Konzeptvergleich Funbikes (Archivversion) Coffee to go

Funbikes – Motorräder, die mit attraktivem Styling und der Konzentration auf das Wesentliche begeistern. Auch noch, wenn die Traumstraßen und der beste Cappuccino 800 Kilometer weiter südlich liegen? MOTORRAD ging auf Tour und spannte den Bogen von ausgewogenen Charakteren wie BMW R 1200 GS und Kawasaki Versys über die noble Ducati Hypermotard S, die sportliche KTM 690 Super-moto bis hin zur exzentrischen Buell Super TT.

Die Gesichter sind gerötet, längst nicht mehr taufrisch. Die Haare vom Helm verschwitzt. Und doch verrät das Leuchten in den Augen der fünf: Die Anfahrt hat sich gelohnt. Das bedrückende Big-Brother-Gefühl auf den mit Radarfallen ge-spickten österreichischen Autobahnen, der Dauerregen entlang des Gardasees, die flunderplatte Po-Ebene, all das ist jetzt vergessen. Hier in den Ausläufern des Apennin rund um das kleine Städtchen Fanano, 50 Kilometer südwestlich von Bologna gelegen. Dieser Zipfel der Emilia Romagna – so könnte man meinen – sei fürs Motorradfahrern geschaffen worden. Wie Pfade, die betrunkene Götter in die Hänge getrampelt haben, winden sich Hunderte schmaler Sträßchen hinauf auf die sanften Hügel, um sich gleich wieder schnörkelnd ins nächste Tal hinabgleiten zu lassen. Unvergleichlich.
Fast so wie die fünf Maschinen, die nach diesem langen Tag knisternd vor dem Hotel abkühlen. Können wir sie allesamt Funbikes nennen? Wo sich die BMW R 1200 GS und die Kawasaki Versys dem puristisch-unvernünftigen Selbstverständnis des ori-ginären Funbike-Trios, der Buell Lightning Super TT, der Ducati Hypermotard und der KTM 690 Supermoto, doch schon vorab entziehen. Allein durch ihren Windschutz und die Möglichkeit zur touristischen Aufrüstung signalisieren sie andere Prioritäten und definieren das Thema Spaß somit auf ihre eigene Art. Und liegen damit vielleicht gar nicht so falsch. Schließlich bedeutet Funbike Spaßmotorrad, oder?
Bei den anderen drei gilt indes: Je kompromissloser ein Konzept, desto größer sind die Zugeständnisse, die der Fahrer außerhalb des festgelegten Einsatzzwecks machen muss. Das ist bei Supersportlern so, gilt für Enduros und ist bei Funbikes nicht anders. Womit wir genau an dem Punkt sind, der den Vergleich der inhomogenen Fünfer-Gruppe so interessant gestaltet: Wie groß sind die Opfer, die Funbiker auf der Reise für die Emotionalität des Designs oder schlicht den unverdünnten Kurvenspaß bringen müssen?
Rückblick. Redaktionstiefgarage, Packen für die Tour. Für den Autor auf der BMW kein Problem. Alles in die Koffer und fertig. Eigentlich auch bei der Versys ganz easy. Doch die Koffer für den bereits angebauten Gepäckträger sind noch nicht eingetroffen. Also schnallt Oli sich einen Rucksack auf. Schadenfreude beim Rest der Truppe. Karsten auf der Hypermotard fährt sowieso immer mit Rucksack. Auf einer Ducati erst recht. Im vergangenen Jahr fackelte ihm der Underseat-Auspuff einer 749er-Duc die Original-Hecktasche samt Inhalt ab. Wohl deshalb hat Ducati für die Hypermotard nur einen – übrigens nett gestylten – Tank­rucksack mit zwei Fronttaschen im Angebot. Mike setzt auf eine Gepäckrolle, die sich trotz minimalistischen Hecks der Buell praktisch und sicher festzurren lässt. Gleiches hätte der passionierte Hardcover-Rucksack-Träger Sven auch an der KTM tun können. Denn an den rudimentären Konsolen auf dem Kotflügel lassen sich Gepäckrollen selbst auf der gertenschlanken 690er erstaunlich gut befestigen.
Stadtverkehr, Zubringer, Autobahn. Für die BMW kein Thema. Windschutz und Geradeauslaufstabilität sind überlegen. Und obwohl auf der Versys nur ein kleines Schild den Oberkörper vor dem Sturm verschont, liegen zwischen ihr und den drei kompromisslosen Funbikes Welten. Ohne nennenswerte Windabweiser verbietet sich D-Zug-Tempo mit der Buell, der Ducati und der KTM auf Dauer von selbst. Also Gas weg. 140 km/h lassen sich – im wahrsten Sinn des Wortes – stemmen. In Österreich ist nicht mal das erlaubt, in Italien wird dieser Speed auf der Autostrada noch akzeptiert. Schon in Italien? Si. Endlich stilecht Tanken. Mit ausgiebiger Cappuccino-Pause. Die Versys geht mit gerade mal 4,4 Litern auf 100 Kilometer am zurückhaltendsten mit dem Reisebudget um. 5,9 Liter schluckt die BMW, der Rest begnügt sich mit etwa fünf Litern. Gut, wenn Funbikes auch an der Tankstelle für gute Laune sorgen.
