Konzeptvergleich Suzuki AN 250 Burgman gegen BMW K 1200 RS (Archivversion) Roll-Kommando

Mit einem Sofaroller in die Alpen – Lust oder Frust? MOTORRAD zog aus, die Langstreckenqualitäten des 250er Suzuki Burgman zu erfahren. Mit von der Partie: ein Reiseprofi aus dem Hause BMW.

Wissen Sie, was eine Schnapsidee ist? Die Erfindung des Whiskeys zum Beispiel war eine. Noch viel mehr die, zuviel davon zu trinken – und dann über Dinge zu fachsimpeln, von denen man wenig versteht. »Mit so einem Großroller kann man bestimmt prima touren.« Der Satz stand im Raum, so mächtig wie Suzukis AN 250 Burgman in der Redaktionstiefgarage. Keine mildernden Umstände, auch wenn jedes Gericht der Welt auf »nicht zurechnungsfähig« befunden hätte. So sind sie, die Kollegen.Also: ab in die Alpen. Aber nicht allein. Jener Erbsenzähler, der jedes Wort auf die Goldwaage legt und dessen Name hier gnädig verschwiegen wird, will sich den Spaß nicht entgehen lassen und nebenbei beweisen, daß kein Sofa dieser Welt besser tourt als ein sportliches Reisemotorrad. Sein Fahrzeug: BMW K 1200 RS. Viel dicker ging es nun wirklich nicht.Klamotten aufgeschnallt und fertig. Bei der BMW jedenfalls, die auch noch ein paar praktische Koffer trägt. Der Burgman dagegen verweigert sich jeder Gepäckaufnahme. Keine Haken, keine Laschen, nur Plastik am Heck. Da läßt sich guten Gewissens kein Gurt befestigen. Unter die hydraulisch öffnende Sitzbank passen ein paar Unterhosen nebst drei Dosen Thunfisch und vorn, ins Mini-Handschuhfach die Zahnbürste plus Zigaretten. Aber Gepäckrolle? Kommt auf die K 1200.Erste Etappe: Autobahn bis zum Alpenrand. »Ich warte da auf dich«, verabschiedet sich der BMW-Fahrer. »Habe ein bißchen Lektüre mitgenommen. Shakespeares gesammelte Werke.« Weg ist er. 200 Kilometer – keine große Sache mit der RS. Windschild hochgestellt, sechsten Gang rein und mit lockeren 180 Sachen über die Bahn. Und der Burgman? Meine Güte: Bis der erst mal aus der Stadt raus ist. Man traut sich ja an keiner Ampel, in die erste Startreihe vorzudrängeln. Wehe, man vergißt, die Verzögerung einzukalkulieren, mit der die Fliehkraftkupplung greift. Und dann dieser Antritt, sooo zäh. Erst bei 6000 Touren, sprich 80 km/h, stemmt der Viertakter sein maximales Drehmoment auf die Variomatik. Dafür ist’s ganz lustig, so ganz ohne kuppeln und schalten durch die Gegend zu rollern.Endlich auf der Bahn, Gasgriff auf Anschlag. Immerhin: 130 Stundenkilometer. Das reicht, um Laster zu überholen und läßt Muße genug, über die eigenen Befindlichkeiten nachzudenken: gemütliche Sitzposition. Echt. Wie auf dem Lokus. Nur besser gepolstert. Wenn’s von hinten her nur nicht so zöge. Das mächtige Windschild verursacht enorme Verwirbelungen. Ob groß oder klein – alle haben ihren Ärger damit.Keine Probleme hingegen mit dem Fahrverhalten. Der Burgman rollt auf großem Fuß. 13-Zoll-Räder. Dazu ein ellenlanger Radstand und eine flach angestellte Gabel, fertig ist ein ordentlicher Geradeauslauf. Man fährt und fährt und fährt und würde noch viel weiter fahren, wäre da nicht die Tankanzeige, die bereits nach 170 Kilometern zum Nachfassen mahnt. 