Konflikt am Randenaufstieg (Archivversion) Beschränkt

Auf der B 314 zwischen Randen und Epfenhofen gilt jetzt Tempo 80 und in Kurven Tempo 60. Autos dürfen aber trotzdem weiter 100 fahren. Denn die Beschränkung betrifft nur Motorradfahrer.

Es musste was passieren. Ein Schild mit Geiern – »Hallo Raser, wir warten« – hatte nichts gebracht, und CDU-Mann Rudolf Fluck, Ortsvorsteher von Epfenhofen, befand im Lokalblatt: »Es ist
nicht damit getan, dass man Öl und Splitt auf die Straße wirft.« Das sei ja so nicht gemeint gewesen, sagt Fluck später, und sein Vertreter, der Arzt Dr. Peter Haarmann, stellt klar: »Bei einer Versammlung, in einer Gruppe, da wird schnell mal rausgebollert, was man tun sollte. Aber das ist nicht
in unserem Interesse, davon distanzieren wir uns.« Und soweit die beiden wüssten, sei das mit dem Öl und Splitt auch gar nicht passiert.
Michael Gieseke sieht das anders. »Man erkennt den Unterschied, ob ein Laster Kies und Diesel verliert oder ob extra Schmiermittel und Steine auf die Straße geworfen werden.« Im einen Fall liege das Zeug am Straßenrand, am Bankett. Auf der B 314 aber »waren Schlangenlinien von Öl mitten auf der Spur, und der Kies war vom Kurveninneren aus auf der Straße verteilt«. Gieseke fährt nicht nur Suzuki Bandit und Hayabusa, er ist auch Fahrlehrer und verdient sein Geld momentan mit einem 40-Tonner.
Was Gieseke genauso sieht wie die Vertreter der Gemeinden und einer Bürgerinitiative gegen Motorradlärm: Der Randenaufstieg, ein etwa 1200 Meter langes, dreispurig ausgebautes Stück Bundesstraße, wird von einigen wenigen als Rennstrecke missbraucht. Deshalb, so steht
es auf der Internetseite www.randen.de, wo die Motorradraser als »Sonderthema« gehandelt werden, hätten die Einwohner von Randen und Epfenhofen einen »fürchterlichen Lärm« zu ertragen, »wilde Biker« trieben ihr Unwesen, würden sich und Unschuldige gefährden, den Anwohnern den letzten Nerv rauben.
»Wir wissen ganz genau, dass das nur zwei Prozent der Motorradfahrer sind, die üblichen schwarzen Schafe eben«, sagt der Sprecher der Bürgerinitiative, Dietmar Sch., der unter dem Kürzel »disc«
im »Südkurier« mitunter über just diese Bürgerinitiative berichtet und sich selbst zitiert: »Der Sprecher der Bürgerinitiative zeigte sich erfreut
über den erreichten Status. Endlich werde das Problem in den richtigen Stellen diskutiert.« Sch., Ortsvorsteher Fluck und Vertreter Haarmann hatten sich an einen Landtagsabgeordneten gewendet, und daraufhin haben das Landratsamt und das Regierungspräsidium reagiert. Mit dem exklusiven Tempolimit für Motorradfahrer.
»Wir sind das unseren Bürgern schuldig, dafür sind wir gewählt worden«, floskelt Haarmann, und Fluck ergänzt: »Der Erfolg gibt uns Recht, doch jetzt muss scharf kontrolliert werden.« Die scharfe Kontrolle obliegt natürlich der Polizei. Doch weil die nicht immer und überall sein kann, fühlen sich die Anwohner berufen, ebenfalls hoheitliche Aufgaben wahrzunehmen. Seit über zehn Jahren schon
notieren die Mitglieder der Bürgerinitiative Kennzeichen, erzählt Sch., und auf der Sonderseite von randen.de schreibt
er: »Mit drei mobilen und vier stationären Video- und Fotoanlagen schlagen sie (die Bürger) nun zurück, koordinieren ihre Maßnahmen und bringen – in Zusammenarbeit mit der Polizeidirektion – jeden Vorfall
zur Anzeige.« Außerdem würden die Kennzeichen ebenfalls »dem Bundesverband der Haftpflichtversicherer mitgeteilt. Durch die grob fahrlässige Fahrweise ist so auch der Versicherungsschutz in Gefahr.«
Ein bisschen liest sich die Passage, als lauerten irgendwelche selbst ernannten Gerechtigkeitsapostel mit Teleobjektiv hinterm Vorhang, um mit ihrer Denunziation Motorradfahrern den Sonntagsausflug zu versauen. Tatsächlich aber versauen zuerst mal ein paar Motorradfahrer den Anwohnern den Sonntag. Das sieht sogar Hayabusa-Fahrer Gieseke so: »Manchmal kann ich die Randener verstehen.«
Etliche Motorradfahrer verbringen ihr ganzes Wochenende auf dem guten Kilometer der B 317, heizen ihn rauf und runter. Einige bringen ihre Maschinen sogar im Transporter mit, weil die keine Straßenzulassung haben. Nach Absprache über Mobiltelefon – »Keine Polizei, die Strecke ist klar« – werden regelrechte Rennen veranstaltet. Rennen gegen die Uhr, Rennen Mann gegen Mann. Die locken mittlerweile eine Menge Zuschauer an, Gieseke und Sch. reden von einem regelrechten Renntourismus. Das Publikum, darunter viele Autofahrer, rückt mit Fotoapparaten, Bier im Sixpack, Stoppuhren und der Lust auf Sensationen an. Die werden
ihnen nicht eben selten geboten. »Jedes Wochenende sind Krankenwagen, Polizei und Feuerwehr da unten unterwegs«, sagt der Wirt vom Gasthaus »Hoher Randen«. 14 Schwerverletzte, sechs Tote in den
letzten fünf Jahren, fast 20 Prozent aller vergleichbaren Unfälle im Schwarzwald-Baar-Kreis. Folgen leichterer Ausrutscher, die lediglich Plastik, keine Knochen deformieren, werden von Rennteams und Zuschauern diskret beseitigt.
