Krimineller Teilehandel (Archivversion)

Des Diebes Gut

Sebastian D.* erklärte sich zur Ich-AG, handelt mit Teilen, hauptsächlich übers Internet. Früher verkaufte er auch gestohlene Ware. Ohne das zu wissen, wie er sagt. Jetzt muss er dafür vielleicht in den Knast.

Bevor Sebastian D. für zwei Wochen in U-Haft einsaß, machte er einen Fehler. Er nahm keine Zahnbürste mit. Und auch sonst nichts. »Ich habe
gedacht, ich bin in einer halben Stunde wieder zu Hause.« Eine naive Erwartungshaltung, schnurstracks an der Wirklichkeit vorbei. Vor dem Haus, in dem
er mit seiner Frau und seinen Kindern lebt, war nämlich die Polizei mit einem Aufgebot angerückt, das D. später als »ganz große Kavallerie« bezeichnet: drei Streifenwagen, zwei zivile Kripolimousinen, drei Lkw, »die ganze Straße voll«. Da
hatten die Nachbarn hinter den Gardinen was zu glotzen, so etwas wird in einer Kleinstadt nicht jeden Tag geboten.
Während einige Beamte den kompletten Warenbestand – mehrere Motorräder, mehrere tausend Teile – einluden, luden die anderen D. selbst ein, zu einer Fahrt aufs Revier, in Handschellen. Der Vorwurf: schwerer Bandendiebstahl mit zwei weiteren Komplizen. D. war angesichts dieses Vorwurfs und des ihm präsentierten Haftbefehls so verdattert, dass er gleich alles unterschrieb, was die Polizisten ihm unter die Nase hielten, mit dem Zusatz: »Wenn Sie sich weigern, wir erreichen schon, dass Sie unterschreiben, dann kommen wir halt noch mal.« Was D.
auf jeden Fall vermeiden wollte, auch der lieben Nachbarn wegen.
Ein Jahr zuvor hatte D. seinen Job verloren. Statt rumzujammern, meldete
er ein Gewerbe an, machte sein Hobby zum Beruf, das Motorrad. Mit Teilen und alten Maschinen hatte er schon früher, als Privatmann, zu tun, im kleinen Stil,
für Freunde und Bekannte. Gefälligkeiten eben, von einem, der sich auskennt.
Als die Banken Jungunternehmer D.
Kredite verweigern – der Plan eines
Arbeitslosen, in die Motorradbranche
einzusteigen, gilt in Finanzkreisen als
wenig vertrauenswürdig –, beschaffte der sich sein Startkapital halt auf anderem Wege. »Keine Sicherheiten, kein Kapital, also musste ich vor der Anmeldung des
Gewerbes was machen, ich will das mal so benennen.«
Was er so benennt, ist Folgendes:
immer mehr Teile und alte Motorräder aufkaufen, zerlegen und mit so viel
Gewinn wieder losschlagen, dass die
Familie einigermaßen über die Runden kommt. Seine Ware fand D. in regionalen Zeitungen, Anzeigenblättern und durch Mundpropaganda, seine Kunden hauptsächlich über das Internet, die meisten bei ebay. In Deutschland verdienen mittlerweile an die 10000 Menschen ihren Lebensunterhalt als Händler im Online-Auktionshaus. »Warum nicht auch ich?« dachte sich D., »sollte doch funktionieren.«
Die Zahl der bei ebay.de angebotenen Artikel explodiert, von vier Millionen im dritten Quartal 2000 auf 48 Millionen
im dritten Quartal 2003. Nicht anders
die Zahl der Nutzer – inzwischen über
16 Millionen. Schon im Weihnachtsgeschäft 2002 war rund jedes fünfte
Paket, das die Post zustellte, eine ebay-Sendung. Alle drei Minuten wechselt
laut »Focus« über ebay.de ein Auto den Besitzer, alle sechs Minuten ein Gartenzwerg und immerhin alle drei Stunden
ein Bagger. In seinen besten Zeiten
verkaufte Ich-AGler D. bis zu 50 Motorräder und um die 2000 Teile pro Monat. »Das muss man organisieren, die Frau hilft beim Verpacken, ein Bekannter beim
Zerlegen. Ankauf und Verkauf sind meine Sache, obwohl ich keine kaufmännische Ausbildung habe. Die Preise kalkuliere ich über meine Erfahrung.«
Da hätte er mit seiner Erfahrung doch merken müssen, dass er mehrere Kisten mit Motorradteilen zu Hehlerpreisen erworben habe. So zumindest der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Waren die Teile tatsächlich so günstig, dass D. hätte
wissen müssen: Die sind geklaut? »Nein«, sagt er und verweist auf die Besonderheiten des Gebrauchtteilemarkts. »Bei einer gemischten Teilesammlung lässt sich
der Preis schwer abschätzen. Oft fehlen
die Stücke, die am besten gehen, Tank, Auspuff, Instrumente, das drückt den Preis, ebenso, dass die Funktion nicht
zu prüfen ist. Wenn ich Teile kaufe, kaufe ich die Katze im Sack. Dafür war der Preis angemessen, nicht auffällig billig.«
Außerdem sind viele Motorraddiebe selbst Profis, die erstens wissen, was
ihre Beute wert ist, und zweitens, dass
sie sich verdächtig machen, wenn sie zu
billig anbieten. Meist kommen die günstigsten Angebote deshalb von Privatleuten, die nichts anderes wollen, als
ihr Zeug einfach nur loszuwerden. Die häufigsten Gründe: Umzug, Finanznöte, Platzmangel. Oder Ehestreit. »Einmal hat mir eine Frau ein Motorrad verkauft, ich hatte schon bezahlt und eingeladen, da kam ihr Mann auf den Hof und schrie rum: Du hast sie wohl nicht alle, das ist meine Maschine, raus damit, aber zackig. Ich habe dann mein Geld wiedergekriegt und das Motorrad dagelassen.«