5,4 Liter auf 100 Kilometer Vollgas. Es kommt so etwas wie Zuneigung auf.Mit 55 Minuten Vorsprung erreicht das BMW-Team das Etappenziel Füssen. Verbrauch insgesamt: 16 Liter Sprit, drei Currywürste, zwei Stück Kuchen. Ergebnis: Magen verbogen. So was nennt man Pyrrhussieg. Aber die Alpen werden’s schon richten. Fernpaß, Reschenpaß. Klar ist: Die BMW kann das. Ziemlich gut sogar. Immer wieder begeistert sie durch spielerisches Handling. Und das bei 290 Kilogramm Lebendgewicht. Weitere Highlights: dieser vorbildliche Komfort und natürlich – der Motor. Zieht aus allen Lagen.Damit kann der Burgman nicht dienen. Doch wenn man ihn mit seinen eigenen Mitteln kämpfen läßt, wird die Fahrt durchs Kurvenlabyrinth auch mit ihm zum Genuß. Ein Roller heißt Roller, weil man ihn rollen lassen muß. Keine hektischen Überholmanöver, dazu reicht die Kraft nicht aus. Statt dessen: strategisch denken. Vorausplanen – und im richtigen Moment zuschlagen. Oder einfach dahinter bleiben. Das herrliche Bergpanorama genießen. Und die famose Kurvenlage. Trotz der Nervosität, die gemessen an Motorradverhältnissen von den relativ kleinen Rädern ausgeht, läßt sich mit etwas Übung ein sauberer Strich fahren.Nur zu forsch darf man es nicht treiben. Jenseits von 90 km/h entwickelt der AN in Schräglage ein reges Eigenleben. Er zeigt, was er nicht mag. Nennt man das Charakter? Auf jeden Fall öffnet es Perspektiven abseits der Asphaltbänder. Bergseen werden blauer, Wälder und Wiesen grüner, Ortschaften mutieren vom notwendigen Übel zur willkommenen Abwechslung. Einfach treiben lassen. Das ist es. Und bei Bedarf ruhig mal anhalten.Dieser Entschluß darf bei den Bremsen des Burgman ruhig spontan gefaßt werden. Funktioniert wirklich prächtig, dieses Integralbremssystem. Einfach den linken Hebel gezogen, und Vorder- wie Hinterradbremse werden aktiv. Und zwar vehement. Wenn es trotzdem nicht reicht, kann rechts nachgeholfen werden. Kinderleicht und effektiv.Die BMW wartet am Fuße des Stilfser Jochs. Doch ihr Motor knistert noch. Sie kam erst vor kurzem an. War auf 175 Kilometern Landstraße gerade mal zehn Minuten schneller. Nichts mit Currywurst und Kuchen und schon gar nicht mit Shakespeare.Doch nun gilt es: Stilfser Joch. Rauf, auf 2757 Meter. Serpentinengeschlängel, kurze Geraden, zwölf Prozent Steigung, Frostaufbrüche, groß wie Mondkrater. Eine Strecke, auf der selbst die BMW Probleme bekommt. Deren Leichtfüßigkeit weicht hier, in den engen Kehren, einem kippeligen Fahrverhalten. Das Gewicht macht sich bemerkbar. Nur gut, daß auch in der dünnen Luft noch genügend Kraft vorhanden ist, um mit gezieltem Gaseinsatz die Spur zu halten. Spielerisch ist das nicht mehr, aber sie stürmt nach oben, mit Biß und Engagement.Ganz anders der Burgman. Er schleicht, er kann nicht anders. Tut einem leid, aber hoch muß er. Quält sich von Kurve zu Kurve, mit 40, 45 km/h. Bloß nicht den Schwung verlieren in den Kehren, selbst wenn der Hauptständer rechts herum hart aufsetzt. Knapp 1,60 Meter Radstand machen die Sache auch nicht leichter, und das Vorderrad stürzt sich in jeden Frostaufbruch, als wäre es der letzte.Das hat nichts mehr von Treiben lassen, das ist harter Kampf. Man hilft mit den Füßen nach, flucht und schwitzt. Bis es passiert, bis der Groschen endlich fällt: Wir können – und müssen – hier nicht hochrasen. Wir rollern durch die Alpen. Und zwar in artgerechtem Tempo. Kehre für Kehre, Steigung für Steigung. Der Weg ist das Ziel. Der Einsicht folgt Entspannung. Und dann erschließt sich der Berg in seiner ganzen Schönheit. Diese atemberaubenden Ausblicke. Diese gewaltige Natur. Und oben auf der Paßhöhe... was für ein Panorama.Der Roller hat mit 20 Minuten doppelt so lange gebraucht wie die BMW, aber das stört nun wirklich nicht mehr. Hier oben zählen andere Dinge. Einträchtig werden Pläne für die Rückfahrt geschmiedet. Und, als ob das Höhentrainingslager frische Kräfte freigemacht hätte, saust der Burgman die Paßstraße hinunter, immer am Hinterrad der K 1200. Gute Bremsen eben. Was für ein Spaß. Alpenglühn. Mit dem Sofaroller. Von wegen Schnapsidee.

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