Koch, Werner: Schrauben in der Werkstatt im Winter (Archivversion)

Früher soll alles besser gewesen sein? Quatsch.
Die Motorräder von heute sind die besten, und trotz ihres
Alters rechne ich meine Ducati 916 noch dazu. Ihre kompromisslose Fahrdynamik begeistert mich, obgleich ich ein paar PS mehr schon gut fände. Was also, darf man fragen, geben mir meine zwei Kreidler RS aus den siebziger Jahren des
letzten Jahrhunderts im vergangenen Jahrtausend? Sechseinviertel-PS-Möhren, die mit der äußersten Zuckung ihrer Tachonadeln knappe 90 erreichen.
Es ist das gleiche Unsagbare, das ich mit 16 nicht haben konnte, mir jedoch mit aller Kraft ungestümer Sehnsucht wünschte. Sie waren um schnöde 700 Mark Versicherungsbeitrag pro Jahr zu teuer. Und wären superbillig gewesen, verglichen mit heute. Eine RS seriös zu restaurieren kostet derzeit den Betrag in Euro, den sie damals neu in Mark gekostet hat. Von den Arbeitsstunden ganz zu schweigen. Egal, die erste Fahrt mit der ’77er war herrlich, auch mit provisorischem ’73er-Tank und riesigem rotem Kuchenblechkennzeichen. Dass die neu eingespeichten Felgen die Bremstrommeln verzogen hatten, der Motor trotz neuer Bronzebuchse und O-Ring aus der Schaltwellenbohrung leckt und die Nachrüstfederbeine nicht dämpfen, nervt jedoch gewaltig. Ich schraube ungern um des Schraubens Willen. Bis mein Frust verdaut ist, muss das undankbare Ding in der Werkstatt abstehen. Und ich fahre Duc.

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