Dass Teile, die D. gekauft und wieder verkauft hatte, gestohlen waren, habe er erst im Nachhinein gemerkt, sagt er. Als eine seiner Bezugsquellen ihm mehrere Male neuere Maschinen anbot, allesamt ohne Brief, horcht D. auf: »Die sind doch
geklaut?« »Klar«, macht Anbieter X. keinen Hehl daraus. »Dann lass mal stecken«, sagt D. sofort, »die will ich nicht.« Woraufhin X. versucht, ihn einzuschüchtern.
»Damit du’s weißt, du hast bereits geklaute Teile von mir verkauft, du hängst eh schon mit drin. Wenn ich auffliege, fliegst du genauso auf.« Das wirkt. D. erlaubt X., mehrere gestohlene Motorräder in einem seiner Schuppen unterzustellen. »Das war der größte Fehler meines Lebens.«
Der sollte sich schon bald rächen. Nicht weil D. geplaudert hätte, nicht
weil X. geplaudert hätte, sondern weil Y. geschludert hat. Y., einer der Typen, die
für X. die Motorräder beschafften, nicht über den Anzeigenteil der Lokalzeitung. Dummer Zufall, dass einer der Motorradfahrer, bei dem sich Y. kurz zuvor bedient hatte, seinen Untersatz in Y.s sperrangelweit offener Garage entdeckte. Und
meinte, das doch besser der Polizei mitzuteilen. Daraufhin passierte, was in
solchen Fällen immer passiert. Der Kleinkriminelle Y. versuchte seine Haut zu
retten. Indem er redete. Um seine Schuld zu mindern, schwärzte er X. und D. an.
Er habe im Auftrag von X. Motorräder für D. gestohlen. Auch X., der als Zweiter festgenommen wurde, redete – wie versprochen. »Der stellte das so dar, als sei ich an ihn herangetreten, mir die Motorräder irgendwie zu besorgen, er selbst
sei nur der Vermittler gewesen, aber das stimmt nicht«, sagt D. Damit lagen Polizei und Untersuchungsrichter drei unterschiedliche Aussagen dreier Personen vor. Was den Richter dazu bewog, D. in U-Haft zu schicken.
Da saß D. erst mal, zunächst ohne Zahnbürste, ohne Kontakt zur Familie. »Ich habe mich gefühlt, wie aus der Welt gerissen, Gefängnis ist das Härteste,
was ich erlebt habe. Da sitzt man drin, und man weiß nix, und es erklärt einem auch niemand was.« Nach zwei Wochen konnte ihn sein Anwalt gegen Kaution rausholen. Nach zwei Wochen erhielt
er, abgesehen von den geklauten Motorrädern, auch seinen Warenbestand zurück, vollzählig. »Die hatten nichts zu beanstanden.« Wohl aber D. »Die Beamten waren ja nicht gerade zimperlich. Manche sind noch mit den Motorrädern ums Eck gefahren, bevor sie sie einluden.«
Raus aus dem Knast, führt D. seinen Gebrauchtteilehandel weiter, nach bewährtem Muster. »Auf dringende Anfragen, ob ich nicht kurzfristig dies und das besorgen könnte, reagiere ich gar nicht.« Weil es sich nicht lohnt. Das Internetgeschäft lebt vom hohen Durchsatz. Nur so können es die Anbieter
verschmerzen, mal ein Teil unter Wert versteigern zu müssen. So, oder wenn
es sich um Diebesgut handelt? »Glaube ich nicht. Ich kenne den Markt, schätze, dass allenfalls fünf Prozent der Angebote heiß sind. An den meisten Teilen herrscht doch kein Mangel, vor allem bei neueren Maschinen.«
Die Statistik scheint D.s Einschätzung zu stützen. Obwohl die Aufklärungsquote bei Motorradklau extrem niedrig liegt – gerade mal 15 bis 20 Prozent – und
obwohl sich über das Internet neue
Vertriebswege für Hehlerware eröffnet haben, stieg die Anzahl der Diebstähle versicherungspflichtiger Motorräder von 2001 auf 2002 »nur« um vier Prozent, von 6893 auf 7174 Fälle. In weit größerem Ausmaß als im Motorradbereich wird mit Haushaltsgeräten, mobilen Telefonen und Unterhaltungselektronik illegal im Netz gedealt. Legale von geklauter Ware zu unterscheiden fordert immer die Prüfung im Einzelfall (siehe Kasten). Beispiel Brief: Fehlt er, kann das auch heißen, dass der Verkäufer ihn über die Zeit verschlampt hat. Niemals sollte man jedoch darauf verzichten, sich das Geschäft quittieren zu lassen. Gerade das hatte D. vergessen, als er sein Geschäft aufbaute und sich gestohlene Ware andrehen ließ.
Die Quittung bekommt er jetzt erst. In seiner Kleinstadt wird hinter vorgehaltener Hand getuschelt, seine Kinder finden keine Spielkameraden mehr, und seine Familie hat den Kontakt zu ihm abgebrochen. Die dickste Rechnung erwartet ihn noch vor Gericht. Ob das ihm abnimmt, dass er von X. erpresst und nur deshalb die Motorräder bei sich untergestellt hat, bleibt
abzuwarten. Dann könnte Sebastian D. mit zwei Jahren auf Bewährung davonkommen. Wenn sich allerdings für das Gericht der Verdacht auf schweren Bandendiebstahl erhärten sollte, drohen D. bis zu zehn Jahren Haft.
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Teilehandel, krimineller, im Internet: Reportage (Archivversion) - Heisse Ware im Netz

