozius jedoch nicht grämen. Früh aufsetzende Trittbretter, mangelnde Puste bei höheren Drehzahlen und eine passive Sofa-Sitzhaltung sind bei waschechten Cruisern wie der Yamaha XVS 950 nämlich sehr wirksame Begrenzer für etwaigen Übermut. Beide Ausflügler kommen so auf ihre Kosten: Der Pilot darf den Solofahrstil gelassen beibehalten, das Kind sitzt bequem und aufrecht, kann nach vorne, links und rechts schauen. Auf diese Weise bekommen die Kurzen viel vom Fahrgeschehen mit, und längere Etappen sind deutlich relaxter für alle Beteiligten. Die niedrige Sitzposition ermöglicht leichtes Auf- und Absteigen, und die größere Bodennähe erzeugt bei den Kleinen ein gutes, sicheres Fahrgefühl, so dass auch ein stärkerer Zug am Gashahn nicht gleich mit Protest geahndet wird. Dementsprechend ist es für sportlich orientierte Fahrer überraschenderweise gar nicht so langweilig, wie diese im Vorfeld befürchtet haben. Und obwohl die Hersteller mit der XVS 950 sicherlich eine deutlich ältere Zielgruppe anpeilen, finden die Kids den Cruiser viel cooler als etwa den heißen Supersportfeger und fragen: „Papa, kannst du mich mit diesem voll langen und ganz niedrigen Dings mal von der Schule abholen?“

Fazit: Von wegen Altherren-Liga! Dürfte das Jungvolk wählen und hätte schon einen Führerschein der Cruiser wäre für sie ein echter Bringer.

Enduro
Offroad? Am besten gleich vergessen, das finden weder heranwachsende noch erwachsene Hintensitzer spaßig. Flickgeschusterte Landsträßchen sind für Enduros wie die XT 660 Z Ténéré aber auch ein gutes Revier. Dort, abseits von dichtem Verkehr, ist mit kleinen Mitfahrern der Spaßfaktor größer, schließlich sind Geländemaschinen durch viel Federweg bestens für jede Art Unebenheit gerüstet. Und die Kleinen kommen hoch sitzend ganz groß raus, haben sogar das Cockpit im Blickfeld („Papa, du bist 91, 96, 98, 92 gefahren, ich hab’s genau gesehen!“). Ob diese Form von Kontrolle erwünscht ist, müssen Mann oder Frau am Lenker selbst beurteilen, gute Fahrzeugkontrolle durch moderate Leistung, geringes Gewicht und einen breiten Lenker ist mit Kinderfracht indes unbestritten ein Vorteil. In der Praxis gibt’s allerdings schon beim Aufsteigen Probleme, denn das Erklimmen des Sozius-Throns ist ein Turnakt – Misslingen wird als peinlich empfunden (Abzüge bei der Schulhof-Wertung!). Die Bonsai-Testfahrer bemängeln außerdem bei der Einzylindermaschine, alles sei sehr „vibrierig“, und das „kippige“ Gefühl in Kurven (genretypischer hoher Schwerpunkt) wird ebenfalls als eher störend empfunden. So wiegen sich Vor- und Nachteile bei einer hemdsärmligen Enduro gegenseitig auf, zum entspannten Fahren mit Kindern eignet sich diese Motorrad-Gattung nur bedingt.

Fazit: Abseits von Asphalt ohnehin tabu, hinterlässt eine Enduro auf der Straße bei den Mitfahrern eher gemischte Gefühle.

Touring
Ein Gepäcksystem umzäunt den Sozius – das schafft ein großes Sicherheitsempfinden, selbst wenn es etwas forscher in die Kurve geht. „Das ist ganz arg schön und angenehm“, meinen die kleinen Testfahrer und finden, dass wegen der Koffer kein „Runterfallgefühl“ da ist. Sie loben den komfortablen Soziussitz: „So bequem, dass ich beinahe eingeschlafen wäre.“ Das Aussehen? Na ja, vom Schulhof möchten sie damit nicht unbedingt abgeholt werden – „sieht irgendwie doof aus mit den Kästen an der Seite und auch etwas langweilig“. Große Fahrer und kleine Beifahrer sind sich jedoch einig: Für Ausflüge aufs Land ist ein Motorrad wie die Sprint ST ideal. Damit geht es für jedermann und jederkind flott vorwärts, und das jederzeit im Wohlfühlmodus.

Fazit: Volltreffer! Fährt wie auf Schienen, ist komfortabel – Bestnoten während der Fahrt. Geparkt wird so eine Maschine allerdings links liegen gelassen.

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