Weiter geht’s. Endlich schiebt die Sonne die Wolken beiseite. Die Mienen hellen auf, die Schultern entspannen sich. Spätestens jetzt fällt auf, dass Autobahnen für die Buell und Co. nicht zwangsläufig zum Büßerweg mutieren. Vor allem auf der Ducati tourt es sich überraschend gut. Die Vibrationen des luftgekühlten Zweizylinders bleiben moderat, die komfortable Gabel schnupft jede Asphaltrunzel weg, und das straffe Öhlins-Federbein erhält immerhin von einem angenehmen Sitzpolster Schützenhilfe. Selbst die Buell fordert die Leidensbereitschaft nicht über Gebühr. Der große Vau-Zwo poltert mit zwar gut spürbaren, aber niederfrequenten Vibrationen vor sich hin. Und das Fahrwerk bietet trotz straffer Federungsabstimmung aufgrund vernünftiger Sitzgelegenheit akzeptablen Komfort. Obwohl der spitze Kniewinkel durch die hoch angebrachten Fußrasten stört, gilt insgesamt für die amerikanische Charakter-Darstellerin: Auch auf ihr lässt sich der Drei-Länder-Ritt auf der Autobahn viel enspannter als von diesem Konzept erwartet überstehen. Nur Sven ist gezeichnet. Seine Begeisterung über die gelungene Federungsabstimmung und den quirligen Motor der 690er-KTM? Längst verflogen. Überlagert von den durch die hochfrequenten Vibrationen taub geschüttelten Fingern und insbesondere vom Martyrium auf der schmalen und viel zu dünn gepolsterten Sitzbank.
Ausfahrt, letzte Zahlstelle. Karstens Maut-Ticket ist weg. Mist, 50 Euro Bußgeld sind fällig. Eine Stunde später ist der Ärger darüber verflogen denn rund um Fanano sind Geraden ein Fremdwort. Rollentausch? Für Sven schon. Endlich ist die KTM dort, wo sie hingehört. Keine biegt schärfer um die Ecken, lässt sich einfacher in Wechselkurven von einer Schräglage in die nächste werfen. Auf der 690er wird jede Landstraße zur Rennstrecke. Selbst dass der Single für diesen forschen Aufmarsch auf Drehzahl gehalten werden will stört nicht. Und doch verschwindet die BMW nur vorübergehend aus dem Rückspiegel der KTM, gewinnt das Terrain, das sie mit fast fünf Zentnern auf den Rippen in engen Kehren verliert, mit forschem Schub und aus-gezeichneter Straßenlage schnell wieder zurück. Mehr noch: Ihr souveräner Auftritt bringt Grundüberzeugungen ins Wanken, stellt das unerbittliche Entweder-Oder des spezialisierten Funbike-Konzepts plötzlich mit einem Sowohl-als-auch in Frage.
Allerdings gelingt dies nur der BMW. Der Versys fehlen auf den Traumsträßchen nicht nur der dezidierte Antritt, sondern auch bissigere Bremsen und eine straffere Fahrwerksabstimmung. Dennoch: Lässiges Handling, komfortable Federung und gute Manieren machen die Kawa unkompliziert. Viel fehlt nicht, und sie hätte der Funbike-Liga in deren ureigenstem Terrain ebenfalls die lange Nase gezeigt. Wobei Karsten auf der Duc für nichts in der Welt tauschen würde. Trotz des kippeligen Lenkverhaltens. Da das Gesamtpaket begeistert. Der luftgekühlte Vau-Zwo schiebt im mittleren Drehzahlbereich gewaltig voran, drückt die Rote entschlossen aus den Kurven, die Doppelscheibe bremst brachial, das Handling besticht. Gefühlte Geschwindigkeit, das ist es, was ein Funbike ausmacht.
Was Mike nur bestätigen kann. Obwohl die kurze Buell auf Holperpisten schon mal ins Zappeln gerät und nervös lenkt, vermittelt sie das pure Leben. Weil sie kernig antritt, bei jeder Beschleunigung den Allerwertesten und die Hände mit ihrem langhubigen Pulsschlag massiert. Weil ihr dumpfer Sound betört und die Stimme der Vernunft übertönt. Weil sie letztlich – wie die Hypermotard und die KTM – schlicht und einfach Spaß macht.
Dass es den – um zur Anfangsfrage zurückzukehren – nicht ohne Nebenwirkungen geben kann, liegt auf der Hand. Und doch: Abgesehen von der KTM, die auf Tour oder im profanen Alltag durchaus die Leidensfähigkeit des Piloten auslotet, besitzen selbst die spezialisierten Funbikes das Potenzial für ein Leben außerhalb des Kurvengeschlängels, wenngleich in sehr unterschiedlichem Maß. Die Buell noch eben, die Hypermotard über-raschend ausgeprägt. Und die weniger extremen Charaktere wie Kawasaki und BMW sowieso.

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