Wer geklaute Ware kauft, macht sich der Hehlerei strafbar (§ 259 Strafgesetzbuch). Das gilt für den Kauf im Internet genau wie für den Teilehandel auf der Veterama.
Ebay-PR-Direktor Joachim Güntert ist Optimist: »Wir glauben, dass Menschen im Allgemeinen
ehrlich sind.« Seine Kunden glauben das anscheinend auch, denn der
virtuelle Marktplatz floriert. Auf dem treiben sich freilich auch Teilnehmer herum, die sich hinter der Maske der Anonymität verstecken. Zumindest für Käufer oder Verkäufer, nicht aber für die Marktaufsicht von ebay. Denn die verlangt und kontrolliert, dass User von anonymen E-Mail-Diensten (zum Beispiel gmx.de, web.de, hotmail.de) eine Kreditkartennummer oder aktuelle Postanschrift vorlegen. Im konkreten Verdachtsfall kann (und wird) ebay über die Benutzerdaten die Identität feststellen und den ermittelnden Behörden weitergeben, nicht aber dem eventuell
betrogenen Käufer oder Verkäufer.
Ein Internet-Auktionshaus, das trifft nicht nur auf ebay zu, übernimmt keine Haftung für die versteigerten Waren, kann also nicht ausschließen, dass unter den unzähligen
Artikeln auch gestohlene oder unterschlagene Teile im Umlauf sein könnten. Auf unter ein Prozent
beziffert Güntert den Anteil illegaler Ware bei ebay. Dennoch: Es kann passieren, dass Sie an Anbieter
heißer Teile geraten. Kaufen Sie, machen Sie sich der Hehlerei strafbar (§ 259 StGB), auch wenn Sie gar nicht wussten, dass es sich
um Diebesgut handelt. Auf Hehlerei steht eine Freiheitsstrafe von bis
zu fünf Jahren. Allerdings: Wenn Sie plausibel nachweisen können, im guten Glauben gehandelt zu haben, also nicht fahrlässig und ohne Vorsatz, liegt kein Grund vor, gegen Sie zu ermitteln. Zivilrechtlich gilt nach § 935 des Bürgerlichen Gesetzbuchs, dass an Gestohlenem kein Eigentum erworben werden kann. Eigentümer bleibt nämlich stets der Bestohlene, der die Rückgabe der Ware verlangen kann. Um Ihr Geld wieder zu bekommen, müssten Sie sich an den Verkäufer wenden – in vielen Fällen eine vergebliche Mühe.
Auch bei Internetauktionen bietet der Erwerb über einen Händler
größere Sicherheiten. Im Netz sind Händler jedoch nicht verpflichtet, sich als solche auszuweisen. Hinweis auf einen versteckten Händler bietet etwa der Umfang der von
ihm angeboteten Ware, die man sich bei ebay anzeigen lassen kann. Im Zweifelsfall, etwa wenn ein Produkt weit unter Marktpreis oder in großen Mengen verfügbar ist, hilft eine Mail an den Anbieter, in der
Sie sich erkundigen, ob Sie es bei Ihrem Verkäufer mit einem gewerblichen Händler zu tun haben, ob
Sie eine Quittung erhalten können, ob er Ihnen die Herkunft der Ware offen legen kann. Und ob er bereit ist, Gewährleistung zu bieten. Ein professioneller Anbieter muss das, ein Privatmann nicht.
Auf jeden Fall sollten Sie den Schriftverkehr ausdrucken und aufbewahren, um Transaktionen nachvollziehen zu können.

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