Mindestens die Hälfte der Akteure kommt aus der Schweiz. »Es sind ja nur 600 Meter bis zur Grenze, die genießen das, hier auf der gut ausgebauten Strecke zu heizen«, klagt Sch. »Die reisen sogar aus der Zentralschweiz an«, ergänzt Haarmann. Für Schweizer lohnt sich der lange Weg angesichts der Preise, die in Helvetien fürs Zuschnellfahren zu berappen sind. »Auf den kurzen Geraden wird hochgezogen bis 240 km/h«, behauptet Fluck.
Dass manche sich zu viel zutrauen, habe sicherlich auch mit den Gaffern zu tun, meint Gieseke. »Der Show-Effekt reizt, die Sache noch mal um fünf oder zehn Klamotten schneller angehen zu lassen.« An dem S der Sonnenhofkurve etwa, wo das Publikum sich in der Einfahrt zu einem Wirtschaftsweg ballt, und ein Stück weiter unten, an einer Naturtribüne, neben der ein Waldweg mündet. Sonntags ist der zugeparkt. Und das bleibt er auch, selbst wenn ein Notarzt durch muss. Wie Haarmann, der gerade mit seinen Kindern im Wald war, und dringendst zu einem Unfall gerufen wurde. »Man erntet Drohungen, verbal, und dass es Schläge setze.«
Eine handfeste Schlägerei zwischen Rasern und Randenern ist mithin das
Einzige, was noch fehlt auf der Skala der Eskalation. Ein vernünftiges Miteinander sieht auf jeden Fall anders aus. Zumal
die Unvernunft nunmehr behördlicherseits sanktioniert wurde. Durch spezielle Geschwindigkeitsbeschränkungen für Motorradfahrer. Anklang findet das nicht nur bei den Anwohnern. Auch Bernhard Lutz, Chef des Südkurier-Regionalbüros in Blumberg, findet gerade die Unvernunft vernünftig. »Je geringer das erlaubte Tempo, desto höher die Strafen. Das schreckt die Raser vielleicht ab.«
Sicher dagegen ist, dass die Sonderbehandlung alle Motorradfahrer ärgert. »Doch die motzen zwar rum am Treffpunkt, aber keiner hat bisher was gemacht«, beschwert sich Gieseke. Der zudem befürchtet, dass die Motorradfahrer in Zukunft
von aggressiven Autofahrern provoziert werden. Denn in letzter Zeit sei der Randenaufstieg auch bei der Schneller-Tiefer-Breiter-Fraktion immer beliebter geworden. Unlängst erst haben sich zwei BMW gegenseitig von der Straße geschossen.
Ursprünglich ging es der Bürgerinitiative, die das selektive Tempolimit für ihren bisher größten Erfolg hält, um eine Sperrung der Strecke für Motorräder an Wochenenden. Diese sei aber nicht durchzusetzen, weil es sich um eine Bundesstraße handle. Was indes noch umzusetzen sei, finden Haarmann und Fluck, wäre ein Abkommen zur Zusammenarbeit mit den Schweizer Behörden, wie man es im
Landkreis Waldshut bereits praktiziere.
Dort werden die Schweizer Verkehrssünder
von Landsleuten in Obhut genommen und nach Landessitte bestraft. Simple Hoffnung: Die Raser aus der Schweiz bleiben zu Hause, wenn sie mitbekommen, dass sie am Randen nicht mehr billiger wegkommen als im eigenen Land.
Aber am Randenaufstieg misst man neuerdings ja ohnehin mit zweierlei Maß.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel